Ermordetes Heldentum

Erhellt es die Verwirrung etwas, die der obige Titel auslösen mag, wenn er als Zusammenfassung des Falles Dominik Brunner dienen soll?

Heldentum

Nun, Dominik Brunner ist heute seit einem Jahr ein Held, oder? Die Wikipedia erläutert:

„Das Grundprinzip eines Abenteuerromans ist, dass ein Held aus seiner alltäglichen Welt in eine fremde, gefährliche Welt aufbricht, in der er unter Lebensgefahr allerlei Probleme und Aufgaben zu meistern hat. Ziel seiner Reise ist meist die Rettung einer Person oder seiner eigenen Welt, aus der er aufgebrochen ist. In der Regel wird ein Abenteuerroman aus Sicht des Helden erzählt, der das Gute verkörpert und oft gegen finstere Mächte oder das Böse kämpft und letztlich gewinnt.“[1]

Moment – das war gar nicht die Definition von Held oder die Beschreibung Brunners, das war die Merkmalsbeschreibung der Literaturgattung des Abenteuerromans!

Er stutzte sanft, als er bemerkte, dass diese Form fantastischer Literatur sich im Umgang mit dem verstorbenen Dominik Brunner gut widerspiegelte:

Heldentod

Damit aus Brunner doch noch ein moderner Winnetou werden konnte, schließlich können auch Helden zu Tode kommen, musste die Geschichte noch ein gutes Ende nehmen. Denn wenn der Held im Kampf gegen das Böse sein Leben opfert, dann ist er doppelt toll, genau wie Winnetou. (Als Steigerung geht dann nur noch, im Kampf gegen das Böse zu Sterben, dann zurückzukehren und dem Bösen übel eins rein zu würgen. Aber das haben nur wenige geschafft, vor allem Jesus, Gandalf und Harry Potter.) Hauptsache, das Gute siegt, und die Kinderchen können beruhigt einschlafen.

Erhielte sehr schnell nach seinem Tod der Held also Ehrungen und erzielte so bald wie möglich das Gute einen entscheidenden Sieg, dann wäre er ein wahrer Held. Die Bayerische Staatsregierung ehrte Brunner mit einer landesweiten Schweigeminute und mit dem Bayerischen Verdienstorden. Aktenzeichen XY und Wolfgang Schäuble verliehen ihm den XY-Preis für Zivilcourage, und Uli Hoeneß gewährte ihm sogar eine Schweigeminute in der Allianz Arena sowie schwarze Bändchen an den Armen der Fußballer. Er erhielt nach drei Wochen und einer BILD-Kampagne das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und erntete Jubel von 100.000 BILD-Lesern.[2] Es folgen Gedenkveranstaltungen und ein Denkmal: „Das 2,20 Meter große Denkmal soll einen Mann darstellen, der sich schützend vor einen Jungen stellt.“ (Erinnert es nicht an Harry Potters Mutter?) Und zwar vor dem Dominik-Brunner-Haus samt Schülerhort und Kindergarten. (Quelle) Dass die Inschrift der heute, ein Jahr nach seinem Tod, zu enthüllenden Statue wie folgt lauten soll, ist allerdings nur ein Gerücht: „Der S-Bahn-Held starb […], weil er ein ‚großes Herz‘ hatte.“[3]

Das Gute siegt

Er dachte sehr lange über die Bedingungen des Siegs des Guten nach: Die bösen Jungen (damals 18 und 17 Jahre alt) gehen dauerhaft in den Knast: „wegen Mordes in Tateinheit mit versuchter räuberischer Erpressung [wurde der ältere Täter] zu neun Jahren und zehn Monaten Jugendhaft verurteilt“, der jüngere erhielt „wegen Körperverletzung mit Todesfolge sowie versuchter räuberischer Erpressung sieben Jahre Jugendhaft“.[4] Das ist doch Grund zum Jubeln, oder wie der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagt, „ein klares Signal, dass wir brutale Gewalt nicht dulden oder uns gar damit abfinden […] Für mich ist ganz klar, dass auf brutale Gewaltattacken gegenüber Unschuldigen, wie wir sie vor einem Jahr in Solln erleben mussten, mit harten Strafen reagiert werden muss.“[4] Das Gute siegt also durch Rächung des Verbrechens am unschuldigen „St. Dominik von Solln„, der zum „Symbol für Zivilcourage“[4] geworden sei.

Nun ist zum Sieg des Guten der Papst gefordert: Einen Heiligen der Zivilcourage hat die katholische Kirche meines Wissens noch nicht in ihren mit 6650 Heiligen und Seligen gut gefüllten Reihen, und auch die 7400 Märtyrer könnten noch etwas Zuwachs vertragen.[5] Das mit der Unschuld haben die Katholiken ja auch sonst ganz gut hin bekommen (zum Ausmaß von Brunners Unschuld siehe auch „Bildblog„), und ein „Heiliger Dominik hilf!“, das man besoffenen U-Bahn-Prüglern in München entgegengeschleudert, dürfte allerlei Seelen retten.

