Internet und Strukturwandel der Öffentlichkeit

Erlesenes war einst der Kern der bürgerlichen Öffentlichkeit, diese vor allem anderen eine literarische. Jürgen Habermas beobachtete im Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962) für das 20. Jahrhundert einen Aufstieg der Kulturindustrie und gleichzeitigen Niedergang der bürgerlichen Öffentlichkeit, die beansprucht hatte, durch herrschaftsfreien, gleichen und allgemeinen Diskurs das zu beraten, was alle angeht.

Diesen Anspruch konnte die bürgerliche Öffentlichkeit nie einlösen, da die Produktionsmittel stets in den Händen einiger weniger Besitzender waren, breite Schichten nur als Publikum Zugang zur Öffentlichkeit hatten. Weil Meinungs- und Pressefreiheit (übrigens ebenso Kunst- und Wissenschaftsfreiheit) daher nicht allgemein und gleich gewährleistet waren, war die bürgerliche Öffentlichkeit „gar keine Öffentlichkeit.“ (Habermas, Strukturwandel, §11) Die Grundrechte des Artikels 5 GG bestanden allesamt nur theoretisch, nämlich als Abwehrrechte gegen den Staat. Der Spiegel, 1967:

Stimmen verstummt. In: Der Spiegel, 25. September 1967, S. 36Die “soziale Marktwirtschaft” der Bundesrepublik sah weitere Pressekonzentration und Aggregation der neuen Massenmedien zu monströsen Konzernen. Zugleich wuchs aber auch die materielle Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten, Bildungs- und Aufstiegschancen, schließlich Abstiegsrisiken und -angst. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, ein staatlich gestütztes Mega-Konzern-System, erscheint heute ironischerweise manchmal als letzte Bastion kritischer Öffentlichkeit.[1] Sonst überwiegt das funktionelle Umschlagen der öffentlichen Sphäre von kritischer Publizität in manipulative Werbung. Selbst Politik inszeniert bloß noch Öffentlichkeit und refeudalisiert so den Raum, in dem ideale demokratische Herrschaft stattfände. Public Relations versuchen allerorten Privatinteressen als Gemeininteressen darzustellen (vgl. Habermas, Strukturwandel, §20).

Internet als dialektisch notwendige neue Öffentlichkeit

Im Internet passiert das ebenso weiter wie zuvor, Werbung und Feudalherrschaften sind das beherrschende Phänomen des Netzes: Google, Facebook und die anderen besitzen ihre Gefolgschaft. Gefolgschaft macht den Feudalherrn – und den Werbe-Milliardär. Das Internet bietet auch Polit-Inszenierung in nie gekannter Radikalität: Es scheint, dass alle angeht, worüber im Netz alle reden. Doch in Wahrheit ist die alltägliche “Saujagd durchs deutsche Mediendorf”[2] für alle, die nicht ihre Schinkenscheiben von der Sau abschneiden, völlig irrelevant.

Eine zeitgemäße Phrenologie

Im allgemeinen Multimedia-Rauschen zeigt sich das Bewusstsein kolonisiert von sekundären Wünschen, frei von tatsächlichen Interessen.

In der Frühzeit bürgerlicher Öffentlichkeit verbot die Zensur jede politische Kritik. Berichten ja, räsonnieren nein, wozu auch, wenn Könige und Kabinette regierten? In der Internetzeit ist Zensur unmöglich und dysfunktional geworden. Geeigneter zur Kontrolle einer Öffentlichkeit, die Kanzler, Konzerne und Kabinette nicht beim Regieren stören soll, sind Saujagd-Schnellstraßen voll von immer neuen Aufreger-Themen – und von Konsum-Angeboten, die von ihrem Bedürfnis-Zusammenhang sich fast völlig befreit haben.

Aber das Internet wäre nicht dialektisch, wenn es nicht zugleich den uneingelösten Anspruch der bürgerlichen Öffentlichkeit auf herrschaftsfreie, gleiche und allgemeine Teilnahme an einem politischen Diskurs aufrecht erhielte, der seinen Namen verdient. Die Internet-Öffentlichkeit strebt über sich selbst hinaus. Dabei wird ihre Fortschrittlichkeit deutlich:

Die alten Produktionsverhältnisse der Öffentlichkeit entsprachen nicht mehr ihren Produktivkräften, da im 20. Jahrhundert breitere Schichten Zugang zu höherer Bildung erlangt hatten. Diese zahlreichen Menschen würden sich in einer klassischen Öffentlichkeit nicht beteiligen können, obwohl sie intellektuell und habituell dazu in der Lage sind und sich auch Partizipation an der Öffentlichkeit wünschen. Das Internet bietet ihnen Zugang zu potentiellen Massenkommunikationsmitteln, den neuen Produktionsmitteln der postindustriellen Öffentlichkeit.

