Plagiatsvertuschung an der HTW Berlin

Erstaunte Studenten müssen es gewesen sein, die von ihrem Professor, dem Medienwissenschaftler Thomas Simeon von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin), aufgefordert wurden, ihre Kamerahandys einzuschalten und seinen Vortrag mitzuschneiden. Am Donnerstag, 19.05.2011, berichtete der in seinem Kurs “Kommunikationssoziologie” über einen von der Hochschulleitung der HTW vertuschten Plagiatsfall, in dem ein Professor einen Text von einem Studenten plagiiert habe (Quelle: Youtube, unten eingebunden; Update 24. Mai: Statement der HTW; 1. Juni 2013: Archivversion des HTW-Statements; Analyse dazu).

Besondere Brisanz erhält dieser Fall dadurch, dass die bekannte Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff, die an der HTW das “Portal Plagiat” unterhält und unter dem Namen WiseWoman in den PlagiatsWikis VroniPlag und GuttenPlag aktiv ist, nach der ZDF-Sendung “Frontal 21″ (am 17.05.2011) im Chat gefragt wurde, was sie zu Gerüchten über einen Plagiatsfall an der HTW sagen könne. Weber-Wulff äußerte sich, so Simeon, nur zurückhaltend und schrieb auf Nachfragen hin:

“Ich darf als Beamtin zu gewissen Vorgängen, von denen ich Kenntnis habe, mich nicht öffentlich äußern.”

Diese Äußerung scheint Professor Simeon sehr aufgeregt zu haben. Er berichtet seinem Kurs, wie seine Vorgesetzten auf verschiedene Weisen versucht hätten, auch ihn von der öffentlichen Thematisierung dieses Plagiatsfalles abzuhalten. Doch damit habe man ihn nicht schrecken können, meint er, da er ohnehin bald in Rente gehe. Simeon beruft sich auf Artikel 5 des Grundgesetzes, Absatz 3, der lautet:

“Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.”[1]

Demnach könne man ihm Äußerungen über Plagiate an der HTW nicht verbieten, meint er, und führt aus:

“Wir als Professoren genießen das Freiheitsprivileg. Wir dürfen sagen, was wir wollen. Wir sind nicht zur Loyalität gegenüber einer Institution, sondern nur der Wahrheit verpflichtet. Und wir können nicht dafür belangt werden, wenn wir im Rahmen einer mitbestimmten Hochschule uns zu Themen in dieser Hochschule äußern. [...] Und diese gewählte Hochschulleitung darf niemanden mundtot machen, indem sie ihm androht: ‘wenn Du redest, kriegst Du einen Gehaltsabzug oder ne Rüge.'”

Simeon dreht den Spieß um und erläutert, jede Hochschulleitung sei bei Plagiatsfällen verpflichtet, Anzeige zu erstatten, da Betrugsverdacht vorliege. Tut sie das nicht, müsse man ihr Strafvereitelung im Amt vorwerfen. Ob diese Deutung rechtlich Bestand hat, ist jedoch fraglich. Richtig ist jedoch in solchen Fällen zweifellos: “Wenn man Datenschutz gelten lässt, schützt man den Täter.”

Fazit: Guttenberg ist kein Einzelfall. Wenn ein Plagiat auffliegt, sind Hochschulen zunächst bestrebt, es unter den Teppich zu kehren. Denn sie sehen sich in einem harten Wettbewerb untereinander, und das Image der Hochschule droht unter öffentlich diskutierten Plagiatsfällen schwer zu leiden. Die Existenz von solchen Schweigekartellen muss man grollend akzeptieren. Doch Wissenschaftlern, die da nicht mitmachen wollen, den Mund zu verbieten, das geht nicht.

Die Hochschulen brauchen offenbar jemanden, der ihnen auf die Finger schaut. Denn in der Hochschulhierarchie kann die Spitze weitgehend unabhängig schalten und walten, hat “die Macht” auf ihrer Seite. Damit bedroht zu werden, um Plagiate zu vertuschen, das möchte man weder Studenten, noch Mitarbeitern, noch Professoren wünschen, die sich in einem klaren Abhängigkeitsverhältnis zur Hochschulleitung befinden. Doch solche Fälle erklären, warum Plagiatssucher besser anonym bleiben.

Hier das ganze Youtube-Video, es lohnt sich. Bisher (15:09h) nur 648mal angeschaut:

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22 Antworten zu “Plagiatsvertuschung an der HTW Berlin

  1. Lesenswert zu den Hintergründen von Plagiatsvertuschung ist auch der ausführliche Bericht von Vera Zylka-Menhorn, Birgit Hibbeler und Thomas Gerst: Plagiate in der Wissenschaft: Weitgehend totgeschwiegen. In: Deutsches Ärzteblatt 108, Heft 20, 20. Mai 2011, S. A1108-A1112 (PDF auf aerzteblatt.de).

    Wie es in Plagiats-Wikis konkret zugeht, beschreibt die Reportage von Nicola Schwarzmaier: Unterwegs mit einem Plagiatsjäger. Suchen, finden, stürzen. In: taz.de, 21.05.2011.

