Stuttgart-21-Schlichtung (5)

Nachtrag zur vierten Schlichtungsrunde

Erlassene sei die Schuld, nicht über die vierte Schlichtungsrunde berichtet zu haben. Ersatzweise sei das Wortprotokoll der Sitzung (im Entstehen) zitiert, laut dem Heiner Geißler erneut die zu seinem zentralen Programmpunkt als Schlichter erhobene Forderung der allgemeinen Verständlichkeit – mit Hilfe von Anekdoten – erläuterte:

„Durch die Sprache kann also erheblicher … erhebliche Missverständnisse können erzeugt werden. Mei, das haben wir bei uns noch nicht erlebt. Aber auch in der Zukunft hoffentlich nicht erlebt. Aber es gibt ja z.B. die Pressekonferenz von Rudolf Scharping nach der verlorenen Europawahl 1994, wo er in Hinblick auf die noch folgenden Landtagswahlen gesagt hat: ‚also diese Wahl – die Europawahl – diese Wahl war eine Niederlage, weitere werden folgen.‘ […] Da gibt’s ja [außerdem] den schwäbischen Bürgermeister, in dessen Gemeindebezirk war die Tollwut ausgebrochen. Und der hat einen Erlass herausgegeben, und der lautete: ‚Wer seinen Hund frei herumlaufen lässt, der wird erschossen.‘ […] und da hat sogar der Gemeinderat gemerkt, dass es irgendwie nicht in Ordnung war, und hat dann zu dem [Bürgermeister] gesagt: ‚Kerle, das ist sehr missverständlich, was Du da formuliert hast, das musst Du ändern!‘ Und dann hat er über Nacht mit Hilfe seiner Frau einen neuen Erlass erarbeitet und der lautete denn am anderen Tag wie folgt: ‚Wer seinen Hund frei herumlaufen lässt, der wird erschossen. Der Hund.‘ Damit war die Sache inhaltlich klar, aber grammatikalisch natürlich nach wie vor vollkommen falsch.“

Fünfte Runde, 19. November 2010: Theologie …

Erstaunt es, dass sich Stuttgart 21 göttlicher Unterstützung versichert, indem es Pfarrer Johannes Bräuchle auf Seiten der S21-Befürworter in die Schlichtungsrunde schickt, damit dieser dort mit der Autorität der Kanzel theologische Auslegungen präsentiert? Wenn Geißler ihn aber fragt, ob er einen theologischen Beitrag machen wolle, verneint der Pfarrer und bekundet, dass er nur über Fakten sprechen wolle.

Im 19. Jahrhundert gab es in Preußen-Deutschland ein Bündnis von Thron und Altar, das heute in der Geschichtswissenschaft vielfach als einflussreiche Fehlentwicklung eingeschätzt wird. Ist das Auftreten Bräuchles nun etwa der Auftakt zu einem Bündnis von Wirtschaft und Altar? Ein Dialog:

Bräuchle: „Die hochwertigste Gesellschaft ist die Menschengesellschaft.“ Gott habe „Pflanzen und Tiere dem Menschen zum Nutzen“ gegeben.

Geißler: „Das ist aber alte theologische Schule“.

Bräuchle: „Das ist biblisch begründet.“

Geißler: „Kennen Sie den Film ‚Die Vögel‘ von Hitchcock? Schauen Sie sich den nochmal genau an – nachdem wir über zwei Jahrtausende die Tiere [Natur?] missbraucht haben.“

Bräuchle ist gegen den Protest angetreten, und gegen Politik von unten: „Wir dürfen die Meinungsbildung nicht der Straße überlassen. Und in Stuttgart gleich zweimal nicht.“[1]

… und Biotopie

Die Kritiker beklagen in einer irritierenden Argumentation, dass das wichtige „Biotop aus zweiter Hand“, nämlich die Gleisanlagen, die Artenvielfalt in Stuttgart gewährleistet habe. 400 Pflanzenarten, rund 200 Insektenarten und 30 Vogelarten lebten dort. Dies werde zerstört, wenn man die Gleisanlagen abreiße und neu bebaue oder als – ökologisch nutzlosen – Park verwende. Das Motto dieser Argumentation ist: „Die Gleiswüste lebt.“ Damit berufen sich die Kritiker auf den Dokumentarfilm „Die Wüste lebt“ (1953), der erstmals ein breites öffentliches Bewusstsein für den Lebensraum Wüste erzeugt habe.

Die S21-Befürworter hingegen versprechen, das verlorene Trockenbiotop „nachmodellieren“ zu wollen, und zwar als „Schotterinsel“ von 5,8 Hektar Fläche. Der Schotter der Gleisbette werde dafür abgehoben und zur neuen Fläche transportiert. Mit ein wenig bösem Willen könnte man das auch als Altlasten-Verklappung betrachten, da der Schotter der Gleisbetten ja häufig mit Unkraut-Vernichtungs-Mitteln behandelt wurde.

Fazit

Inzwischen scheinen die Schlichtungsgespräche zu Stuttgart 21 zu einem Schauplatz von Anekdoten und bunten Bildchen verkommen. Ob sie entsprechend der Ausgangslage je etwas anderes hätten sein können?[2][3][4]

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3 Antworten zu “Stuttgart-21-Schlichtung (5)

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