Sexualkunde für Hassprediger

Ereiferte sich wieder einmal ein Hassprediger über die Werte der Aufklärung wie Menschenrechte, Selbstbestimmung, Emanzipation und Gleichheit, so räumte er immerhin ausdrücklich ein, dass er und seinesgleichen das Problem sind: “Wir sind es”, lautete das Fazit von Roland Tichy, Chefredakteur der “Wirtschaftswoche” und Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung. Der schrieb, diesmal nicht in seinem Magazin, sondern in seinem Blog Weiterlesen

Ihre Einsendung zu unserem Literaturwettbewerb II

Erweitert es die dokumentarische Briefroman-Kurzgeschichte über Ablehnung von Literaturwettbewerbsbeiträgen, die A. R. im Mai vorlegte, so nimmt seine neu entstandene Reprise doch gänzlich andere Themen auf und zeichnet das Bild der Korrespondenten in bunteren, fröhlicheren Farben als zuvor: Weiterlesen

Schavans Nachworte zur Apokalypse

Erbloggtes von Causa Schavan:

Die Bundesrepublik Deutschland wird beim Heiligen Stuhl neuerdings durch eine Person vertreten, die “nach dem Verlust von Doktorwürde und Regierungsamt eine besondere Mission in Rom erfüllen” will. So steht es im neuesten großen Annette-Schavan-Beitrag der WELT am SONNTAG. Als römische Glaubenskongregation in eigener Sache geht diese Botschafterin nämlich mit glühendem Eifer der besonderen Mission nach, weiterhin von ihrer heiligmäßigen Unschuld zu künden. Vom erlittenen Martyrium. Und nebenher auch von ihrer unvermindert anhaltenden Wichtigkeit. In Leserkreisen der BUNTEN und der WELT am SONNTAG wird es gewiss auf Interesse stoßen, dass Ihre Exzellenz in ihrem ganzen Leben noch niemals getäuscht hat, und zwar ganz genau niemanden niemals nicht. Ferner: Dass sie künftig auf einem roten Motorroller durch Rom zu kurven gedenkt.

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Nicht nur die süffisante Rekapitulation der jüngeren Schavan-(Hof-)Berichterstattung Weiterlesen

Annette Scharlatans Nutzenkalkül

Erlerntes bleibt länger im Gedächtnis, wenn man es mit anschaulichen, lebensnahen Beispielen verankert. Das weiß auch der Düsseldorfer VWL-Professor Justus Haucap, weshalb er seine Prüflinge im Wintersemester 2011/2012 nach Partys und Urlaubsreisen des “Bundesprominente[n] Chris Fox und seine[r] neue[n] Frau Betty” fragte. Auf dem Höhepunkt der Wulff-Affäre waren diese Klausurfragen ein gefundenes Fressen für zahlreiche Medien bis hin zur FAZ. Kurz darauf trat Wulff zurück. Die Kommentarspalten-Ökonomen stritten sich weiter um die Lösung. Weiterlesen

Irre

Erreichte Seinszustände müssen nicht unbedingt bewusst werden. Bei der Kunst wie bei der Droge gilt: Hauptsache sie wirkt. Arne R. jedenfalls reichte jüngst eine Miniatur ein, die wahlweise zur Psychodiagnostik oder zur Zeitdiagnostik geeignet scheint. Agnostik gebietet sie jedenfalls im Hinblick auf den klassischen Geniekult Weiterlesen

Wessen Recht auf Bildung?

Erdachtes von heute ist die These:

Im Lichte der Menschenrechte betrachtet, ist Schulpflicht die Pflicht des Staates, Schule so zu gestalten, dass Kinder ihr Menschenrecht auf Bildung und Entfaltung der Persönlichkeit gerne dort ausüben wollen.

