Totalitarismus und Kreationismus

Erlesene Sachkenntnis ist ein wertvolles Gut. Er erklärt daher nun, warum die Argumentation des Historikers Wolfgang Wippermann die in der Bundesrepublik Deutschland nicht totzukriegende Totalitarismustheorie implizit auf eine Stufe mit dem amerikanisch-fundamentalistischen Kreationismus stellt. Schon den Begriff Totalitarismustheorie lehnt Wippermann zugunsten von Totalitarismusdoktrin oder Totalitarismusideologie ab.

„Die […] primär antikommunistisch ausgerichtete […] Totalitarismusdoktrin hat […] auch die Bildungspolitik der Bundesrepublik in einem Maße geprägt, das sowohl unter rechtlichen wie pädagogischen Gesichtspunkten als äußerst fragwürdig anzusehen ist. Wurde hier doch die immer als Theorie angesehene Totalitarismusdoktrin geradezu verordnet. Dies gilt vor allem für die 1962 von den Kultusministern der Länder erlassenen «Richtlinien für die Behandlung des Totalitarismus im Unterricht», in denen die Lehrer verpflichtet wurden, sich im Unterricht an der schon damals umstrittenen Totalitarismustheorie zu orientieren. Sollten sie doch ihren Schülern die «verwerfliche Zielsetzung» und die «verbrecherischen Methoden» des «kommunistischen und des nationalsozialistischen Totalitarismus» verdeutlichen. Dass es auch hier
wieder vornehmlich um die Bekämpfung des Kommunismus gehen sollte, wurde im folgenden Satz klar und unmissverständlich folgendermaßen ausgedrückt: «Die Tatsache, dass die beiden Systeme einander bekämpft haben, darf nicht über ihre enge Verwandtschaft hinwegtäuschen.»“[1]

Demnach ist Totalitarismus eine aus dem Kalten Krieg erwachsene Lehre, die – wie der Kreationismus in den USA – zum verpflichtenden Bestandteil des Lehrplans gemacht wurde, obwohl sie wissenschaftlich nicht haltbar sei. Die 68er stellten diesen „verordnete[n] Antitotalitarismus“ gleichzeitig mit dem antikommunistischen Vietnamkrieg in Frage. „Rechte“ Wissenschaftler versuchten den Totalitarismusbegriff zu retten, während „Linke“ ihn durch den Faschismusbegriff ersetzten.

Als Ersatz für den Totalitarismus entwickelten sich, so Wippermann, die Begriffe „Radikalismus“, dann „Extremismus“. Den Wechsel zwischen beiden datiert er auf genau 1973, als der BRD-Verfassungsschutz dazu überging, statt „Radikalen“ lieber „Extremisten“ zu beobachten. Und im neuen Gewand des „Extremismus“ kehrt die Totalitarismusthese der Konservativen zurück:

„Dies ist ihre durch nichts bewiesene These, dass «Links»- und «Rechtsextremisten» gemeinsam die demokratische Mitte bekämpften würden, wobei sie sich in politischer und ideologischer Hinsicht einander annäherten und schließlich anglichen.“[1]

Ein Modewort aus diesem Zusammenhang, auf das Wippermann jedoch nicht eingeht – es könnte aber interessante Ergebnisse bringen – ist: „Fundamentalismus“.

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Eine Antwort zu “Totalitarismus und Kreationismus

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