Guttenbergs Doktorvater und andere Professoren

Erschütterte sein prominentester Doktorand Guttenberg das Vertrauen Peter Häberles in die Menschen? Das behauptet Heribert Prantl in seinem Hintergrundstück “Guttenbergs verzweifelter Doktorvater”, einer Sonntagsrede über persönliche Ehre, enttäuschtes Vertrauen und naive Gutmütigkeit. Hier geht es um einige der bisher offen gebliebenen Fragen und um das System, das zum “spannendsten politischen Skandal seit Jahren” geführt hat.

Peter Häberle

Von den möglichen Erklärungen, die das Unentdecktbleiben von Guttenbergs “Blödsinn” im Promotionsverfahren verständlich machen könnten, wählt Prantl die freundlichste für Häberle:

“Er vertraut den Menschen, die mit ihm und bei ihm arbeiten, er vertraut ihnen ohne Arg und ohne jede Einschränkung [...], er hat sich blenden lassen vom Auftreten, vom Adel und von vermeintlicher Noblesse Guttenbergs [...]. Und so galt Häberles großzügiges summa cum laude eigentlich nicht der Leistung Guttenbergs, sondern den Gedanken und Denkern, von denen Guttenberg abgeschrieben hat und dem gefälschten Eindruck, den er von ihm hatte.”[1]

Demnach ist Guttenberg der Betrüger, Häberle der am meisten Betrogene. Das ist falsch. Häberle ist – objektiv – Mittäter, bestenfalls durch Pflichtversäumnis. Nur durch Häberles Wegschauen konnte Guttenberg allen anderen vorgaukeln, er habe “über sieben Jahre, neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit” einen eigenständigen Beitrag zur Wissenschaft geleistet und sei dafür zurecht “mit höchstem Lob” ausgezeichnet worden. Natürlich mussten dazu außer Häberle noch weitere Beteiligte wegschauen. Als Doktorvater war er am meisten verpflichtet, den von Guttenberg eingereichten Text zu prüfen. Er hat seinen guten Namen dafür hergegeben, und zwar nicht nur 2007, sondern auch noch 2011 als die ersten plagiierten Stellen bereits bekannt waren: “Die Arbeit ist kein Plagiat. Sie wurde von mir in zahlreichen Beratungsgesprächen eingehend kontrolliert. Herr zu Guttenberg war einer meiner besten Seminaristen und Doktoranden.”

Es ist völlig verständlich, dass er sich entehrt fühlt, sich zurückzieht, es als “eine persönliche Demütigung, eine Beleidigung, ja Verwüstung seines Lebenswerkes”[1] empfindet, was Guttenberg ihm angetan hat (oder doch, was die Öffentlichkeit ihm gegenwärtig antut?). Er ist entehrt. Doch nur die eigenen Taten können einen Menschen wirksam entehren. “Häberle büßt für seine Gutmütigkeit,”[1] sagt Prantl, doch tatsächlich ist Gutmütigkeit höchstens die Ursache von Häberles Verfehlung, unter der er nun leidet. Auch wenn Prantl keinerlei Quellen nennt, sein Bericht über Häberle damit eher eine Ahnung bleibt, ist Häberles Leiden an der Causa Guttenberg glaubhaft. Das Schmerzlichste, das ihn zum Rückzug aus der Öffentlichkeit Drängende, dürften daran jedoch die Vorwürfe sein, die er sich selbst macht.

Ein Weg hinaus aus dieser Depression könnte es für Häberle sein, wissenschaftlich produktiv mit seinem Erleben umzugehen und einen Aufsatz, ein Buch zu verfassen, in dem er sich der Fragen annimmt, wie es dazu kommen konnte: Worauf ist er hereingefallen? Welche sozialen und psychischen Prozesse spielen sich bei der Betreuung von Doktoranden ab? Und wie kann man solcher Schmach vorbeugen? Zur Wissenschaftssoziologie gibt es zahlreiche Untersuchungen; wenige von ihnen analysieren das Schüler-Lehrer-Verhältnis bei der Promotion. Von Häberle könnte man eine – deprimierend schonungslose – Fortsetzung seiner 2010 veröffentlichten “Pädagogischen Briefe an einen jungen Verfassungsjuristen”[2] erhoffen. Denn die Betreuung von Doktoranden zählt nicht nur “zum Schönsten, was einem Hochschullehrer vergönnt ist”,[2] sondern auch zum Verantwortungsvollsten, Schwierigsten und – in Betrugsfällen – zum Peinlichsten.

Häberles Lehrstuhlnachfolger Oliver Lepsius schießt scharf auf Guttenberg. Doch indem man ihn zum verwirrten Betrüger erklärt, kann man nicht das System, dem dies durchgegangen ist, von jeder Mitverantwortung entlasten.

