Aufmerksamkeitsökonomie

Erlebtes und Erforschtes über Facebook-Freundschaften präsentiert die Kommunikationswissenschaftlerin

In dieser Zuspitzung vernachlässigt Meckel drei Aspekte:

  1. Facebook-Freundschaften sind nicht nur Träger sozialen Kapitals, sondern auch kulturellen Kapitals und symbolischen Kapitals. Diese Formen von Facebook-Vermögen scheinen jedoch nicht – oder nur zu sehr schlechten Wechselkursen – ineinander und in ökomisches Kapital umwandelbar zu sein, was bei Bourdieus Kapital-Begriff besondere Beachtung benötigt.
  2. Soziales Kapital in virtuellen Beziehungen funktioniert grundsätzlich wie soziales Kapital insgesamt, sonst ergibt es keinen Sinn, Bourdieus Kategorien auf das Internet anzuwenden. Es sind also nicht die „Prinzipien digitaler Freundschaften“, dass sie auf Nutzenerwägungen und Tauschprozessen basieren, sondern die Prinzipien aller Sozialbeziehungen in der bourdieuschen Konzeption. Diese Art der Beschreibung ist Bourdieus (mächtiges) Werkzeug zur Analyse.
  3. Bei Bourdieu geht es kaum um Gefühle, die zu seiner Kapital-Untersuchung nicht recht passen würden. Meckel jedoch beklagt die bloß „virtuelle“ Nähe (emotionale Nähe muss niemals materiell sein), die Seelenlosigkeit, die ein „‚Freundschaftsgespräch‘ auf Facebook“ haben kann (ein „Freundschaftsgespräch“ kann sie auch face-to-face haben) und den Warencharakter von Facebookfreundschaften (der jedoch schon aus der verwendeten Begrifflichkeit Bourdieus folgt).

Natürlich ist Meckels Beschreibung für die Erfahrung von Facebook-Nutzern anschlussfähig. Dem Wert von Bourdieus soziologischen Analyseinstrumenten wird sie jedoch in drei kurzen Abschnitten nicht gerecht. Vielleicht hat auch ein Tagesspiegel-Redakteur die wichtigsten Erkenntnisse aus Meckels Text herausgekürzt. Dummfalsche Plattitüden wie die Bildunterschrift werden jedenfalls kaum von ihr selbst stammen:

„Mehr als 500 Millionen Menschen sind weltweit Mitglieder des sozialen Netzwerks Facebook. Für die meisten von ihnen ist eines am wichtigsten: dass sie so viele Freunde wie möglich haben.“

Doch auch wenn Meckel in ihrem Blog „Die Tragik der virtuellen Allmende“ für die Datenflut des Netzes diagnostiziert, überträgt sie (soziologisch-ökonomische) Theorien über die Wirklichkeit auf die als sekundäre Wirklichkeit konzipierte Netzwelt, ohne dabei den Unterschieden hinreichend Beachtung zu schenken. Sicherlich dicht an der Erlebnisebene zahlreicher Bewohner der virtuellen Realität, aber weit entfernt von tatsächlicher soziologisch-ökonomischer Analyse der materiellen Grundlagen des Netzlebens, bringt Meckel insgesamt überwiegend ein Ressentiment zum Ausdruck:

Vom Nutzen und Nachteil des Internets für das Leben drohe letztlich nur der Nachteil Bestand zu haben. Diese Haltung ist letztlich nicht spezifisch auf das Netz bezogen. Sie nimmt jenes nur zum Anlass, um das persönliche Unbehagen in der Kultur zum Ausdruck zu bringen, eine verschleierte Form der Gesellschaftskritik, die die wirtschaftlichen Grundlagen der Kulturentwicklung ausblendet und daher nur zu rückwärtsgewandten Schlüssen gelangen kann. Solcherart Kulturpessimismus hat schon früher nichts Gutes hervorgebracht, sondern sich als politische Gefahr erwiesen.

via [1]

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