Richtige Sprache

Erhabene Sprachkunst mit einfachen Mitteln ist das Stück

Fry macht die Verständlichkeit zum Maßstab der Sprachbewertung, nicht die Korrektheit. Denn Korrektheit von Sprache sei eine pedantische Fiktion:

„Context, convention and circumstance are all.“

Demnach darf man Worte in unüblichen Zusammenhängen verwenden, neu besetzen oder beispielsweise Nomen zu Verben umformen. (Er dachte, man sollte vielleicht sogar einfach Nomen verben!) Frys Text ist aber kein Plädoyer für das Außer-Acht-Lassen notwendiger Unterscheidungen. Notwendige Unterscheidungen sind zum richtigen Verstehen erforderlich.

Context

Der Kontext einer Äußerung umfasst 1. allgemein Ort, Zeit und Handlungszusammenhang, 2. sozial die Beteiligten und ihre Beziehung, 3. sprachlich die nah und fern benachbarten Äußerungen in Form und Inhalt. Je nach diesen Parametern können also andere Unterscheidungen zum Verstehen notwendig sein: Bloggen in Deutschland 2010 (1.) ist eine Kommunikation mit einem stilisierten Autor und prinzipiell unbegrenztem Publikum (2.) sowie verschiedenen möglichen sprachlichen Kontexten (3.). Daraus ergibt sich die Empfehlung zur deutschen Gegenwartssprache mit Internet-Elementen (1.), zur Allgemeinverständlichkeit ohne Szene-Sprache (2.) und zur Fach- und Sachangemessenheit der Formulierung (3.).

Convention

Deutsche Sprache wird nicht nur – aber weitgehend – durch den Duden normiert. SMS-Texte, Twitter-Nachrichten und andere Sonderformen unterliegen eigenen Konventionen, die besonders augenfällig sind. Auch Tech-Blogs, Kochbücher oder Liebesbriefe besitzen jedoch eigene Reglements. Journalismus muss gegenüber Kunst leichter lesbar sein, Wissenschaft strebt nach Eindeutigkeit. Privatkorrespondenz beachtet weniger formale Regeln, aber stärker soziale Grenzen.

Circumstance

Die Sachlage ist eng mit dem Kontext verknüpft. Fry hätte – rein sachlich – auf diesen Punkt verzichten können, doch Rhetorik liebt dreigliedrige Aufzählungen. Höher, schneller, weiter. Glaube, Liebe, Hoffnung. Context, convention, circumstance. (Drei mal drei, hohe Kunst, bei Fry noch dazu als Alliteration!) Aber man könnte den Sachzusammenhang einmal als eigenständige Kontextdimension betrachten. Über Menschen technisch sprechen, über Obst personal räsonnieren, über Straßenverkehr künstlerisch gestalten, dies sind unübliche Redeweisen (übrigens drei). Pro und Kontra in der Sprache aufscheinen lassen, Ideologie durch uneigentliche Bezeichnungen verbreiten, die Leser an ihren Standpunkten abholen und zur Sache hinführen, sind übliche – an der Sachlage orientierte – Redeweisen (ebenfalls drei).

„Richtige Sprache“ berücksichtigt diesen Rahmen. Aber das stellt deutlich höhere Anforderungen als die schlichte Beachtung des Dudens.

via [1], [2]

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