Dirk Matten

Dirk Matten, BWL-Professor in Toronto, sieht – wie andere zuvor – vor allem “Fehler im deutschen System”. Er wendet sich “Wider die akademische Vetternwirtschaft” und fordert grundlegende Umbauten, zum Ausschluss von Interessenkonflikten in der Wissenschaft. Dabei macht Matten drei Problemfelder aus:

Erstens, das System, in welchem der Betreuer einer Dissertation zugleich der Prüfer/Gutachter (und, im Falle eines Assistenten, auch der Linienvorgesetzte) ist, entspricht keinem denkbaren Standard für die unabhängige Erstellung und Prüfung wissenschaftlicher Arbeit. [...]
Zweitens, der Betreuungsprozess eines Doktoranden kann nicht nur darin bestehen, nach sieben Jahren sein Manuskript zu lesen. [...]
Drittens, Veröffentlichungen von wissenschaftlicher Arbeit müssen in jedem Fall einem Blind-Begutachtungsprozess unterzogen werden.”[3]

So gut diese Problemdiagnosen sind, so schlecht sind Mattens Vorstellungen von wissenschaftlichem Arbeiten und seine verständnisvollen Erklärungen zum Fall Guttenberg. Er meint, “dass Guttenberg in der Tat weder einen Ghostwriter benutzt hat noch arglistig zu täuschen versucht hat. Viele meiner Fachkollegen arbeiten ähnlich wie er. Zunächst stellt man ein grobes Gerüst eines Manuskripts zusammen, und das elektronische Zeitalter macht es nur allzu leicht, erst einmal alles Relevante in der Literatur per Copy & Paste in einem Dokument zu vereinigen.”[3]

Niemals ist das wissenschaftliches Arbeiten, aus dem sich “unbewusstes” Plagiieren entwickeln könnte. Matten verschleiert, dass jeder Student im ersten Semester lernt, alle Quellen anzugeben und daher sofort und überall dazu zu schreiben, woher das Relevante stammt, das man in seine Arbeit kopiert hat. Wenn man das im ersten Semester nicht gelernt hat, dann fällt man bei der ersten Hausarbeit auf die Nase. Verzeihlich, kein Beinbruch, beim nächsten Mal richtig machen. Wenn Guttenberg dies an der Uni Bayreuth in den 15 Jahren bis zu seiner Promotion nicht gelernt haben sollte, dann müsste diese Universität “ihre Pforten für immer schließen.” Sie hätte auf der ganzen Linie versagt, womöglich sogar beim Versuch der Aberkennung des “Dr.”, und verdient jeden Spott.  Guttenberg würde das wohl gelegen kommen: Er hat sich nichts vorzuwerfen, er hat’s ja nicht besser gelernt, die schuldige Universität wird vom Dienst entbunden.

“Und mal ehrlich: Welcher Wissenschaftler würde, Hand aufs Herz, behaupten, er habe nicht mal Fünf gerade sein lassen?”[3]

Fünf gerade sein lassen, das wäre: ein Buch in eine Fußnote aufnehmen, in das man nur kurz hineingeschaut hat, um festzustellen, dass es sich wirklich mit dem betreffenden Thema befasst; ein schwerer zugängliches Werk nach einem anderen zitieren (Verstoß gegen das Autopsieprinzip); auf die Schnelle schlampig zitieren, ohne genau Vorlage und Zitat zu vergleichen. Ganze Seiten aus anderen Texten zu stehlen ist wissenschaftliches Totalversagen, und zwar mit Vorsatz.

Und andere Professoren?

Dass, wie Matten meint, in Amerika alles besser sei, ist Augenwischerei. Wenn es schon daran scheitert, dass ein Prüfer eine Arbeit gar nicht – oder nicht richtig – liest, sondern dem Studenten die Note gibt, die dieser erwartet – im Zweifelsfall ein bisschen besser, damit sich der Student nicht beschwert – dann ändert es auch nichts, wenn der Prüfer den Studenten nicht kennt. Das verschiebt das Problem nur vom äußeren Anschein des Studenten auf den äußeren Anschein der Arbeit. Zudem: Auch in Deutschland sind die Studenten den Prüfern meist hinreichend unbekannt, zumindest bei Arbeiten während des Studiums.

Einen Unterschied kann nur die Priorisierung der Aufgaben von Hochschullehrern machen. Wem Lehre die wichtigste, gern erfüllte Pflicht ist, und wer darunter nicht das Vortragen vor Hunderten mehr oder weniger gebannt lauschender Studierender versteht, sondern die sorgfältige Beschäftigung mit den eigenständigen Arbeiten der Studenten, deren genaue Lektüre, Korrektur und Kritik, dem fallen auch Plagiate auf. Und die Studierenden lernen dort nicht nur was sie wissen müssen, sondern vor allem was sie besser machen können.

