Zurücklehnen und Internetnutzen

Er fragte sich, wer das Internet wohl nutze wie einen Fernseher: Einschalten, zurücklehnen und berieseln lassen, rumzappen und warten bis etwas besseres kommt? Diese Lean-Back-Haltung ist ein typischer Unterschied des Fernsehzuschauers  gegenüber dem Internet-Nutzer, der üblicherweise eine Lean-Forward-Haltung an den Tag legt. Daher ist auch der begriffliche Unterschied zwischen dem passiven Zuschauer und dem aktiven Nutzer gerechtfertigt.

Rundfunk oder Nichtrundfunk, das ist hier die Frage

An dieser Unterscheidung von Nutzungsarten ist der 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag ignorant vorübergegangen, als der die Regelung zu „Depublizieren“ öffentlich-rechtlicher Online-Angebote eingeführt hat. Rundfunk ist laut der neuen Definition des 12. RÄStV nämlich eine „zum zeitgleichen Empfang bestimmte Veranstaltung“, also wesentlich ein Lean-Back-Angebot zum Berieseln. Das Internet müsse sich nach diesem Rundfunk-Grundsatz richten und dürfe öffentlich-rechtliche Angebote nur kurzfristig zum quasi zeitgleichen Empfang bereit halten.

Es handelt sich also beim öffentlich-rechtlichen Internet um eine Art Pseudo-Rundfunk, bei dem so lange kontrafaktische Hilfsannahmen ergänzt werden, bis er aussieht wie Rundfunk. Der eine Woche lang mögliche Abruf von Fernsehsendungen ist phänomenologisch aber kein Rundfunk, da der Nutzer nicht Zuschauer ist und keine Lean-Back-Haltung einnimmt. Ein fiktives Beispiel:

Er las es in der Zeitung, dass es in einer ARD-Polit-Talksendung zu ungewöhnlich heftigen Beschimpfungen der Kontrahenten gekommen sei und Medien-Deutschland nun über Konsequenzen diskutiere. Daraufhin suchte er im Internet nach jenem ARD-Polit-Talk, um sich selbst ein Bild zu machen. Lean-Forward.

Selbstwidersprüchliche Medienpolitik

Wenn selbst das Zeitunglesen eine Lean-Forward-Haltung voraussetzt, dann muss dasselbe auch für öffentlich-rechtliche Internet-Nachrichten wie tagesschau.de gelten, bei denen der Nutzer aus den angebotenen Meldungen die für ihn wichtigen auswählt und liest – oder anhört, oder anschaut.

Wenn das alles jedoch phänomenologisch kein Rundfunk ist, weil nicht zum zeitgleichen Empfang in Lean-Back-Haltung bestimmt, dann ist es illegitim, Internet-Nutzern, die weder Fernseher noch Radio zum Empfang bereit halten, eine Rundfunkgebühr aufzuerlegen. Die Unterscheidung von Lean-Back- und Lean-Forward-Haltung ist eine Grundlage der Programm- und Internetgestaltung der öffentlich-rechtlichen Anstalten.[1] Das Kriterium des zeitgleichen Empfangs haben die Medienpolitiker der Bundesländer in den Rundfunkstaatsvertrags aufgenommen.[2] Die selben Leute haben aber internetfähige Geräte als „Neuartige Rundfunkempfangsgeräte“ bereits 2004 im Rundfunkgebührenstaatsvertrag für gebührenpflichtig erklärt – was nun vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt wurde.[3]

Erklärt es den Umstand, dass überall über die mangelnde Medienkompetenz von Jugendlichen geklagt wird, wenn man darauf verweist, dass es mit der Medienkompetenz von Medienexperten, -politikern und -lobbyisten auch nicht allzu weit her sein kann, wenn sie einmal Rundfunk und Internet in einen Topf werfen, und einmal sauber getrennt halten wollen?

Erbloggtes zum Thema:

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4 Antworten zu “Zurücklehnen und Internetnutzen

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  3. Pingback: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk und die Quote | Erbloggtes

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