Deutsche Karrieren

Erwünschtes Mittel zur Erhaltung der Funktionstüchtigkeit des westdeutschen Staatsapparates ab 1949 war es, den plumen Rechtfertigungsversuchen der nationalsozialistischen Funktionseliten zu glauben. Denn nur so konnte man hunderttausende Verbrecher, Anstifter und Profiteure umwandeln in bundesrepublikanische Funktionseliten. Die beste Rechtfertigungsstrategie fasst prägnant zusammen:

  • Thomas Fischer: Vorwort. In: Norbert Frei: Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945, Frankfurt/New York 2001, S. 7-11.

„Am meisten verbreitet war die Behauptung, es sei lediglich eine kleine skrupellose Clique von fanatischen Parteiführern gewesen, die mit Hilfe von SS und Gestapo über das Volk geherrscht habe und deren Befehlen auch die Funktionseliten hilflos ausgeliefert gewesen seien. Man habe gehorchen müssen, um sein eigenes Leben zu retten, und sei nur zum Schein, um ‚Schlimmeres zu verhüten‘, aktiv für das Regime eingetreten. Dieses Märchen von den ‚verführten‘, ‚unschuldigen‘ Deutschen und vom ‚Befehlsnotstand‘ wurde besonders in den fünfziger Jahren von den alten und neuen Eliten dazu genutzt, die weitere Strafverfolgung von NS-Verbrechen zu unterlaufen und eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Vergangenheit abzuwehren.“ (S. 10)

Diese wohl formulierten Sätze gewinnen ihren Reiz auch daraus, dass in ihnen nicht formuliert wird, wie es eigentlich gewesen, sondern vor allem, was über das Gewesene gelogen wurde. Das Märchen der Eliten verlor zwar seit den 1960er Jahren Anhänger, die Geschichtswissenschaft untersuchte die Behauptungen und widerlegte sie nach und nach – bis hin zur ARD-Dokuserie Karrieren im Zwielicht von 2002, deren wissenschaftlicher Berater Norbert Frei war, ein Vorkämpfer auf dem Gebiet. Doch in Erinnerungskultur und Geschichtsbewusstsein der BRD (und wohl auch großer Teile der West-Alliierten) hielt sich diese Legende der unschuldig schuldig Gewordenen, der vom Teufel Verführten, hartnäckig – bis heute.

Dazu gehört der Mythos vom Tyrannenmord an Hitler: Wäre eines der Hitler-Attentate gelungen, so der feste Glaube von Beteiligten und Nachwelt, wären die ihm verfallenen Seelen befreit worden von ihrer dämonischen Dienstpflicht – und alles wäre anders geworden, besser. Die Männer des 20. Juli 1944 gelten aufgrund dieses Mythos noch heute als Helden – vielleicht sogar heute mehr als je zuvor.[1] Doch Hitlers Tod hätte jene Eliten, die nachher für nichts verantwortlich sein wollten, nicht aus dem Machtgeflecht entfernt. Mit einigem Glück hätten die heroischen Putschisten Hitler getötet, die Macht an sich gerissen und ein paar von Hitlers Getreuen hinrichten lassen, dann einen Friedensschluss mit den Alliierten gesucht und letztlich die Zügel in der Hand behalten. Die Geschichte wäre anders verlaufen, Deutschland Militärdiktatur oder Adelsherrschaft geworden, hätte vielleicht an der Seite der USA einen Atomkrieg gegen die UdSSR geführt.

Alternativlosigkeit?

Er dachte selbst erschaudernd, wenn das die Alternative wäre, könne man sich noch glücklich schätzen, dass Hitler am 20. Juli nichts passiert sei. „Der Untergang“ sei dann gegenüber der „Operation Walküre“ eindeutig vorzuziehen. Doch auch für „Der Untergang“ ist Hitlers Tod der entscheidende Schritt: Für seine Anhänger beginnt zwar eine Zeit der Ungewissheit, bevor es aufwärts geht, doch dann können Hitlers Eliten nach 1945 ihre Karrieren im Zwielicht wieder aufnehmen.

Bleibt die Frage, was gewesen wäre, wenn die Westalliierten darauf bestanden hätten, dass NS-Funktionsträger oberhalb Ranges von Unteroffizieren, egal ob beim Militär, in der Politik, der Verwaltung, der Wissenschaft, der Justiz oder in der Privatwirtschaft, auf den Rang einfacher Soldaten herabgestuft worden wären und ihnen eine Beförderung oder Anstellung in halbwegs leitender Position unmöglich gemacht worden wäre. Wer hätte ihre Aufgaben übernehmen können?

