Anonymität, Netzöffentlichkeit und asymmetrische Kommunikation

Erstaunt es, dass Norbert Lammert kein Verfechter der Anonymitätsabschaffung ist? Lammert fühlt nur, wie es im Internet zugeht, wenn er die von den Referenten ausgedruckten Texte aus dem Netz liest und dann denkt:

“In den allermeisten Fällen würden sich dieselben Personen zum gleichen Sachverhalt unter Offenlegung ihrer Identität zu bestimmten Aussagen ganz sicher nicht versteigen.”[1]

Er fühlt sich unwohl mit anonymen Stimmen, die er in “Aggressivität, Wortwahl und Tonlage”[1] offenbar nicht gewohnt ist. Sonderbar, denn eigentlich müsste auch Norbert Lammert doch schon Leute erlebt haben, die ihm feindselig und bedrohlich erschienen. Wie geht er denn sonst mit denen um? Oder hat seine Welt Panzerglasscheiben, durch die die Empörten, die Deklassierten, die Marginalisierten nicht dringen können?

Jedenfalls ist er im tatsächlichen Spiegel-Interview, anders als in den von Spiegel Online präsentierten Häppchen,[1] ein klarer Gegner der anonymitätspolitischen Scharfmacher der Union:

“Spiegel: Der Vorsitzende der Internet-Enquete-Kommission, Axel Fischer (CDU), fordert für die virtuelle Welt ebenfalls ein ‘Vermummungsverbot’. Sie auch?
Lammert: Wir können kein Interesse daran haben, dass sich für real existierende Menschen in zwei Welten [virtuell/real] zwei höchst unterschiedliche Umgangsformen etablieren. Aber wir müssen diese Entwicklung in Grenzen halten, ohne vorschnell zu dogmatisierten Vorgaben zu kommen.”

  • Merlind Theile: Internet. “Geballte Ladung” [Interview mit N. Lammert]. In: Der Spiegel, Nr.13 vom 26. März 2012, S. 23.

Merke: Nicht “das Internet” reißt Zitate aus dem Zusammenhang und macht daraus einen Shitstorm. Spiegel Online pickt die provokativsten Halbsätze heraus und hofft, aus der Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes durch Reaktionen und Verlinkungen Profit schlagen zu können. (Übrigens twittert FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher [@fr_schirrmacher] inzwischen sonntags regelmäßig die sensationellsten Aussagen des Spiegels vom Montag. Er sollte Provisionen für die dadurch zusätzlich verkauften Hefte verlangen.)

Anonymität in Plagiatswikis revisited

Erstaunt es, dass Martin Heidingsfelder, ein nicht mehr anonymer Plagiatsdetektor, den hier behaupteten Zusammenhang von Anonymität und Plagiatswikis als “schwaches Argument” bezweifelt?[2] Dabei wird etwa im von Heidingsfelder gegründeten VroniPlag die Anonymität (eigentlich: Pseudonymität) der meisten Kollaboratoren als wichtig bewertet und von diesen auch verteidigt.

Plagiatswikis sind ein klarer Anwendungsfall für die Notwendigkeit von Anonymität im Internet. Debora Weber-Wulff, Volker Rieble und Stefan Weber nennt Heidingsfelder als unter Klarnamen bekannte Plagiatsexperten. Weber-Wulff und Rieble sind – ebenso wie etwa Uwe Kamenz – Professoren. Die haben wenig zu befürchten, so lange sie sich im Rahmen der Legalität bewegen. Zwar erlauben sich Plagiatoren und ihre Freunde auch bei Professoren Unverschämtheiten und Rechtsstreitigkeiten. Aber so lange die eine Rechtsschutzversicherung haben, dürfte das zu bewältigen sein.

