Mein Kampf: Urheberrecht oder Zensur?

Erstaunt es, was für zeitliche Koinzidenzen zuweilen entstehen? Mitten in der Urheberrechtsdebatte geht es plötzlich um Hitler:

“Das Ministerium hat als Rechtenachfolger des Eher-Verlags der Nationalsozialisten die Urheberrechte an ‘Mein Kampf’ geerbt.”[1]

Mit dieser Begründung versucht der Freistaat Bayern derzeit, die Neuausgabe einiger Seiten aus Hitlers fast 90 Jahre altem Werk zu verhindern. Und das ist falsch. Nicht nur ist es falsch, dass das bayerische Finanzministerium die “Urheberrechte” an “Mein Kampf” geerbt hätte. (Das geht rechtlich gar nicht, zudem ist unklar, ob es Nutzungsrechte aus Hitlers Vermögen eingezogen hat oder aus der Liquidierung des Franz-Eher-Verlags.[2]) Es ist auch falsch, mit urheberrechtlichen Vorwänden zu versuchen, einem “gesunden Volksempfinden” zu entsprechen, das Adolf Hitler nicht in deutschen Buchhandlungen sehen will. Gegen allerlei Neuausgaben in der Türkei, Indien und anderswo scheint das Ministerium nichts zu haben, zumindest nichts in der Hand.[3]

Im Internet kann man ohnehin allerorten unzuverlässige Ausgaben herunterladen – doch das könnte das Ministerium mit den Mitteln der derzeit diskutierten Gesetze zur Internetzensur künftig verhindern. Insbesondere in den USA gehostete Internetseiten würden durch ACTA dem bayerischen Finanzministerum plötzlich zur Sperrung zugänglich – natürlich nicht zur Zensur, sondern nur zum Schutz der Rechteinhaber.

Zensurgesetzgebung zum “Wohl der Kreativen”

Einerseits will natürlich auch der Freistaat Bayern keine Zensur, schließlich ist man ein Freistaat.[4] Deshalb verhängt er kein Bücherverbot über Hitlers erstes Buch, auch wenn das in den vergangenen 60 Jahren sowohl im Bund als auch in den Ländern wahrscheinlich mehrheitsfähig gewesen wäre. Selbst vor dem Bundesverfassungsgericht hätte es Chancen gegeben, dass ein solches Verbot Bestand hätte haben können.

Andererseits will natürlich auch der Freistaat Bayern nicht, dass in jeder Bahnhofsbuchhandlung “The Fuhrers Face”[5] ausgestellt und werblich ausgebeutet wird. Darauf hat sich schließlich Guido Knopp die Rechte erworben. Im Kapitalismus aber wird vermarktet, was interessiert oder erregt, nicht was Qualität verspricht. Außer Zensur gibt es nur das Urheberrecht, das bisher eine Verbreitung von Hitlers autobiographischer und Programm-Schrift verhindern konnte. Es ist ein Missbrauch des Urheberrechts und offenkundige Bigotterie, wenn die CDU/CSU einerseits verkünden lässt:

“Sie [die Kritiker von SOPA/PIPA] verkennen, dass es bei der Durchsetzung des Urheberrechts nicht um Zensur geht, sondern einzig und allein darum, Kreative vor Ausbeutung zu schützen.”[6]

Und wenn die CSU-Regierung andererseits Gerichtsbeschlüsse unter dem Vorwand des Urheberrechts erwirkt, um “Mein Kampf” von der Öffentlichkeit fern zu halten. Als ob der kreative Herr Hitler durch das Urheberrecht vor Ausbeutung geschützt werden sollte und das bayerische Finanzministerium gar kein Interesse an einer politischen Zensur von “Mein Kampf” hätte. Das Urheberrecht “einzig und allein” ein Kreativen-Schutzgesetz?

Schutzfristende für Hitler

Das soll nun nicht bedeuten, dass jeder mit Hitler Geld verdienen kann wie er will (außer Guido Knopp). Dagegen gibt es andere Gesetze. Aber an diesem Punkt wird wieder einmal überdeutlich, dass Bayern es jahrzehntelang versäumt hat, mit dem renommierten Institut für Zeitgeschichte (IfZ) zu einer Einigung über eine ambitionierte, wissenschaftliche und aufklärerische kommentierte Neuausgabe von “Mein Kampf” zu kommen.

