Die “Rente” ist sicher, die FAZ links

Erstaunt es, dass die FAZ, früher absolut unverdächtig, ein Kampfblatt der Arbeiterklasse zu sein, heute immer wieder nach links ausschert? Zuletzt präsentierte sie eine lange, anspruchsvolle, aber unglaublich verständliche und überzeugende Analyse der Finanzkrise und der ihr zugrundeliegenden Wirtschafts- und Finanzpolitik:

Wer das gelesen hat, muss sich keine Sorgen mehr um die “Rente” machen und versteht auch, warum sie in Anführungszeichen steht. Die Süddeutsche präsentiert im Vergleich dazu nur maues Gejammer, wenn Staaten von Banken und Ratingagenturen am Nasenring durch die Finanzmanege geführt werden.

Zuvor hat die FAZ im Oktober den Programmcodes des Staatstrojaners abgedruckt (Download) und sich damit gegen die Überwachungsmaschinerie des bürgerlichen Law-&-Order-Fetischismus positioniert. Kurz darauf verbrüderte sich FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher mit den Internet-Anarchisten Frank & Fefe, um über zwei Stunden lang gegen den Verfall der demokratischen Politik zu polemisieren (hörenswert, lesenswert, Teaser).

Schon im August bekannte derselbe FAZ-Herausgeber: „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“.[1] Die “enthemmte Finanzmarktökonomie” verunsichert gerade jene Bürgerlichen, die zu den Verlierern der nächsten Krisen werden. “Hat die Linke nicht am Ende recht?”, fragte der erzkonservative britische Publizist Charles Moore[2] und inspirierte Schirrmacher zu seinem Gesinnungswandel – zumindest zur Infragestellung der traditionellen bürgerlichen Überzeugungen über “linke” Ökonomie. Der Freitag, und nicht nur der, staunte:

“In die an sich unbedeutende Historie des Feuilletons könnte der 14. August 2011 als wichtige Zäsur eingehen. Als der Tag, an dem im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung der Begriff Neoliberalismus auftauchte. In kritisch-analytischer Verwendung.”[3]

Die Springer-Presse brauchte drei Wochen, um sich von diesem Schlag zu erholen und Charles Moore ein Dementi für seine Anregung zu entlocken.[4] Da hatte aber auch das zweite Zentralorgan des Kommunismus in Deutschland, Die Zeit, sich schon zur Revolution aufgerufen: “Der entfesselte Markt bringt die Demokratie in Gefahr”.[5] Sogar Arbeitgeberpräsi Hundt wetterte gegen die Steuersenkungspläne von Schwarz-Gelb und zeigte sich enttäuscht von seiner Lieblingskoalition.[6] Das Land spielte verrückt, und Schuld daran war die FAZ.

Alles hatte ein halbes Jahr zuvor damit angefangen, dass die FAZ die gesamte bürgerliche Presselandschaft links überholte, indem sie den auserkorenen Messias der Union aufgrund stilistischer Lappalien verdammte und anschließend ebenso mit den anderen bürgerlichen Betrügern verfuhr. Die FAZ – steckt da ein kluger Kopf dahinter?

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4 Antworten zu “Die “Rente” ist sicher, die FAZ links

  1. Wolfgang Michal bezweifelt, dass die FAZ nach links rückt. Entweder Frank Schirrmacher schreibe sich aus der FAZ hinaus, oder er spiele nur den Klassenclown, um den Konservativen Nervenkitzel zu verschaffen.[1]

  2. Die NachDenkSeiten geben einen Überblick über die “Eindrucksvolle Aufklärungsserie der Frankfurter Allgemeinen zur Finanzkrise und Demokratie”.[1] Allerdings muss man betonen, dass diese Aufklärungsserie weder das Politik- noch das Wirtschafts-Ressort tangiert.

  3. Im Feuilleton macht aber auch Nils Minkmar mit und fordert: Stellt endlich die Systemfrage!

  4. Pingback: FAZ zu Wulff: Symptom eines postdemokratischen Zeitalters | Erbloggtes

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