Rambo hatte kein Logistik-Problem

Brücke der Freundschaft, zur Zeit das wichtigste Tor nach Afghanistan?

Er dachte seit Tagen darüber nach, wie wohl die NATO-Truppen in Afghanistan mit allem Benötigten beliefert werden, wenn Pakistan die Versorgungsrouten sperrt. Nach Angriffen von Kampfhubschraubern auf pakistanischem Gebiet (manchmal heißt es „auf pakistanisches Gebiet“, aber das ist Unsinn, denn wenn man einen Angriff auf ein Gebiet unternimmt, dann versucht man das zu erobern) ist die Versorgungslage etwas unklar:

„Als Reaktion auf den Vorfall an der afghanisch-pakistanischen Grenze hatte Pakistan den Grenzübergang der Stadt Torkham nahe des für die Versorgung der NATO-Truppen in Afghanistan strategisch wichtigen Khyber-Passes geschlossen. Drei Viertel aller Militärgüter für die alliierten Truppen in Afghanistan kommen über zwei Routen durch Pakistan, jeweils vom Hafen Karatschi aus: über die Khyber-Pass-Region im Norden Pakistans und über die südwestliche Stadt Quetta. Mehr als 4000 Lastwagen sind auf diesen Strecken ständig unterwegs. Wegen der steigenden Gefährdung auf diesen Routen richtete die NATO bereits eine „Ausweichroute“ über Russland und Tadschikistan durch das Einsatzgebiet der Bundeswehr im Raum Kundus ein. Die deutschen Soldaten sind daher von der Blockade kaum betroffen.“[1]

The road is long …

Eine Übersichtskarte gibt es hier. Dort sind auch die drei Routen über den Chaiber-Pass (engl. Khyber Pass) nach Kabul, über Quetta nach Kandahar und über Usbekistan und Tadschikistan nach Kundus eingezeichnet. Bei Problemen auf den beiden pakistanischen Routen kann die NATO also ihre gesamte Versorgung über die „Brücke der Freundschaft“ in der usbekischen Grenzsstadt Termiz laufen lassen? Wohl kaum.

Flaggen Deutschlands, Usbekistans und Afghanistans auf einem Bundeswehr-Abzeichen

Der „Strategische Luftstützpunkt Termez“ ist das Nadelöhr unter Bundeswehr-Kommando, das bisher das deutsche und niederländische ISAF-Kontingent versorgte, zusammen stets unter 5.000 Soldaten (NATO-Zahlen vom 6. August 2010). Dabei, so die Wikipedia, werden die Güter von Airbus-A310-Maschinen, von denen die Bundeswehr vier besitzen soll, auf bis zu acht mit Raketenabwehrsystemen ausgestattete Transall C-160-Transportflugzeuge und bis zu 20 der tatsächlich mit Kevlar verkleideten Sikorsky CH-53 GS-Transporthubschrauber umgeladen. Der Airbus kann – vollgetankt – etwa 14,5 Tonnen Material rund 5500 km weit transportieren, etwas zu kurz, um voll beladen ohne Zwischenstop nach Termiz zu fliegen. Eine Transall kann dieses Material (und ’ne Tonne Benzin) dann gut 900 km durch Afghanistan und wieder zurück fliegen. Oder man nimmt dafür drei Transporthubschrauber, die es aber nur rund 250 km weit und wieder zurück schaffen.

With many a winding turn …

Diese Zahlen klingen nicht so, als ob man damit statt 5.000 auch alle 120.000 ISAF-Soldaten in Afghanistan (NATO-Zahlen vom 6. August 2010, nicht 60.000, wie das Auswärtige Amt meint) versorgen könnte. Da Termiz als „Save Haven“ angeblich auch die Kapazität zur Evakuierung aller deutschen Soldaten besitzen soll,[2] zeigt sich aber etwa beim Verwundeten-Transport mit dem Airbus A310 MedEvac ein deutlicheres Missverhältnis:

„Die Bundesluftwaffe hat ständig ein Flugzeug vollständig ausgerüstet in Bereitschaft. Der einzelne MedEvac besitzt bis zu sechs Patiententransporteinheiten (PTE).“[3]

