Kulturimperialismus in Deutschland

Erinnert es nicht ein wenig an die Abwicklung Nazideutschlands durch die alliierten Sieger, wie die bundesrepublikanischen „Sieger“ die DDR abwickelten? Beide Prozesse (tatsächlich enthielten sie auch Gerichtsverfahren) bedeuteten eine moderne Form der Kolonisierung: Dazu gehörte die Definition einer Leitkultur, die der neuen Kolonie aufgeprägt werden sollte, und die Frage, was mit den vorkolonialen Hinterlassenschaften anzufangen sei. Wo die Deutschen 1945 unbestreitbar großes Glück hatten, dass die Kolonialherren der tausendjährigen Barbarei ein Ende machten und ihnen mehr oder weniger rigide die Zivilisation brachten, verloren die 1990 kolonisierten Ostdeutschen im Tausch gegen politische und wirtschaftliche Freiheiten zweifellos auch Manches, das womöglich nicht zum Wesenskern des real existierenden Sozialismus zu zählen ist. Darunter ihre eigene kulturelle Hegemonie, wie Gramsci sagt.

Heute vor 20 Jahren trat die DDR der BRD bei – Vereinigung oder gar Wiedervereinigung sind da bloß Propagandabegriffe. „Deutschland Neu(n) Null“ nannte Godard einen seiner späten Filme in Anspielung auf die Wiederholung der „Stunde Null“ im Jahr 90.

Jana Hensel, Ostmädel in Westmedien

Vor einigen Tagen veröffentlichte Jana Hensel in der Zeit einen lesenswerten Text über den Osten und die Medien:

Als er ein kleiner Junge war, begann der darin angesprochene Elitenaustausch: Westdeutsche Eliten wurden als Multiplikatoren nach Osten geschickt, und junge Ostdeutsche zogen in Scharen gen Westen, um sich dort zu assimilieren. Elitenaustausch ist auch ein wichtiges Charakteristikum des Kolonialismus: Die Kolonialmacht ersetzt die lokalen Eliten durch ihre eigenen Leute – eine Enthauptung der zu kolonisierenden Gesellschaft kann man das nennen, manchmal auch ganz konkret. Und der lokalen Jugend wird nahegelegt, ein Studium im Mutterland zu absolvieren, um ihre Loyalität zu diesem sicherzustellen.

"Blühende Landschaften", hier Deutsch-Südwestafrika

Er dachte: Sogar das Lokalblatt der Mittelstadt hatte damals, 1994, überlegt, wie sein Konzern in den neuen Ländern investieren konnte. Schließlich brauchte man auch dort Lokalblätter in Mittelstädten. Und so gehörten zu den kolonialen Eliten auch Journalisten, abgesehen von der Expansion durch das noch schlichtere Konzept der Mantelredaktionen. Er erinnerte sich auch an die vielen jungen Menschen, die kurz vor oder irgendwann nach der Wende „rübergemacht“ waren, und die er vor allem an den höheren Bildungsinstituten des Mutterlandes angetroffen hatte. Ihre Loyalität zur BRD war mehr oder weniger groß, aber ihr kommunikatives Gedächtnis wollten oder konnten sie ihren Altersgenossen kaum vermitteln.

Flächenvergleich von Mutterland und Kolonie

Immerhin sind Rotkäppchen-Sekt (von dem ostdeutschen Unternehmen, dem die erste größere Übernahme eines westdeutschen Unternehmens gelang) und Halloren-Kugeln inzwischen auch im Westen bekannt. Doch das ist letztlich – wie bei den zahlreichen sogenannten Ostalgie-Produkten – auch nur ein Ausdruck der neuen kapitalistischen Marken-Wunderwelt.

Frage: Was assoziiert die Zeit-Redaktion mit Ostdeutschland? Antwort: Beim oben angegebenen Artikel ist rechts ein Teaser zu sehen, der dies verlinkt:

Tatsächlich zeigt die Karte im Ost-West-Vergleich klare Unterschiede, so gab es im Osten keine tödlichen Brandanschläge, dafür ist Zu-Tode-Prügeln dort viel beliebter (ähnlich wie in Niedersachsen). Keine Todesopfer rechter Gewalt gab es übrigens nur: in Bremen. Aber um ernsthaft mit dem 3. Oktober als erstes rechtsradikale Gewalttäter zu assoziieren, statt zu diesem Anlass eine Grafik über innerdeutsche Wanderungsbewegungen, Reichtumsverteilung, das Eigentum an Medienkonzernen oder die Besetzung von Führungspositionen darin zu zeigen, das kann auch nur den typischen Vertretern der westdeutschen Medienmacht einfallen. Da es die netten, liberale Kolonialisten von der Zeit sind, haben sie sich aus Imagegründen eine ostdeutsche Jungautorin eingekauft, die mal in aller Öffentlichkeit ihre Meinung sagen durfte, aber die Struktur der Kolonialherrschaft haben sie dadurch natürlich auch nicht aufgehoben. Bei der taz war’s die ostdeutsche Altautorin, hilft aber auch nix.

Erinnertes von anderen anlässlich des 3. Oktober:

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