Zurbarans Äpfel

Er dachte sehr gern zurück an dieses Rollenspielabenteuer, das aus einer anderen Zeit stammte. Das Pen-&-Paper-Rollenspiel steckte in Deutschland noch in den Kinderschuhen, und man konnte sich allerlei Scherze erlauben. Ort der Handlung war das Eis:

„Die Wände sind mit Sandsteinen ausgemauert. Im Kamin brennt ein kräftiges Feuer. Neben dem Kamin bewahrt der Magier Nahrungsmittel und Kochgeräte auf. Auf einem Schrank stehen Gläser mit Kräutern, Gewürzen, Tee und ähnlichen Dingen, daneben ein großer Honigkrug. Ein eiserner Topf hängt an einem Schwenkhaken über dem Feuer. Ein würziger Duft erfüllt den Raum. Als die Tür geöffnet wird, sitzt der Magier auf einem Hocker vor einer Staffelei. Im Licht der vielen Kerzen, die auf hohen Leuchtern stehen, arbeitet Zurbaran an einem Bild, einem Stillleben. Überall an den Wänden sind Zurbarans Gemälde zu sehen, denn wenn der Magier einmal nicht seinen finsteren Beschäftigungen folgt, widmet er sich voller Leidenschaft der Ölmalerei.“

Und das sah dann so aus:

Zurbaran malt das Stillleben mit Zitronen, Orangen und Rosen, 1633

Er kannte solche Gemälde, nur dieses spezielle sagte ihm ebensowenig wie der Name des Magiers, des gemeinen Chimärologen Zurbaran von Frigorn. Bis er zufällig vom spanischen Maler Francisco de Zurbarán (1598–1664) erfuhr. Dieser hatte 1633 ein interessantes Stillleben geschaffen, das 351 Jahre später als kaschiertes Zitat in einem Rollenspielheftchen wieder auftauchte:

1633, Öl auf der Leinwand, 60 x 107 cm, Norton Simon Museum, Pasadena

Es kam wie es kommen musste, gemäß der Abenteuerhandlung retteten die Helden die gefangene Jungfrau – und damit die Welt – vor dem bösen Schwarzmagier.

„Außerdem geschieht in dem Augenblick, wo der Magier stirbt, etwas höchst Merkwürdiges: Die Früchte auf dem Gemälde, an dem Zurbaran gerade arbeitete, werden plötzlich rund und prall und fallen auf den Boden. Es handelt sich um Äpfel und Zitronen.“

Äpfel? Moment. Wo waren da Äpfel? Zitronen, Orangen und Rosen. Ein toller magischer Effekt, nur warum? Und warum Äpfel.

Allerlei Scherze erlebte solch ein Rollenspieler in dieser anderen Zeit. Aber Erklärtes blieb Mangelware. Und Äpfel? Brecht meinte:

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

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