Es mag in Amerika einen stärkeren Schwerpunkt von Professoren auf dieser Art von Lehre geben. In Deutschland liegen die “natürlichen” Interessen der Hochschullehrer jedoch woanders: Forschen, Publizieren, Gremienarbeit; nebenbei die Lehrverpflichtung erfüllen – und dann auch noch die leidige Korrektur ermüdender Studienarbeiten. Das ist die Reihenfolge, die einen deutschen Dozenten vorwärts bringt, bis er ordentlicher Professor ist; und ihm dann zusätzliche Forschungsgelder gewährt, Drittmittel, neuerdings auch “leistungsgerechte Bezahlung”, wissenschaftliche Ehren, Ämter, Macht und Einfluss. Auf die Dankbarkeit gut betreuter Erstsemester kann er dann auch verzichten. Solche Prioritäten machen verständlich, dass man eine 475seitige Doktorarbeit, bei der man vorher schon weiß, dass man sie mit summa cum laude bewerten will, gar nicht – oder nicht richtig – liest.

Guttenberg war dann nicht nur Fanpolitiker, sondern für seine Prüfer auch Fandoktorand. Fan sein heißt: Gehirn abschalten. Das machen manche Guttenberg-Verteidiger noch heute.[4] Er ist eben ein Popstar,[5] seine Fans leben dieser Tage im kognitiven Ausnahmezustand.[6] Doch sein größter Fan ist: er selbst.[7]

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6 Antworten zu “Guttenbergs Doktorvater und andere Professoren

  1. Erwähnte systembedingte Probleme potenzieren sich, wenn mehrere CSU-nahe Professoren einen aufstrebenden Nachwuchspolitiker mit einem s.c.l.-Doktor ausstatten wollen. Es muss sich noch nicht einmal um eine Verschwörung handeln. Völlig ausreichend wäre, dass sie alle CSU-Politiker a priori für promotionsfähig und s.c.l.-würdig halten. Guttenbergs Promotionsverfahren amtlich unterstützt haben nach Tagesspiegel-Angaben neben Häberle auch Rudolf Streinz (CSU), Karl-Georg Loritz (CSU) und Volker Emmerich.[1]

    Derweil gab Häberle eine Erklärung heraus: Das hätte er von Guttenberg, der “stets zu meinen besten Seminarstudenten gehörte”, nie gedacht, dass er solche “unvorstellbaren Mängel” abliefere.[2]

  2. Eine weitere Stellungnahme vom 5. März 2011, für die die Professoren Häberle und Streinz gemeinsam verantwortlich zeichnen, behauptet als Versuch einer Erklärung, dass “die Erkennung von Plagiaten 2006 mit den seinerzeit vorhandenen technischen Mitteln kaum möglich [war]. Plagiatsoftware sowie auch andere Methoden waren damals keineswegs so weit entwickelt wie heute.” (Download)
    Abgesehen von der Plattitüde, dass es stets technischen Fortschritt gebe, ist diese Aussage völlig unzureichend. Sie ignoriert, dass es 2006 selbstverständlich bereits völlig hinreichende Möglichkeiten gab, Plagiate zu finden, und das auch bereits lange wissenschaftliches Thema und gängige Praxis, siehe:
    Debora Weber-Wulff, Gabriele Wohnsdorf: Strategien der Plagiatsbekämpfung. In: Information Wissenschaft & Praxis 57, 2006, Heft 2, S. 90-98.
    GuttenPlag Wiki hat sich nicht etwa eine neue “fein justierte Suchmethode” von Google zu Nutze gemacht, sondern mit ganz alten Mitteln nach Texten gesucht, die schon der Plagiator online aufgespürt und kopiert hatte. Emeritus Häberle kann sich nur entschuldigen, er sei so alt, dass er davon nichts gewusst hätte. Gutachter Streinz könnte behaupten, er sehe so etwas nicht als seine Aufgabe als Zweitgutachter an.
    Die eigentliche Frage, warum beide nicht anhand der Brüche im Text stutzig geworden sind, müssen sie völlig unbeantwortet lassen. Sie könnten sich auch nur selbst damit belasten. Einem Studenten waren bereits im Sommer 2010 Plagiate ins Auge gefallen, und Andreas Fischer-Lescano hat Guttenbergs Arbeit ebenfalls nicht durch einen Plagiate-Finder gejagt, um auf erste Verdachtsmomente zu stoßen, sondern um seinen bei der Lektüre entstandenen Verdacht zu überprüfen.

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