Aber bis es so weit ist, hat Brunners Unternehmen erstmal die Dominik-Brunner-Stiftung für Zivilcourage gegründet. Und die macht so tolle Dinge wie den Tag der Courage im Münchner Olympiapark. Da haben Polizeihunde ihr Können gezeigt, und es gab eine Polizeimotorrad-Show und einen Zimmerbrand nach Fettexplosion im Brandsimulationscontainer. Alles wird gut, und es macht Spaß. Und die Kinder – evangelische Kinder – haben ihm ein Kreuz gebastelt, das ebenfalls heute aufgestellt wird.[6]

Artefakte als Problemlöser

Problemlöser à la Karl MayWorauf will er eigentlich hinaus, der Ketzer, der Ungläubige? Er klärt es auf, für all die Tapferen, die bis hierhin durchgehalten haben, gern sogar: Dominik Brunners Zivilcourage ist der Bärentöter Old Shatterhands und der Elderstab Harry Potters. In Abenteuerromanen werden Probleme schön einfach aufgelöst, oder wie im Falle Potters reichlich verwirrend, indem man ein mächtiges Artefakt gegen sie einsetzt. Nein, das Messer bei der oben erwähnten falschen Notwehr reicht da nicht aus, es muss schon so etwas sein wie Der Eine Ring. Und das funktioniert so: Problem da, mächtige Waffe benutzen, Problem gelöst. Ganz einfach. Jeder kann das. Der Leser möge es selbst versuchen: Problem da, mächtige Waffe benutzen, Problem gelöst.  Wenn er als Waffe die Zivilcourage nimmt, dann ist das sogar legal. Und eine super Abenteuergeschichte, echt!

Außerhalb von Abenteuergeschichten ist die Welt leider meist nicht so schön und einfach. Die meisten Probleme lassen sich weder wegzaubern noch wegballern, und wer es versucht, wird wahrscheinlich weggesperrt. Bei Verwendung von Zivilcourage zur Problemlösung wird man mit etwas Glück nicht weggesperrt. Dass man damit ein Problem lösen kann, ist aber … zumindest … nicht garantiert. Außerhalb von Abenteuergeschichten sind erfolgversprechende Problemlösungsstrategien komplexer und enthalten das Element, nach der Ursache eines Problems zu fragen. Gute Problemlösungen fragen sogar nach der strukturellen Ursache.

Der Eine RingAber mit sowas kann man im Fall Brunner gar nicht ankommen. Zivilcourage ist der Ring des kleinen Mannes. Wer sie besitzt ist mächtig, ein Held. Zugegeben, Zivilcourage besteht aus einem noch diffizileren Stoff als Holz, Stahl oder gar Edelmetall samt Saurons Macht. Erschaffenes ist Zivilcourage nicht, kein stoffliches Ding, nichts Erkauftes, nicht räumlich beschränkt. Dennoch wird sie behandelt wie ein modernes Mysterium – ein Artefakt des postindustriellen Zeitalters, körperlos, teilbar, allmächtig. Zivilcourage – super Lösung! Problem U-Bahn-Schläger? Das ist das Böse, macht sie mit Zivilcourage platt! Und wenn das nicht klappt, dann eben mit mehr Polizei, Überwachungskameras und Selbstschussanlagen. Verschärfung des Jugendstrafrechts, auch gut! Hauptsache, keiner fragt nach den Ursachen, die U-Bahn-Schläger entstehen lassen!

Problemlösungen ohne Fantasy-Helden

Erklärtes Mittel, das vor jeder Münchner U-Bahn-Prügelei eingesetzt wurde, war Alkohol. Nun könnte man das einfach mal schlicht als Kausalität ansehen, oder man startet genauere Untersuchungen. Entweder Alkohol geht in der Münchner U-Bahn jeder Gewalttat voraus, oder er wird stets nachträglich zur Entschuldigung angeführt, man weiß es nicht genau. Was die tieferliegenden Ursachen des Alkoholkonsums von jugendlichen U-Bahn-Fahrern in München sind, auch das weiß man nicht. Aber bereits diese erste schlichte Analyse weist darauf hin, dass es keine U-Bahn-Schläger gäbe, keine Opfer und keine Helden, wenn es keine alkoholisierten Jugendlichen dort gäbe.

Wie man deren Existenz in der Münchner U-Bahn verhindern kann, darüber mag es wiederum unterschiedliche Meinungen geben. Eines jedoch ist klar: Die Prohibitionisten haben in München keine Lobby.

Und so kam es dann, dass am Tag der Courage im Münchner Olympiapark ein schlichter schwarzer Bier-Wagen einsam im Schatten der Olympiahallen stand, als sei er der Sarg Dominik Brunners und sein eigentliches Mahnmal.


Erinnert es.

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Bundesverdienstkreuz 1. Klasse
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