Der nicht kommende Aufstand

Erkämpftes Ergebnis der Französischen Revolution waren Menschenrechte und Moderne. Wer heute das eine leugnet, meint meist das andere mit. Moderne bedeutete auch Industrielle Revolution, Technisierung und „Entzauberung der Welt“ (Max Weber). Während die Menschenrechte den Menschen befreiten von seiner Bindung an die Scholle und seinem Untertanenstatus gegenüber weltlicher wie kirchlicher Obrigkeit, befreite die Moderne ihn von der Sicherheit der begrenzten Lebenschancen und -risiken. Ohne Menschenrechte keine Proletarisierung. Der Marxismus nennt diese Zweischneidigkeit auch Dialektik.

Links und Rechts

In der Aufteilung des politischen Spektrums in Links und Rechts ist der linke Umgang mit dem beschriebenen Problem, Menschenrechte und Moderne voranzutreiben, Fortschritt in allen Bereichen zu forcieren. Denn die Linken glauben, dass alles durch Fortschritt nur besser werden kann. Der Leninismus-Stalinismus als extremste Form der Linken wollte die schlagartige Umwandlung des zaristischen Agrarlandes Russland in einen modernen und radikal modernisierenden Industriestaat durch die Diktatur der KPdSU erzwingen, auch gegen die Rechte der Menschen. Die Ideologie war der Forschritt, soziale Realität Rückschritt (wenn es einen Rückschritt hinter den Zarismus überhaupt gibt).

Die Rechte strebt seit Edmund Burke nach der Relativierung von Menschenrechten und Moderne. Das Bremsen des negativ bewerteten Fortschritts ging bis hin zur Rücknahme erreichter Modernisierungen. Denn die Rechten glauben, dass alles durch Fortschritt nur schlechter werden kann. Konservativismus ist das Streben zur Erhaltung des Alten, Ehrwürdigen. Reaktion ist der Wunsch nach radikaler Rückkehr zum Überholten, zur Vormoderne, zu Absolutismus und Leibeigenschaft, zur vorindustriellen Produktion. Reaktion ist eine innere Haltung ohne äußere Realitätsbindung.

Deutscher Sonderweg in die Moderne

Im Deutschland des langen 19. Jahrhunderts herrschte die innerliche Reaktion gemeinsam mit der äußerlichen Modernisierung: Romantik und völkische Bewegung zugleich mit Industrialisierung und Nationalstaat. Auch der Nationalsozialismus als extremste Form der Rechten war reaktionär nur in einigen Bereichen, in anderen (erschreckend) modern. Die Ideologie war der Rückschritt zum Volkstum, zum entrechteten Untertanentum, zur regermanisierten Stammesidee mit ländlicher Siedlung, die Realität war Modernisierung bis hin zur Industrialisierung des Massenmords. Dieser „Deutsche Sonderweg“ versinnbildlicht die historische Unmöglichkeit konsequenter Reaktion: Die Rückkehr zum Vergangenen ist bloße Illusion.

Rechts der Erhaltung des Vorhandenen konnte sich im Nachkriegsdeutschland wenig entwickeln. Heute gelten Rückschrittforderer meist als Spinner, die mit der Medienaufmerksamkeit reich und einsam werden, wenn sie romantisch-reaktionäre Ideen publizieren. Eva Herman und Thilo Sarrazin haben sich dort eingereiht. Papst Benedikt XVI. hat sich und die Kurie mit einem Schlag aus diesem Kreis herauskatapultiert, indem er die Benutzung von Kondomen, die auch für Katholiken schon lange unausweichlich waren, als legitim anerkannt hat anstatt sie weiter zu verdammen und die Rückkehr in die Vorzeit von AIDS zu fordern.

Französische Verwirrung

Aus Frankreich stammt das Buch Der kommende Aufstand, das 2007 unter dem Pseudonym „Unsichtbares Komitee“ veröffentlicht wurde. Im französischen Titel L’Insurrection qui vient ist der Aufstand bereits etwas näher als in der zukunftsorientierten deutschen Übersetzung. Wie in der Realität und in Der Aufstand (1998) begehren in dem anonymen Essay die Bürger gegen das System auf, das sie in seiner Maschinerie zu entmenschlichen droht.

Einerseits baut das Büchlein auf französische Protest- und Widerstands-Traditionen auf, skizziert die Zerstörung des Staates durch seine eigene Übermacht und propagiert das einfache Leben in autarken Kommunen, den Besuch bei Freunden ohne digitale Spuren und das Tragen von Waffen, um sie nicht einsetzen zu müssen.

