20 Jahre World Wide Web

Skizze einer dringend notwendigen Historisierung

Erinnertes ist der Anfang des World Wide Web für die wenigsten Menschen, allerdings für viel mehr als die Anfänge des Internets insgesamt, die in mehr oder weniger geheimen Militärprojekten liegen. Letztere sind überwiegend in Form des Films WarGames – Kriegsspiele von 1983 in das kollektive Gedächtnis eingegangen (dessen Plot allzu realistisch war, wie der bis 1998 geheim gehaltene Fall des sowjetischen Offiziers Stanislaw Petrow zeigt).

WWW-Start 1990

Das World Wide Web aber ist heute der Teil des Internets, der der Bevölkerungsmehrheit aus eigenem Erleben bekannt ist und mit dem Ganzen identifiziert wird. Das Startjahr ist 1990 – und damit geht dieses Web weltgeschichtlich gesehen zunächst in bekannteren Entwicklungssträngen unter. Parallel zum Ende des Ost-West-Konflikts kondensieren in diesem Jahr die Entwicklungen der vorausgegangenen Jahrzehnte in einem neuen Phänomen, da verschiedene Schritte sich bedingen und rasch aufeinander folgen:

Der Rückzug des Militärs in geschützte interne Netze, symbolisiert vom Ende des Arpanet, nimmt dem Internet den Status, eine Frage der nationalen Sicherheit (vor allem der USA) zu sein. Daher kann das Internet für die kommerzielle Nutzung freigegeben werden, die die Beschränkung auf Militär und Universitäten aufhebt. Erst die kommerzielle Verwertbarkeit des Internets offenbart Entwicklungspotentiale, die sich in der rasanten Zunahme der verbundenen Computer ausdrücken: Zwischen Januar 1989 und Januar 1991 verfünffacht sich die Zahl der Hosts annähernd auf rund 376.000.[1] Diese Zahlen deuten sowohl einen hohen absoluten Zuwachs von fast 300.000 zusätzlichen Rechnern an, als auch ein zugleich hohes relatives Wachstum. (Zwischen Januar 1998 und Januar 2002 erfolgte wiederum eine annähernde Verfünffachung der Hostzahlen, der dafür nun benötigte Zeitraum war allerdings mit vier Jahren doppelt so lang wie zuvor.)[1] Seit 1989 waren auch die ersten deutschen Computer mit dem Internet verbunden. Das vierte Ereignis des Jahres 1990 war der Startschuss zum World Wide Web: Tim Berners-Lee und Robert Cailliau vom Forschungszentrum CERN, die seit 1989 an einem Projekt zum leichteren Informationsaustausch zwischen Wissenschaftlern arbeiteten, veröffentlichten am 12. November 1990 ihr Konzept für ein weltweites Hypertext-Netz. Am nächsten Tag, heute vor 20 Jahren, schaltete Berners-Lee die erste Website frei: info.cern.ch sah etwa so aus:[2]

Die erste Seite des World Wide Web vom 13. November 1990, Archivversion von 1992

WWW-Entwicklung als Zeitgeschichte

Browser Wars 1996-2009: Aufstieg und Abstieg des Internet Explorers

Zu diesem Zeitpunkt beginnen Entwicklungen, an die viele Zeitgenossen Erinnerungen besitzen. Tagesschau.de hat sie in einer faszinierenden Bilderreihe zusammengefasst:[3] Die ersten eigenen Schritte beim „Surfen“, die ersten Online-Nachrichten, die ersten Suchmaschinen, auch Meta-Suchmaschinen wie MetaGer, die Entwicklung von Browsern wie dem Netscape Navigator und dem Internet Explorer, deren „Browser Wars“ genannte Konkurrenz, der erste Chat, Google, Ebay, Wikipedia, Blogs und Soziale Netzwerke. Mit zunehmender Verbindungsgeschwindigkeit entwickelte sich im Hypertext-Netz auch  größere Multimedialität, bis hin zu YouTube, das im DSL-Zeitalter das absurde Phänomen hervorgebracht hat, dass dort zahlreiche unbewegte „Videos“ abrufbar sind, die aus einer Popmusik-Audiokomponente und einem Hintergrundbild bestehen.

Freizeit offline und online

Einige dieser Entwicklungen haben nicht nur zu wissenschaftlichen und kommerziellen Onlineangeboten geführt, sondern auch Räume zur Online-Repräsentation von Offline-Freizeitbeschäftigungen geschaffen. Eine der ältesten Fan-Seiten des Pen-&-Paper-Rollenspiels Das Schwarze Auge besteht unter dem Namen Orkenspalter seit 1998. Ihre Entstehung, die der Gründer in diesem Jahr kurz skizziert hat, dürfte in einigen Aspekten typisch für das Genre sein. Ein weiteres Urgestein dieser Kategorie, Alveran.org, hat vor vier Tagen sein Ende zum Jahreswechsel bekannt gegeben und dabei seine 13jährige Entwicklung in wenigen Worten gestreift.[4]

Und schließlich haben wurden die Offline-Hobbys mit Online-Repräsentanz überholt von Online-Hobbys: Davon finden Foren-Communitys, Browsergames und Blogs noch im World Wide Web statt. Online-Rollenspiele haben Wurzeln im Web, etwa Foren-Rollenspiele oder Multi User Dungeons wie das seit 1992 bestehende MorgenGrauen. Sie sind aber als MMORPGs inzwischen überwiegend ausgewandert in eigene Internet-Welten. Doch auch jenseits davon finden heute viele Stunden Freizeit online statt. Eine neue Art des Online-Hobbys, meist als neue Form der Beschäftigung mit Offline-Hobbys ist das Wiki: Zu unüberschaubar vielen Themen der Popkultur gibt es inzwischen von Fans gemachte kostenlos zugängliche Nachschlagewerke, deren Erstellung eine eigene Art ehrgeiziger Freizeitbeschäftigung geworden ist, parallel zur Etablierung des leidenschaftlichen Enzyklopädie-Schreibens bis hin zur Wikipedia-Sucht.

Historisierung des World Wide Web

Diese Skizze von Elementen, die zur Zeitgeschichte der Mediennutzung gehören, muss enden mit dem Hinweis, dass der Übergang des World Wide Webs vom kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis durch angemessene Repräsentationen erst noch gesichert werden muss. Gefahren dabei sind das tägliche Verschwinden von Web-Inhalten (weit über das Depublizieren hinaus) und das fehlende Bewusstsein der Menschen, an einer historischen Umbruchsphase teilzunehmen: Die kulturellen Praktiken, die die Gegenwart prägen, werden sich rascher gewandelt haben, als wir ahnen. Die ersten technikgeschichtlichen Forschungen bedürfen der Ergänzung durch umfassende kulturhistorische Untersuchungen des Webs als virtuellem Erfahrungs- und Aktionsraum. Das World Wide Web ist alltäglich und selbstverständlich geworden, seiner Historizität sind sich bisher nur Wenige bewusst.

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3 Antworten zu “20 Jahre World Wide Web

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