Strategie der männlichen Annäherung

„Welch herrliches Thema! Wieviel wäre da aufzudecken, wieviel unbewußte Komödie zu entlarven! Das wäre Aufgabe nicht grade für einen berufsmäßigen Gefühlszersäger, sondern für einen passionierten Beobachter der menschlichen Oberfläche, für einen heitern Kenner des menschlichen Gesichts in allen Widerspiegelungen der Empfindung. Unser Liebesstratege hat jedoch die Bücher eingehender studiert als die Menschen. Wie ein Symbol seiner erotischen claire voyance steht ein Literaturverzeichnis voran, an dem benützte Quellen zu ersehen sind. Wo hat sich der fleißige Herr Doktor über die Liebe unterrichtet? Wir lesen: Schönherr: Der Weibsteufel, Sudermann: Im Zwielicht, Porto-Riche: L’Amoureuse, Mommsen: Römische Geschichte, Anton Menger: Sozialistisches Staatsrecht. So bereitet sich ein Beschreiber galanter Dinge vor. Das Ergebnis: er charakterisiert nicht, sondern katalogisiert. Er teilt die Männer ein in Kluge, Dumme, Sentimentale, Rohe, Anständige und Tückische, die Frauen in Emanzipierte und Primitive. Ohne zu ahnen, daß das Leben alltäglich solche papierne Typik übern Haufen wirft, und der Zustand der Verliebtheit schon vollends sich um die Masken der Stegreifburleske nicht kümmert. Das ist ja die wunderliche Magie der Erotik, daß sie die Temperamente auswechselt, dem Klugen einen Eselskopf aufsetzt, den Grobian lyrisch gurren, den Schwachmatikus kraftmeiern läßt, den grundehrlichen Kerl plötzlich zum ganz gemeinen Luder macht. Diesen Witz hat der Herr Doktor nicht erfaßt, denn das wird sich vielleicht in einem Alkoven ahnen lassen, aber nicht vor Mengers Sozialistischem Staatsrecht, und deshalb wird dieser Stratege, der als Zweck seines Buches nennt: der Frau die mangelnde Erfahrung zu ersetzen und sie für ihre Stellung im Kampfe mit dem Mann zu waffnen, seine Schutzbefohlenen, soweit sie überhaupt für den Kampf mit dem Mann gewaffnet sein wollen, in eine höchst blamable Marneschlacht hineinführen. Denn der Mann, dem sie etwa begegnen, wird auch ohne Kochbuch die uralte Praxis der Küche beherzigen: Man nehme …“

Erlesenes gibt zuweilen Rätsel auf. Ja, was nehme „Mann“ denn? Etwas Öl, zwei Eier und eine Handvoll Speck? Hier hat der Nobelpreisträger Carl von Ossietzky das Publikum leider im Regen stehen lassen bei seinem immer noch lesenswerten Textchen „Sexual-Kochbücher“ auf S. 641 von Die Weltbühne 23, 1927, Nr. 16. Gibt es Vorschläge?

Oder ist Ossietzkys Text zwingend so zu interpretieren, dass alles, was über die „Strategie der männlichen Annäherung“ geschrieben werden kann, notwendigerweise Schund ist? Dass im Schweigen und Genießen das einzige Wohl liegt? Dieser These kann der Wissenschaftler niemals zustimmen, da die wissenschaftliche Methode der Welterkenntis eben gerade im Glauben besteht, dass alle Erfahrung durch Verbalisierung objektiv- und fixierbar sei. Also: Vorschläge? Rezepte?

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