Andererseits sind auch die Wurzeln unverkennbar, die auf Nazi-Denker wie Carl Schmitt und Martin Heidegger zurückreichen.[1] Das idyllische Landleben fern des industriellen Molochs und die autoritäre Herrschaftsstruktur und die „organische“ Gesellschaftsform, die Heidegger und Schmitt favorisierten, werfen ein bezeichnendes Licht auf das Reaktionäre im „kommenden Aufstand“.

Deutsche Verirrung

In der Süddeutschen und der Frankfurter Allgemeinen erschienen beeindruckte Besprechungen, begeistert von Stil, Zeitdiagnose und „Hellsichtigkeit“, zurückschreckend vor der anarchistischen Konsequenz des „Pamphlets“. Das Werk sei womöglich „das wichtigste linke Theoriebuch unserer Zeit“, die Linken oder gar der „Linksterrorismus“ habe damit eine Begründung für jegliche Protestaktion und Sabotage. Die tageszeitung empörte sich hingegen über den positiven Blick der bürgerlichen Feuilletons auf das Buch, das sie selbst als „antimoderne Hetzschrift“ identifizierte.[2]

„Links“ jedenfalls ist dieses „kommunale Manifest“ nicht, wenn an der obigen Unterscheidung etwas dran ist. Moderne, Technologie und Industrie, sind die Maschinerie, in deren Rädern es Sand sein will. Menschenrechte interessieren nicht mehr, die Maschinerie habe sie lange abgeschafft und gaukle sie höchstens noch vor. Gewalt wird darin legitimiert als bloße Gegengewalt, gegen Sachen, gegen ein System, gegen dessen Repräsentanten, die die Menschen und ihr Bewusstsein kolonisiert hätten und unterdrückten. Weniger radikale Protestbewegungen seien bloß Rädchen im System, die ihm auch die Zustimmung der Jungen, Intellektuellen, Kreativen sicherten.

Denken in Verwechselungen

Wie muss das Denken beschaffen sein, das links und rechts verwechselt? Das zur dummdreisten Sabotage von Atommülltransporten aufruft, nur um die Destabilisierung des Staates zu erreichen? Dessen Perspektive nur vorgestellte Schweizer Bergbauern sind, die in Rousseaus Vorstellungswelt ihre Kleinststaaten als autarke Kommunen organisierten:

„Wenn man beim glücklichsten Volk der Welt sieht, wie eine Schar Bauern die Staatsgeschäfte unter einer Eiche erledigt und sich immer vernünftig benimmt, kann man da umhin, das Raffinement der anderen Nationen zu verachten, die sich berühmt und elend machen mit so viel [Staats-]Kunst und Geheimniskrämerei?“ (Rousseau, Contrat Social IV)

Entweder, die Autoren sind verwirrte linke Sozialromantiker, oder sie sind brilliante rechte Reaktionäre: Beifall und Beunruhigung zu dieser angeblichen Anleitung zum Überleben „in stürmischen Zeiten“ taugen nicht dazu, Menschenrechte und Moderne zu entwickeln, taugen nicht zum gesellschaftlichen und technischen Fortschritt, taugen nicht zur Befreiung des Menschen aus seinem Untertanenstatus und aus der Sicherheit der begrenzten Lebenschancen und -risiken.

„Der kommende Aufstand“ taugt nur zur Wehrhaftmachung des Staates durch Einschränkung der Menschenrechte. Der dezentralisierte Belagerungszustand durch Gewalttaten, der in dem Werk antizipiert wird, führt zu den „schwarzen Geländewagen“,[3] die die FAZ fürchtet. In den Autos sitzt aber nicht die Mafia, sondern der belagerte Staat, die Bürgerlichkeit, die gepanzerte Fahrzeuge mit getönten Scheiben zur Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung herbeiwünscht, die maximale Modernisierung und Technisierung der Ordnungsmacht forciert, wenn sie sich bedroht fühlt.

Das ist alles andere als „anarchokommunistisch“.[4] Der Aufstand kommt nicht. „Das Büchlein ‚Der kommende Aufstand‘ beschert dem Buchhandel neue Aufmerksamkeit – der Polizei.“[5] Es ist ein literarischer Bombentestkoffer, der nicht explodieren kann. Den Wahn der Verfolgten aber kann diese Aufstandsphantasie beflügeln, gegen alle Unbotmäßigkeit (und gerade gegen die gewaltlose Meinungsäußerung) mit menschenrechtsbrechender Härte vorzugehen. „Auflagenzahlen sind hier unerheblich“, schreibt die FAZ.[3] Wer den Essay wie liest, ist egal: Alles Verschwörer. Wie die „Protokolle der Weisen von Zion“ ist die Hetzschrift nur geeignet, ihre angeblichen Urheber und Anhänger zu verunglimpfen und als Gefahr darzustellen.

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2 Antworten zu “Der nicht kommende Aufstand

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