Heute auf dem Lande: Warnung vor Stadtbeschmutzern

Er staunte sehr über die SZ – nein, weder Süddeutsche, noch Siegener oder Saarbrücker Zeitung: Die Schwäbische Zeitung ist Monopolist in ihrem Kerngebiet, sie nennt sich auch die „Stimme des Oberlandes“. Im beschaulichen Oberschwaben legt man noch Wert auf Gemütlichkeit. Und in Bad Buchau, vor 200 Jahren eine der kleinsten Freien Reichsstädte, heute 3.995 Einwohner, ganz besonders. Wer stört, kritisiert, oder Institutionen verächtlich macht, muss raus. Mindestens drei langgediente Redakteure warf die Zeitung in 12 Jahren wegen politischer Unbotmäßigkeit heraus, der Vierte sitzt seit heute Morgen wieder in der Redaktion, nachdem er seit einigen Tagen suspendiert war:[1]

Ulrich Mäule, Lokalchef Biberach, hatte Zeitungsberichte darüber zugelassen, dass der Leiter der Jugendmusikschule Bad Buchau des Kindesmissbrauchs überführt wurde. Und Berichte, dass der Bürgermeister und Neffe des Musiklehrers, Peter Diesch, die örtlichen Gemeinderäte per E-Mail zum Schweigen verdonnern wollte, um „unguten Presserummel“ zu vermeiden. Man könnte den Eindruck gewinnen, in Bad Buchau wären alle politischen Parteien verboten – wenn es nicht die Freien Wähler gäbe, die so frei sind, die Einparteienregierung der CDU abzunicken. Ein CDU-Gemeinderat (von dem sich die CDU-Fraktion anschließend distanzierte) gab die E-Mail an die Medien, und die SZ berichtete darüber. Es folgten überraschende Reaktionen:

Bad Buchau wollte gemütlich bleiben

„Kein Mensch scherte sich um die Angst von Kindern, die Ungeheuerlichkeit eines Mannes, der seine Vertrauensstellung in Familien ausnutzte. Stattdessen bezichtigten wütende Leserbriefschreiber das Lokalblatt der Hetze gegen den Bürgermeister.“[2]

Das Veröffentlichen der Vorgänge sei Stadtbeschmutzung, meinten die SZ-Leser. Der Schwäbische Verlag beugte sich dem Druck der wütenden Bürgermeister-Anhänger und teilte mit:

„Um einen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion und des Bad Buchauer Binnenklimas zu leisten, hat der Schwäbische Verlag Ulrich Mäule aus der Kritik genommen und vorübergehend freigestellt.“[2]

Nach scharfen Protesten von Kollegen und Lesern knickte der Verlag jedoch nochmals ein, diesmal in die andere Richtung. Denn „Kindesmissbrauchsvertuscher“ ist kein gutes Image für Zeitungen. Merke: Um einen Lokalzeitungsverlag zur Rücknahme von Maßnahmen zu zwingen, müssen nur mehr Leser protestieren und mit Abo-Kündigung drohen, als zuvor die Maßnahme gefordert hatten. Hätte der Verlag als Reaktion auf die Stadtbeschmutzer-Leserbriefe den Redakteur einfach angewiesen, künftig nicht mehr über das Thema und immer positiv über den Bürgermeister von Bad Buchau zu berichten, hätte die – erst durch die Redakteursentlassung aufmerksam gewordene – überregionale Medienöffentlichkeit nicht reagiert. Auch eine Form des Streisand-Effekts.

Traurige Nebeneffekte

Die Lokalberichterstattung und die Lokalpolitik werden durch diese Affäre nicht nur in Bad Buchau beschädigt, sondern bundesweit. Kleinstadt-Klüngel ist kein Einzelfall, und häufig genug dürften Vertuschungsversuche gelingen. Tatsächlich vielleicht weniger durch das Internet. Aber dass daraus Konsequenzen gezogen würden, ist nicht absehbar:

  • Bürgermeister Peter Diesch wurde gestern mit 1239 zu 69 Stimmen wiedergewählt. Die Wahlbeteiligung lag bei 43 Prozent.[3] Nun kann die Ruhe ins Ländle zurückkehren.
  • Als im Internet die Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs veröffentlicht wurde, reagierten mehrere Leserinnen, indem sie ihrerseits in Blog-Kommentaren Vorwürfe erhoben, der Musiklehrer habe sie bereits vor Jahrzehnten unsittlich bedrängt.[4] Viele Kommentatoren äußerten nur, wie froh sie seien, nicht mehr in Bad Buchau zu leben.

via [1]

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