In der DDR installierte die sowjetische Besatzungsmacht Parteikader, so dass aus Ostdeutschland stets der Vorwurf kam, in der BRD bestehe eine starke Kontinuität zum Faschismus.[2] Hätten die Westmächte etwas Ähnliches tun können? Vermutlich nicht. Die nationalsozialistischen Funktionseliten hatten nicht nur weitreichende Aufgaben und Befugnisse besessen, sondern auch viele Kenntnisse und Fähigkeiten erworben. Ihre konsequente Entfernung hätte das Leistungsprinzip ad absurdum geführt: Nazi-Propaganda-Experten statt in den Medien als Landarbeiter einzusetzen, statt Nazi-Richtern Laien und Greise zu berufen und Unternehmer zu enteignen, um einfache Arbeiter zu Wirtschaftsführern zu machen, das kam für die Westalliierten, die keine zuverlässigen Parteikader für Führungspositionen besaßen, nicht in Frage. Wie den Morgenthau-Plan mussten sie so etwas ablehnen, denn „they wanted Germany, for centuries the economic center of Middle Europe, put back on its economic feet.“[3] Noch verstärkt seit 1947 durch die Truman-Doktrin, wollten die Vereinigten Staaten wirtschaftliche Prosperität, später auch militärische Verteidigungsbereitschaft, für die BRD.

Dafür benötigten sie die alten Eliten. Vielleicht hätte eine stärkere Remigration und Installation von Hitler-Flüchtlingen manche von diesen ersetzen können. Dagegen sprach jedoch unter anderem die Unwilligkeit jener Emigranten, die sich gerade in Amerika eingelebt und etabliert hatten. Viele waren mit den alliierten Truppen zeitweilig zurückgekehrt und kannten die Lebensumstände im Nachkriegsdeutschland, sahen auch die alten Eliten und die „sanfte“ Entnazifizierung, die deren Wiederaufstieg ermöglichte. Aus dem Exil zurück kamen stattdessen viele politische Flüchtlinge – darunter die Exil-SPD. Aber die Massen, die in die westlichen Besatzungszonen strömten, kamen als „Heimatvertriebene“ aus den „ehemaligen Ostgebieten“ und waren etwa so durchsetzt von NS-Funktionseliten wie die im westlichen Teil Deutschlands gebliebenen Deutschen.

Beispielsweise wurden viele der durch Krieg und Entnazifizierung verwaisten Lehrstühle für Geschichte in Westdeutschland von Vertriebenen besetzt, jedoch kaum welche von Emigranten: Hans Rosenberg etwa hatte bereits 1947 einen Ruf aus Köln ausgeschlagen, die meisten anderen Emigranten erhielten keine solchen Angebote. Stattdessen kehrte – als Ausnahme – der der erzkonservative Hans Rothfels 1951 in die BRD zurück, der vor seiner Emigration vor der Verfolgung als „Nichtarier“ noch versucht hatte, für seine Verdienste um das Deutschtum zum „Ehrenarier“ ernannt zu werden. Der „Vierteljude“ Ludwig Dehio, der in Nazi-Deutschland „überwintern“ konnte, lehnte eine angebotene Professur hingegen ab, um im Nachkriegsdeutschland nicht als „nichtarischer Konjunkturritter“ zu gelten.

Seit den 1960er Jahren fielen manche der promineten Führungskräfte Skandalen zum Opfer. Thomas Fischers hat bei seiner Einschätzung über den Zusammenhang zwischen diesen Skandalen und den Zustand der Demokratie in Deutschland aber wohl durch die rosarote Brille geblickt:

„Andererseits gilt, daß die Demokratie die vielen ‚alten Kameraden‘ einigermaßen schadlos überstanden hat. Und die Skandale um die NS-Vergangenheit […] haben die Demokratie letztlich eher gestärkt als geschwächt.“ (S. 11)

Denn die westdeutsche Demokratie war – auch wenn es keine realistischen Alternativen zu geben schien – keinesfalls ein Nachkriegswunderland oder ein unbelastetes Idealmodell. Die Defizite, die sich durch die Tätigkeit der „alten Kameraden“ erklären, müssten gesondert untersucht werden.

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