Stefan Weber ist auch ausgewiesener Wissenschaftler, habilitiert, Privatdozent. Plagiatsgutachter wurde er, nachdem er seine eigene Doktorarbeit andernorts wiedergefunden hatte. Sein Blog unter plagiatsgutachten.de ist allerdings seit September 2011 verwaist, so dass man davon ausgehen kann, dass Anforderungen wie der Broterwerb ihn von der wissenschaftskritischen Nebentätigkeit abhalten. Es wäre in seinem Fall nicht verwunderlich, wenn er seine Aussichten auf eine Professur skeptisch beurteilt. Nachdem er dem österreichischen Wissenschaftsminister Haller Plagiate nachgewiesen hat, kann man für eine Berufung Webers in Österreich durchaus schwarz sehen.

Zudem ist der Umgang mit Weber in der Öffentlichkeit (laut Wikipedia) alles andere als erfreulich: Nachdem Weber beim Grünen-Politiker Pilz ein (Selbst)Plagiat festgestellt hatte, schrieb dieser: “Ich habe Weber als unseriösen und unzuverlässlichen[sic] Menschen erlebt”, der “den Plagiatsjäger zu spielen” wünsche, und drohte unverhohlen mit rechtlichen Schritten.[3] (Souveräner Umgang mit – bestrittenen – Vorwürfen wäre es übrigens, darzustellen, was man gemacht hat, und warum man das für gerechtfertigt hält. Persönliche Angriffe auf den Urheber wissenschaftlicher Vorwürfe waren noch nie das bessere Argument.)

Dann gibt es natürlich noch Plagiatssuche-Aktivisten, die völlig unabhängig vom Universitätssystem sind, beispielsweise Martin Heidingsfelder. Für die Notwendigkeit der Anonymität(soption) in Plagiatswikis entscheidend ist allerdings die soziale Lage der Mehrheit der Kollaboratoren, die dem Vernehmen nach als Doktoranden, Studenten oder in ähnlichen Positionen weitgehend abhängig von Universitäten sind und bei einer Aufdeckung ihrer Identität existenziell – zumindest aber hinsichtlich der Karrierechancen – bedroht wären.

Anonymität als politisches Programm

Plagiatswikis sind dabei nur ein Beispiel, in dem die gesellschaftliche Nützlichkeit der Anonymität besonders deutlich wird. Beispielsweise müsste man es sich leisten können, die Wahrheit – oder das was man dafür hält – in die Wikipedia zu schreiben, wenn man dort unter Klarnamen kritische Informationen etwa über einen Konzern einstellte. Schon das Rechtssystem bietet skrupellosen Experten mit großen finanziellen Mitteln zur Bekämpfung negativer Publicity allerlei Möglichkeiten, um die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit zumindest durch Abschreckung einzuschränken.

Wer solcherlei kommunikative Ungleichgewichte durch Beseitigung von Anonymität erzwingen will, um Trollen, Häme und Rants zu begegnen, betrachtet das Internet mit den Maßstäben eines traditionellen Massenmediums mit redaktioneller Vorauswahl.[4] Weil es aber viele gibt, die ein manifestes Interesse an der Bekämpfung freien öffentlichen Meinungsaustauschs haben, gilt Christian Stöckers knappe Formel “ohne Anonymität keine Freiheit”, sowie seine Zukunftsprognosen:

“Der Kampf um das Recht, online eben nicht zwangsläufig ‘mit offenem Visier’ unterwegs zu sein, wird einer der großen Konflikte der kommenden Jahre werden.
Kritik aus Berlin an der Tatsache, dass Menschen sich anmaßen, sich im Internet zu äußern, ohne vorher ihren Ausweis vorzuzeigen, treibt Anonymous weitere Sympathisanten zu – und der Piratenpartei”.[5]

Glückwunsch an die Piratenpartei zum ersten Einzug ins Parlament eines deutschen Flächenlandes. Die Grundlegende der Piraten ist die Raubkopie. Das Grundlegende hingegen hat Marina Weisband nochmal zusammengefasst als Transparenz, Datenschutz, Teilhabe.[6] Die sich “stilistisch hoch unflätig äußernde” FDP hat hingegen wohl nur noch das Versinken in der Anonymität der tyrannischen Masse zu erwarten.[7]

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Eine Antwort zu “Anonymität, Netzöffentlichkeit und asymmetrische Kommunikation

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