Stilfragen

Erheiterndes Spielzeug für den Blogger von Welt ist das Schreibstil-Analyse-Programm „Ich schreibe wie …“ von Dmitry Chestnykh, das seit Oktober auch für deutsche Texte verfügbar ist.[1] Als „I Write Like“ war Chestnykhs Internetseite im Juli online gegangen und hatte innerhalb weniger Tage viral große Bekanntheit erreicht.[2] Mittels Naiver Bayes-Klassifikatoren (die sonst etwa eingesetzt werden, um Spam-E-Mails zu erkennen) steckt das Programm Texte in die Schubladen, in denen bereits die ähnlichsten Texte bekannter Vorbilder liegen. Dabei sollen Vokabular, Satzlänge und andere Faktoren Berücksichtigung finden. Für manche Autoren, gerade literarisch ambitionierte, mag es zu Identitäts- und Schaffenskrisen führen, wenn ihnen ein Stil wie Dan Brown (The Da Vinci Code – Sakrileg) attestiert wird;[3] im Deutschen mag Ildikó von Kürthy (Mondscheintarif) Vertreterin eines vergleichbar populären Stils sein, dem die Ambitionierten geringen literarischen Wert beimessen.

Er bloggt es wie …

Erbloggtes kann es jedoch nicht schrecken, was die Stilanalyse für Ähnlichkeiten entdecken mag. Also frisch ans Werk:

Bei den ersten drei Analysen kann das Ergebnis vielleicht auf eher wissenschaftlichen Stil, jedenfalls aber klar auf die Themenstellung (Revolution, Öffentlichkeit und Demokratie, psychische Dispositionen) und die damit verbundenen Begrifflichkeiten zurückgeführt werden. Bei der Stilanalyse des Gedichtes müssen aber überwiegend formale Merkmale der Gedichtform wie Metrum, Reim und kreative Wortkombinationen zum Tragen gekommen sein, da Goethe selten mit den Begriffen „Kondome“, „Irenland“, „Euro“, „Korea“, „Atomkrieg“ oder „Songun“ hantiert haben dürfte.

Englische Proben aufs Exempel

Nicht unzufrieden muss Erbloggtes auch mit der Einschätzung zweier hier nicht zu nennender englischsprachiger Texte von 1-2 Seiten Länge sein, die folgende Bewertungen erhalten haben:

I write like
James Joyce

I Write Like by Mémoires.

I Write Like by Mémoires.

Die Ähnlichkeit zu Joyce kann aber weder auf das Mittel des Stream of Consciousness, noch auf Lautmalerei oder echte Neologismen zurückgeführt werden. Obwohl: Vielleicht wurden einzelne deutsche Begriffe im Text als englische Neologismen gewertet. Wallace andererseits, der Tennisprofi, Modallogiker, Literaturprofessor und postmoderne Romancier, könnte trotz allen Bemühens wegen komplexen Satzbaues ermittelt worden sein. In Ironie und Absurdität soll Wallaces Stil aber auch Joyces ähnlich sein. Doch vielleicht wurde Wallace auch nur wegen des ausgiebigen Gebrauchs von Fußnoten ausgewählt – zweifellos die profanste Erklärung.

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