Wessen Recht auf Bildung?

Erdachtes von heute ist die These:

Im Lichte der Menschenrechte betrachtet, ist Schulpflicht die Pflicht des Staates, Schule so zu gestalten, dass Kinder ihr Menschenrecht auf Bildung und Entfaltung der Persönlichkeit gerne dort ausüben wollen.

Rechte und Pflichten korrespondieren miteinander: Wenn jemand ein Recht hat, bedeutet dies, dass andere eine Pflicht haben und umgekehrt. Die Adressaten von Rechten und Pflichten werden aber gern verwechselt. Die Einführung von Menschenrechten hat glücklicherweise klar gemacht, dass Menschen primär Träger von Rechten sind. Aus diesen Rechten ergeben sich dann zwangsläufig Pflichten.

Adressaten dieser Pflichten sind einerseits alle anderen Menschen: Sie sind prinzipiell verpflichtet, die Rechte eines Jeden zu achten, wenn der Ausdruck “ein Recht haben” eine praktische Bedeutung haben soll. Andererseits sind – davon abgeleitet – auch Staaten Adressaten der Pflichten, die den Rechten der Menschen korrespondieren.

Erst aus diesen Pflichten der Staaten ergeben sich die Rechte von Staaten, Handlungen vorzunehmen. (Gut sichtbar wird das in der in der gegenwärtigen Epoche am Phänomen der menschenrechtlichen Intervention. So umstritten sie sein mag, ihre Begründungslogik ist basal schlüssig.)

Die herkömmliche Interpretation von Schulpflicht als Pflicht von Kindern, sich vom Staat beschulen und dazu notfalls polizeilich vorführen zu lassen, würde hingegen implizieren, dass Staaten ein Recht darauf hätten, Bildung, Schulung, Information und Persönlichkeitsentwicklung ihrer Bürger durchzuführen. So formuliert, klingt das schon ziemlich totalitär.

Aber es ist wohl nicht von der Hand zu weisen, dass die stärksten Traditionen des hiesigen Schulsystems aus dem preußischen Obrigkeitsstaat – und von vor der ersten Menschenrechtsdeklaration – stammen, als eine solche Denkweise von der primären Würde des Staates über der Würde (wenn überhaupt) seiner Untertanen selbstverständlich war.

[Update, 18. September 2014] Ein Überblick über die Frühgeschichte der Schulpflicht, zurückgehend auf Athens Gesetzgeber Solon, findet sich unter dem Stichwort “Schulzwang” in:

  • Karl Adolf Schmid, Christian David Friedrich Palmer, Johann David Wildermuth (Hrsg.): Encyklopädie des gesammten Erziehungs- und Unterrichtswesens. 8. Band, Gotha 1870, S. 381-399 (Digitalisat auf Google Books).

Statt vom preußischen Obrigkeitsstaat als Quelle der Schulpflicht sollte man vielleicht lieber allgemeiner vom kameralistischen Obrigkeitsstaat sprechen, da parallele Bestrebungen in verschieden Ländern zu beobachten sind. Preußen war da allerdings – wie nicht anders zu erwarten – ganz vorne mit dabei:

“ein strenger Schulzwang ward aber erst durch die Schulordnung vom J[ahr] 1736 [...] begründet [...] hinsichtlich der Jugend von 5-12 Jahren” (S. 385)

* * *

In dieser Hinsicht ist es zu begrüßen, dass Bundesjustizminister Heiko Maas jüngst als Prinzip seiner Strafrechtspolitik erklärt haben soll: “Mit dem Körper von Kindern und Jugendlichen darf niemand Geld verdienen.” Lehrerinnen und Lehrer, die als bezahlte Erfüllungsgehilfen staatlicher Zwangsbeschulung täglich Millionen von Schülerinnen und Schülern menschenrechtsverachtende Gewalt antun, werden damit wirksam kriminalisiert.

————————————————————

Griff nach der Westmacht

Erweist es sich als plausibel, dass in ein und demselben Zeitungsartikel konträre Perspektiven zum Ausdruck kommen? Wahrscheinlich muss man es als die große journalistische Kunst verstehen, dass Journalisten bloße Leinwände seien, auf die verschiedenene in einer Gesellschaft vertretene Perspektiven sich projizieren können – oder auch nicht. Je nachdem, wie eng sie vernetzwerkelt sind mit diesen Journalisten. Doch zur Projektion später mehr. Zuerst eine Skizze der “westlichen” Außenpolitik von Bernd Ulrich, Politikchef von “Die Zeit” Weiterlesen

Der konservative Politiker und die deutsch-serbische Plagiatsfreundschaft

Erstaunt es, dass sich inzwischen Zeitgenossen so unterschiedlicher akademischer wie politischer Orientierungen als Plagiatoren erweisen? Vor Guttenberg bestand das irrige Vorurteil, deviante Gestalten, die es mit Regeln nicht so eng nähmen, Punks, Spinner und linke Anarchos, wären die prototypischen Plagiatoren: Der Infragestellung von Eigentum und gesellschaftlicher Ordnung korrespondiere eine Denk- und Schreibweise, die von anderen hemmungslos übernehme, was gerade passend erscheine, sich aneigne, das eigene Denken, wenn man da überhaupt von Denken sprechen könne, überall zusammenklau(b)e. Weiterlesen

Kurzmitteilung

Erleichtert es die vielgeplagte Düsseldorfer Universität, dass sie sich nun die Vorarbeit für die “Netzwerktagung” der Alexander von Humboldt-Stiftung im November 2015 sparen kann? Geplant war diese Tagung, die in erster Linie der Einführung der neu eingetroffenen ausländischen Stipendiaten der Stiftung dient, schon lange. Offiziell ist auch immer noch Düsseldorf als Tagungsort angekündigt. Doch nun wurden die Beteiligten an der Uni Düsseldorf per E-Mail davon unterrichtet, dass die Humboldt-Stiftung den Tagungsort kurzerhand verlegt hat: Nach Augsburg. Zur Begründung habe die Stiftung mitgeteilt Weiterlesen

Frauengeschichten

Erinnerte sich die treue Leserschaft dieses Blogs nicht an Arne R.s Frauengeschichten? Ein Jahr ist es nun her, dass jenes Werk auf diesen Seiten erstmals vom Licht der Öffentlichkeit beschienen ward. Zeit genug für neue Abenteuer, und für eine sanfte Revision der Alten [sic]. Kennerinnen und Novizen Weiterlesen

Schavan-Gutachter: Gekündigt wegen Unanständigkeit

Erstaunt es nach dem Ränkespiel der Allianz der Wissenschaftsorganisationen im Fall Schavan, wenn der damalige Düsseldorfer Prodekan nun mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) nichts mehr zu tun haben will? In einem Nachtrag zu ihrem lesenswerten Artikel über den Einsatz des Berliner Ex-Senators Jürgen Zöllner für Schavan (“der einzige Politiker jenseits der Union, von dem eine solche Intervention bekannt ist”) erwähnte Anja Kühne jüngst, dass Stefan Rohrbacher der DFG per Mail seine weitere Mitwirkung in deren Begutachtungsverfahren aufgekündigt hat Weiterlesen

Uni Düsseldorf feiert: Lammert kommt doch nicht!

Erstaunt es nun mehr, dass Norbert Lammert zunächst zusagte, eine Festrede zum 50jährigen Bestehen der Universität Düsseldorf zu halten, oder dass er diese Zusage gerade wieder zurückzog? Er wird sich doch wohl nicht die hier spezifizierten Anforderungen an den Redner zu Herzen genommen haben:

“Nachsicht wird auch von Norbert Lammert erwartet, Weiterlesen