Rechte und Pflichten korrespondieren miteinander: Wenn jemand ein Recht hat, bedeutet dies, dass andere eine Pflicht haben und umgekehrt. Die Adressaten von Rechten und Pflichten werden aber gern verwechselt. Die Einführung von Menschenrechten hat glücklicherweise klar gemacht, dass Menschen primär Träger von Rechten sind. Aus diesen Rechten ergeben sich dann zwangsläufig Pflichten.

Adressaten dieser Pflichten sind einerseits alle anderen Menschen: Sie sind prinzipiell verpflichtet, die Rechte eines Jeden zu achten, wenn der Ausdruck “ein Recht haben” eine praktische Bedeutung haben soll. Andererseits sind – davon abgeleitet – auch Staaten Adressaten der Pflichten, die den Rechten der Menschen korrespondieren.

Erst aus diesen Pflichten der Staaten ergeben sich die Rechte von Staaten, Handlungen vorzunehmen. (Gut sichtbar wird das in der in der gegenwärtigen Epoche am Phänomen der menschenrechtlichen Intervention. So umstritten sie sein mag, ihre Begründungslogik ist basal schlüssig.)

Die herkömmliche Interpretation von Schulpflicht als Pflicht von Kindern, sich vom Staat beschulen und dazu notfalls polizeilich vorführen zu lassen, würde hingegen implizieren, dass Staaten ein Recht darauf hätten, Bildung, Schulung, Information und Persönlichkeitsentwicklung ihrer Bürger durchzuführen. So formuliert, klingt das schon ziemlich totalitär.

Aber es ist wohl nicht von der Hand zu weisen, dass die stärksten Traditionen des hiesigen Schulsystems aus dem preußischen Obrigkeitsstaat – und von vor der ersten Menschenrechtsdeklaration – stammen, als eine solche Denkweise von der primären Würde des Staates über der Würde (wenn überhaupt) seiner Untertanen selbstverständlich war.

[Update, 18. September 2014] Ein Überblick über die Frühgeschichte der Schulpflicht, zurückgehend auf Athens Gesetzgeber Solon, findet sich unter dem Stichwort “Schulzwang” in:

  • Karl Adolf Schmid, Christian David Friedrich Palmer, Johann David Wildermuth (Hrsg.): Encyklopädie des gesammten Erziehungs- und Unterrichtswesens. 8. Band, Gotha 1870, S. 381-399 (Digitalisat auf Google Books).

Statt vom preußischen Obrigkeitsstaat als Quelle der Schulpflicht sollte man vielleicht lieber allgemeiner vom kameralistischen Obrigkeitsstaat sprechen, da parallele Bestrebungen in verschieden Ländern zu beobachten sind. Preußen war da allerdings – wie nicht anders zu erwarten – ganz vorne mit dabei:

“ein strenger Schulzwang ward aber erst durch die Schulordnung vom J[ahr] 1736 [...] begründet [...] hinsichtlich der Jugend von 5-12 Jahren” (S. 385)

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In dieser Hinsicht ist es zu begrüßen, dass Bundesjustizminister Heiko Maas jüngst als Prinzip seiner Strafrechtspolitik erklärt haben soll: “Mit dem Körper von Kindern und Jugendlichen darf niemand Geld verdienen.” Lehrerinnen und Lehrer, die als bezahlte Erfüllungsgehilfen staatlicher Zwangsbeschulung täglich Millionen von Schülerinnen und Schülern menschenrechtsverachtende Gewalt antun, werden damit wirksam kriminalisiert.

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Griff nach der Westmacht

Erweist es sich als plausibel, dass in ein und demselben Zeitungsartikel konträre Perspektiven zum Ausdruck kommen? Wahrscheinlich muss man es als die große journalistische Kunst verstehen, dass Journalisten bloße Leinwände seien, auf die verschiedenene in einer Gesellschaft vertretene Perspektiven sich projizieren können – oder auch nicht. Je nachdem, wie eng sie vernetzwerkelt sind mit diesen Journalisten. Doch zur Projektion später mehr. Zuerst eine Skizze der “westlichen” Außenpolitik von Bernd Ulrich, Politikchef von “Die Zeit” Weiterlesen