PTE wie im MedEvac-Airbus und MedEvac-Hubschrauber eingebaut

Maximal sechs schwer verletzte Soldaten können also zeitnah ausgeflogen werden, wenn sie von genau einer Sanitäts-Transall und einem Sanitäts-Hubschrauber[4] nach Termiz gebracht wurden. Das ist nicht etwa ein Ergänzungstrupp, sondern „Wichtiger Teil der ISAF-Operation“ am deutschen Lufttransportstützpunkt Termiz.[5] Der Evakuierungsplan scheint etwas schwach. Nicht einmal tot würde man 5.000 Soldaten (ohne Ausrüstung und ohne Särge) unter Einsatz aller 32 oben genannten Luftfahrzeuge in kurzer Zeit aus Termiz fortbringen können. Tatsächlich kann man damit noch nicht einmal 5.000 lebendige Soldaten versorgen, wie die Bundeswehr erklärt:

„Dazu werden neben Flugzeugen der Luftwaffe zivil gecharterte Großraumtransporter der Typen Antonov-124 und Iljuschin-76 eingesetzt. Das deutsche ISAF-Kontingent mit seiner mehrere tausend Tonnen Güter umfassenden Ausrüstung ist auf diesem Wege zunächst nach Kabul transportiert worden. Es handelte sich damit um die bislang größte Lufttransport-Operation in der Geschichte der Bundeswehr. Die Versorgung mit Verpflegung ist einer zivilen Vertragsfirma übertragen worden.“[4]

That leads us to who knows where, who knows where …

Er wünschte, es gäbe nicht ständig diese Spaltung zwischen militärischer Megalomanie („mehrere tausend Tonnen“, „größte Lufttransport-Operation“) und zivilem Optimismus („von der Blockade kaum betroffen“), noch gesteigert durch das Outsourcing an private Militärdienstleister, die der Öffentlichkeit nur durch Nachrichten wie den Ecolog-Skandal bekannt sind, aber gewiss immer alles im Griff haben.

So gehören auch die ständig brennenden Tanklaster in ganz Pakistan nicht etwa den NATO-Truppen, sondern überwiegend Privatunternehmen. Schutz erhalten sie mehr oder weniger von den pakistanischen Behörden. Und Versicherungsbetrug durch das Anzünden der LKW (oder Anzünden-Lassen durch Taliban, da macht man sich nicht die Hände schmutzig) scheint sich zu lohnen. Aber die Bundeswehr zieht ja ihre Tornado-Aufklärer bis Jahresende ab, dann müssen die schon nicht mehr mit Treibstoff versorgt werden.[6][7][8] Aber Moment – dann braucht man ja gar nicht mehr über 4000 Lastwagen in Pakistan, sondern ein paar weniger. Da ist es ökonomisch sicher sinnvoller, die LKW rasch und heiß außer Dienst zu stellen und die Versicherungssummen zu kassieren, als die alten Mühlen bei mangelnder Nachfrage in Pakistan zu verkaufen oder auch noch für ihre Verschrottung zu bezahlen.

But I’m strong, strong enough to carry him …

Neue Brücken "to improve travel, the economy and security"

Wer profitiert nun von der ganzen Geschichte? Der militärisch-industrielle Komplex profitiert ja immer, Afghanistan kann man da vernachlässigen. Die EU hat in ihrer Zentralasien-Strategie festgelegt, dass sie sich freie Handelswege und offene Grenzen (außer für Drogen und Migranten) für Afghanistan wünscht. Das klingt nach Öl, könnte klappen, und da hat ja jeder was davon, wenn der Westen bekommt, was er braucht. Dann kommen natürlich die Militärdienstleister ganz groß raus. KBR hat beispielsweise 2008 Aufträge mit einem Volumen von 6 Milliarden US-Dollar mit der US-Regierung geschlossen, davon 5 Milliarden für „Logistics Support Services“.[9] Auch die Taliban gehen nicht leer aus: Am Ende bekommen sie für ihre Mitwirkung den Abzug aller ausländischen Truppen, eine Job-Garantie und eine Regierungsbeteiligung.[10] Nur das kleine afghanische Mädchen, das zur Schule gehen wollte, und die unterdrückte afghanische Frau, die werden nichts davon haben, dass das Land nochmal – diesmal mit UN-Mandat – verwüstet wurde.

He ain’t heavy, he’s my brother. So on we go!

Die Zwischenüberschriften untermalten bereits Rambo III.

————————————————————

Advertisements

Eine Antwort zu “Rambo hatte kein Logistik-Problem

  1. Pingback: Amerikabilder in der Popkultur | Erbloggtes

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s