Das IfZ macht das nun 2015 auf eigene Faust.[7] Es ist zu befürchten, dass die Ausgabe nicht so ambitioniert und aufklärerisch wird, wie sie sein könnte. Schließlich hat das Münchner Institut dazu nur sehr begrenzte Mittel. Da der Preis für die kommentierte Ausgabe hoch sein dürfte, ist zu erwarten, dass Verleger wie McGee spätestens diese Gelegenheit nutzen, um den Markt mit neuen “Volksausgaben” zu überschwemmen, wie man sie seit dann 70 Jahren nicht mehr gesehen hat. Vielleicht kooperiert er auch mit der Bildzeitung, um seine Publikation in der Reihe der “Volks-“Produkte zu platzieren. Als Titel empfiehlt sich dann “Volks-Hitler. Der Führer für die Massen”.

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9 Antworten zu “Mein Kampf: Urheberrecht oder Zensur?

  1. Da werden sich Kulturbeschützer wie Dr. Göbbels und andere, zu schlechter Letzt gar der gescheiterte Maler Hitler noch posthum freuen dürfen, dass die Kultur der NS-Schaffenden mitsamt einem weiteren führenden „Sachbuchautor“ jener Horror-Tage, Rosenberg, unter den prinzipiellen Schutz vor Ausbeutung durch die bayerische Demokratie gestellt sind.
    Für alle, die sehnsüchtig auf eine (kommentiert oder nicht) Neuauflage des NS-Bestsellers warten, hier noch ein Hinweis, den ich aus eigener Anschauung geben kann, da meine Eltern das unverdiente Unglück hatten, bei ihrer Hochzeit eine Volksausgabe des vielleicht ungelesensten Bestsellers aller Zeiten (Vorschlag: „UBaZ“) vom Größten Führer aller Zeiten (GröFaZ) geschenkt zu bekommen: Das geschützte ‚Werk’ ist eine unappetitliche Mischung aus Grauen und Langeweile. Lest lieber Comics oder Blogs wie solche von Erbloggtes! W.S.

  2. UBaZ, sehr schön! Zur kommentierten Neuausgabe jüngst auch ein Interview mit dem Bearbeiter Othmar Plöckinger: “Mein Kampf”. Kommentierte Neuauflage einer Hetzschrift. In: DRadio Wissen, 30. Januar 2012. Wunderbar dort auch das Foto, besonders der Mouseover-Text inkl. der Tippfehler: >>Man sieht die Hände eines Mannes, der eine schwar gebundene Fassung von Hitlers "Mein Kmapf" liest.<<

  3. Nachtrag und Richtigstellung: Der GröFaZ war nicht zur Hochzeit meiner Eltern eingeladen und ist wohl deshalb auch nicht erschienen. Deshalb muss es richtigerweise nicht heißen:”bei ihrer Hochzeit”, sondern “zu” oder “anlässlich”.

  4. Puh, beruhigend, dass der GröFaZ nicht selbst dort war. Ich glaube aber, dass die ursprüngliche Formulierung grammatisch-inhaltlich korrekt ist. Denn “vom GröFaZ” bezieht sich nicht auf “geschenkt” (von ihm geschenkt), sondern auf “UBaZ” (das Buch vom GröFaZ). Und das Buch vom GröFaZ bekamen Ihre Eltern wohl unglücklicherweise sogar bei ihrer Hochzeit geschenkt.

  5. abermals: lol !!

  6. Welt Online surft auf einer Lasst-die-Nazis-frei-Welle:
    Sven Felix Kellerhoff: Hitlers “Mein Kampf”. Historiker – “Bayern missbraucht das Urheberrecht”. In: Welt Online, 8. Februar 2012 (das Zitat mit dem Urheberrecht stammt von einer Juristin).
    Hanns-Georg Rodek: NS-Propaganda. Wie viel Gift steckt noch in den “Vorbehaltsfilmen”?. In: Welt Online, 31. Januar 2012.
    Sven Felix Kellerhoff: Streit um Hitler-Buch. “Mein Kampf” zeigt Hitler als systematischen Denker (Interview mit Barbara Zehnpfennig). In: Welt Online, 17. Januar 2012.

  7. landbewohner

    sicher ist, niemand braucht eine zensur, egal wie unsinnig, böse oder schlecht ein buch auch sein mag. wenn man das volk vor gedruckten dämlichkeiten schützen müsste, dann dürften all die machwerke unserer politclowns inclusiv sarrazin unter solch einen index fallen.
    durch zensur kann man weder unheil noch schwachsinn verhindern.

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