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  3. Plagiatssucher

    Debora Weber-Wulff hat als WiseWoman im VroniPlag- und GuttenPlag-Wiki ein Statement zu dem Fall abgegeben: hier bzw. hier. Bitte beachten Sie, dass sie darin die Emotionalisierung der Debatte nicht begrüßt. Es ist fair, die Namen nicht zu veröffentlichen, wenn die Beteiligten (einschließlich dem plagiierten Studenten) darum gebeten haben und das zuständige Gremium so entschieden hat. Denn ansonsten gilt, so WiseWoman: “Wir haben den Professor genauso behandelt wie einen Studenten – bei den Studenten publizieren wir auch nicht deren Namen. Es gibt eine 5.0 (bzw. eine Rüge) und noch eine Chance, sofern es sich nicht um eine Abschlußarbeit handelt, was es in diesen Fall nicht ist. ”
    Freundliche Grüße!

  4. htw_enttäuschter

    Frau Weber-Wulff hat im Frontal21-Chat allerdings auch deutlich gemacht, dass sie der Hochschulleitung zu Transparenz in diesem Fall geraten habe – die Hochschulleitung ihr aber nicht gefolgt sei.

    Die fehlende Transparenz stellt Herr Simeon nun in Teilen auf eigene Faust her. Über die damit verbundene Emotionalisierung darf man natürlich streiten – aber soviel kann ich sagen: Der überwiegende Teil der Studenten im betroffenen Fachbereich empfinden es als große Erleichterung, nun wenigstens in Teilen über den Vorfall aufgeklärt zu werden.

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  7. Wäre schön, wenn Sie auf das Statement der HTW zu dem Plagiatsfall verweisen würden.
    Zu keiner Zeit hat die Hochschule versucht, den Fall zu vertuschen. Dort steht auch, warum es sich um einen minderschweren Fall handelt.

  8. mrschtief

    Was soll das Affentheater, ich habe jetzt einen Generalverdacht gegen alle Professoren der HTW. Kann hier mal bitte jemand einen Namen nennen und sich derjenige selbst dazu äußern, so dass alle anderen Professoren entlastet werden.

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  10. Hier wird wohl niemand einen Namen nennen, lieber mrschtief. Gehen Sie mit ihrem Generalverdacht produktiv um, und bewerten Sie Professoren, mit denen Sie zu tun haben, kritisch. Der betreffende Professor wird es wohl nicht wieder tun, aber auch sonst sind Sie nicht davon gefeit, akademisch ausgebeutet zu werden.
    Sollten Sie diesen Eindruck haben, können Sie Ihre Ansicht zunächst bei einer Beratungsstelle für Studierende vortragen, vorzugsweise einer von der Uni-Hierarchie unabhängigen: Häufig bietet der AStA oder eine Studentengemeinde sowas an.

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  18. Vielen Dank, das ist ja frappierend. Wenn ich schon die Berufung auf den “hergebrachten Grundsatz des Berufsbeamtentums (Art. 33 Abs. 5 GG)” lese, kommt mir die Galle hoch, was denn staatliche Organisationen zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums noch für unwürdige Maßnahmen ergreifen wollen. Es gibt offenbar Richter, die gern bereit sind, das Berufsbeamtentum über die Freiheit der Wissenschaft und über die Wahrhaftigkeit zu stellen. Denn offensichtlich lag hier nicht primär eine Beleidigungs- oder gar Verleumdungstirade vor, sondern eine Ansprache über als evident wahr empfundene (und in weiten Teilen auch tatsächlich wahre) Sachverhalte, die als massive Missstände zu bewerten waren.

    Aus meiner Sicht entzieht das Urteil jeder Art von wissenschaftlicher Lehre, die sich mit Wissenschaftsforschung, Wissenschaftstheorie, Wissenschaftskritik oder guter wissenschaftlicher Praxis befasst, den Boden. Derartiges wäre demnach – konsequent weitergedacht – in deutschen Hörsälen unmöglich, weil der Dozent stets in der Gefahr stünde, wegen Respektlosigkeit gegenüber der Hochschule belangt zu werden. Vorausgesetzt er lügt die Studierenden nicht an, indem er behauptet, dass es Wissenschaftsskandale überall anders gibt, im eigenen Hause aber *nieeemals*, undenkbar wäre das, bei so tollen Vorgesetzten. (Die Position des HTW-Präsidenten war ja, wie in einem oben genannten Blogartikel zusammengefasst, in etwa: “Alles Super!”)

    Zudem ist das Verhältnis von Hochschullehre und Öffentlichkeit im Urteil völlig verkannt. Youtube ist doch nicht die ARD, die der Prof. quasi zur Pressekonferenz gebeten hätte. Das war immer noch sehr deutlich eine Lehrveranstaltung, und wohl auch eine, aus der die Studierenden auch im Nachhinein viel gelernt haben. Insbesondere, was man nicht tun darf: Nämlich offen über wissenschaftliches Fehlverhalten sprechen.

  19. Peter Monnerjahn

    Ist das Statement der HTW noch irgendwo zu lesen? Der hier angegebene Link ist tot.

  20. Pingback: Es gibt kein Problem mit Wissenschaftsbetrug – solange niemand drüber redet | Erbloggtes

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