Erst postindustrielle Öffentlichkeit verwirklicht Grundrechte

Zu allen Grundrechten des Artikels 5 GG hat das Internet jedem Besitzer eines Internetzugangs grundlegend neue Möglichkeiten zur Realisierung eröffnet: Erstmals ist “das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten”, nicht mehr auf das lokale Umfeld begrenzt, sondern auf verschiedenen Ebenen bis hin zur globalen Sichtbarkeit verwirklicht. Das Recht, “sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten”, gewinnt durch die Existenz allgemein und kostenfrei zugänglicher Quellen von Wikipedia bis zu den Massenmedien an Substanz. Zuvor musste man hoffen, dass Lean-Back-Medien einen schon über das informieren würden, was man wissen müsse. Presse- und Berichterstattungsfreiheit sind nicht zuletzt Grundlage dieses Blogs.

Globale Sichtbarkeit dieses Blogs

Auch Erbloggtes wird weltweit abgerufen: Flaggen kennzeichnen einige Länder, aus denen Zugriffe kamen. Größte Barriere globaler Medienwirkung ist wohl die Sprache.

Doch auch Teilnahme an und Zugang zu Kunst und Wissenschaft ermöglicht das Internet in ganz neuer Weise. Kunst in digitaler Form zu schaffen und zu verbreiten erfordert nicht mehr die große Kapitalgrundlage, die zuvor eine “natürliche” Grenze der Kunstfreiheit war. Auch die Erlangung und Verbreitung wissenschaftlicher Ergebnisse ist technisch vom Kapitalbesitz befreit, der in Form von Verlagen im bürgerlichen Zeitalter notwendig war.

Doch die alten Produktionsverhältnisse bestehen zunächst fort, den gewandelten Produktivkräften zum Trotz. Das Rechtssystem schützt die althergebrachten Produktionsverhältnisse.[3] Mit ihrem Einfluss auf die Politik versuchen die monströsen Konzerne, diese Produktionsverhältnisse zu sichern – und verstärken ihren Widerspruch mit den weiterentwickelten Produktivkräften, der um so stärker zur Auflösung drängt.

Dieser Widerspruch hat zuerst die “Internet-Piraterie”, dann die Piratenpartei, und dann deren gegen alle Widerstände rasant wachsenden Erfolg hervorgebracht. Nur der totale Staat könnte die überholten Produktionsverhältnisse noch aufrechterhalten. Dazu benötigt er zunächst “eine panoptische Weltpolizei”[3] zur Durchsetzung des Privateigentums an der Öffentlichkeit. Ebenfalls erforderlich ist die Radikalisierung im Umgang mit Dissidenten:

“Kritisieren darf nur, wer ein Gegenmodell parat hat, wer aber ein Gegenmodell parat hat, ist ein Kommunist und darf nicht mehr kritisieren.”[4]

Guy-Fawkes-Masken symbolisieren den Gedanken der Revolution, der nicht getötet, eingesperrt oder verboten werden kann. Foto: Vincent Diamante, CC-BY-SA 2.0

Als kriminell gelten Piraten bereits weithin im von Mediengiganten kolonisierten öffentlichen Bewusststein. Hacker werden als ihr digitalmilitanter Arm angesehen. Zunehmend genießen sie, wie etwa Anonymous, den Rang von Staatsfeinden, den sie in Form von Guy-Fawkes-Masken aufgreifen und kultivieren.

An der Zukunft der Öffentlichkeit wird sich zeigen, wozu die liberale Demokratie im Stande ist.

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4 Antworten zu “Internet und Strukturwandel der Öffentlichkeit

  1. Christian Stöcker beschreibt heute die Chancen des Internet zur totalitären Herrschaft: Freiheit im Netz. Das Internet ist totalitär.
    Und Helmut Schmidt findet morgen das Internet “bedrohlich”.[1] Internet-Erfinder Tim Berners-Lee hingegen findet die britischen Pläne zur Internet-Überwachung bedrohlich.[2]

  2. Pingback: Selbstbespiegelung im Spiegelblog | Erbloggtes

  3. Pingback: Der vernünftige Mensch – ein neuer Versuch oder: Reputation, Emotion und Vernunft | intellectualsinprivate

  4. Pingback: Internet und Strukturwandel der Öffentlichkeit | Anne Linkes Social Media

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