Amerikabilder in der Popkultur

Er lernte schon gern immer wieder Neues, Überraschendes, diesmal:

  • Philipp Gassert: Transatlantische Geschichte als Konfliktgeschichte. Antrittsvorlesung als Professor für die Geschichte des europäisch-transatlantischen Kulturraums an der Uni Augsburg, 2. November 2010.

Gewalt als amerikanischer Mythos

Gassert berichtete vom Besuch Max Webers in Oklahoma 1904: Weber habe Frank Greer, den Herausgeber der wichtigen Zeitung The Oklahoma State Capital besuchen wollen. Doch als er Oklahoma City erreichte, wurde überall berichtet, Greer habe seinen Konkurrenten von The Oklahoma State
Register mit seinem Revolver bedroht, um diesem eine Gegendarstellung abzunötigen. Weber habe, als er davon hörte, den nächsten Zug bestiegen und sei unverrichteter Dinge abgereist. Daraufhin berichteten nicht nur regionale Zeitungen vom pikierten German „Professor von Webber“, sogar deutsche Blätter griffen die Geschichte auf.

Ungezügelte Gewalt, so Gassert, war nicht nur vor 100 Jahren wichtiger Bestandteil des europäischen Amerikabildes. Der Sheriff des Western-Films etwa sei als Verschmelzung von Gewalt und Freiheit Ausdruck der (in Europa gefürchteten) Anarchie im Hobbesianischen Naturzustand. Und die als Cowboy-Diplomatie verhöhnte amerikanische Außenpolitik der 2000er Jahre stellte Der Spiegel mehrfach als im Stil von Hollywood-Superhelden inszenierte Veranstaltung dar:

„Die Bush Krieger“

Zu „Amerikas Feldzug gegen das Böse“, wie Der Spiegel titelte, traten an: Außenminister Colin Powell als Batman – Verteidigungsminister Donald Rumsfeld als Conan – Präsident George W. Bush als Rambo – Vizepräsident Dick Cheney als Man in Black – Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice als Xena[Der Spiegel 8/2002][Bild, 1,5 MB]

Die bereits viel (selbst) zitierte Schöpfung griff Der Spiegel 2008 noch einmal auf, dann allerdings mit dem Untertitel „Ende der Vorstellung“ und mit schwer ramponierten Superhelden.[Der Spiegel 44/2008]

Rambos Friedenslied

Doch diese beliebte und dem Europäer nur allzu verständliche Metaphorik trifft nicht ganz. Rambo etwa sei kein Agent eines imperialistischen Staates, sondern Underdog, Sträfling und Freiheitskämpfer, der im ersten Teil der Filmreihe bereits aus Protest gegen staatliche Willkür und Gewalt Polizei und Nationalgarde aufmischte. Zwar ist John Rambo auch Kriegsheld und Elite-Einzelkämpfer, also Symbolfigur der in europäischen Augen ungezügelten Gewalt Amerikas. Doch im zweiten Teil „Der Auftrag“ agiert er erneut  unbotmäßig gegen die amerikanische Staatsmacht, wird von deren Vertretern im vietnamesischen Dschungel zurückgelassen und deshalb in einer Gewaltorgie mit maßlosem Body Count vom vietnamesischen Militär durch den Dschungel gehetzt. Dabei, interpretiert Gassert, tritt er für die kriegsgefangenen US-Soldaten ein, die vom Staat verheizt, verlassen und vergessen worden seien: Rambo spricht vom „Krieg gegen die zurückkehrenden Soldaten“ in den USA und versucht die Gefangenen zu retten, die die Mächtigen in Washington nicht befreien wollten.

Die Rambo-Reihe tritt also für die Anerkennung der Kriegsveteranen ein, an der es in den 1970ern noch allgemein gemangelt habe. Dies verdeutlicht auch das Lied im Abspann des Films: „Peace in our Life“, gesungen von Sylvester Stallones Bruder Frank. Darin wird – in irritierendem Gegensatz zu den Gemetzel-Bildern – die Friedenssehnsucht der Kriegsveteranen besungen:

Peace in our life / Remember the call / Oh, a cheer for my brothers / Think of them all […]

Time is the healing / of souls laid to rest / Peace is the virtue / Never forget

Die Kritik an Afghanistan- und Irakkrieg, die in den USA in den 2000er Jahren laut wurde, inspirierte einerseits sicher zu einem vierten Film der Rambo-Reihe (2008), doch andererseits war dieser Film eher eine Art Remake des erfolgreichsten Streifens Rambo II in Birma statt Vietnam. Nur fehlte die gesellschaftliche Relevanz für die USA, wenn man absieht vom Schreckensszenario einer amerikanischen Intervention gegen das dortige Militärregime und von der Thematisierung einer Kriegführung durch Söldner.

Er bloggte schon einmal dezent über Rambo III und Afghanistan.

Die anderen Superhelden

Auch die anderen Figuren, in deren Kostüme Der Spiegel US-Regierungspolitiker steckte, ähneln jedoch viel mehr dem frei-gewalttätigen Sheriff in einer staatslosen Welt als den Repräsentanten der Staatsmacht, die auf die Welt ausgreift: Conan bekämpft den religiösen Herrscher Thulsa Doom, der seine Macht und seinen Kult immer weiter ausbreiten will. Xena ist eine Gesetzlose auf Rachfeldzug, die sich zum Guten wendet. Batman bekämpft ungesetzlich die Kriminalität in Gotham City, was der korrupten und unfähigen Staatsmacht nicht gelingt.

Lediglich die Men in Black sind staatsnah und eine Art geheimer Weltpolizei in Alienfragen. Diese Figuren, die Verschwörungstheorien entstammen, passen vielleicht am besten zur Bush-Regierung, verwenden sie doch High-Tech-Waffen und legen eine äußerst restriktiv-verfälschende Informationspolitik gegenüber der Öffentlichkeit an den Tag.

P.S.: Auch die sonst so friedliche Schweiz bekam 2010 ihre Superhelden-Politiker-Illustration, mit interessant ausgetauschten Vorbildern.[1]

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