Fuck

Erleichtert es das Wecken von Interesse, einen Text mit einem einfachen Wort zu beginnen? Wenn das Wort „Fuck“ lautet, ja. In Amerika gilt das noch stärker als in Europa, da die Tabuisierung des Begriffes deutlicher ausgeprägt ist. Obwohl der erste Zusatzartikel zur US-Verfassung grundsätzlich auch die Verwendung dieses sprachlichen Zeichens schützt, ist das Case Law äußerst restriktiv hinsichtlich des Gebrauchs dieses Einsilblers in Radio oder Fernsehen, als Ausdruck sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und im Schulunterricht.[1]

Howard Stern, den die exzessive Verwendung schmutziger Worte im Radio mit rund 237 Millionen Euro auf Platz 2 der Liste der meistverdienenden Prominenten 2005 geführt hat, nur geschlagen von Steven Spielberg, musste bis 2006 Bußgelder in Höhe von 2,5 Millionen US-Dollar zahlen, größtenteils verhängt von der Federal Communications Commission (FCC). Nachdem mehrere kleinere Radiostationen wegen Sterns Wort- und Themenwahl abgeschaltet wurden, welchselte er 2006 zu einem nicht frei empfangbaren Abo-Sender, der nicht unter die Aufsicht der FCC fällt.[2]

Der Jurist Christopher M. Fairman untersuchte eingehend die juristischen Fallstricke, die sich aus der Wortverwendung ergeben. Bei dem Versuch, seine Forschungsergebnisse zu publizieren, wäre er selbst beinahe gestolpert, da er sich weigerte, seine Studie anders als „Fuck“ zu betiteln. Juristische Fachzeitschriften hatten den Text reihenweise abgelehnt. Ältere Untersuchungen über „das F-Wort“ waren etwa als „An Obscenity Symbol“ (1934) oder „On the Principal Obscene Word of the English Language“ (1954) betitelt.

Als Fairman seinen Aufsatz als „Arbeitspapier“ im Frühjahr 2006 im Internet veröffentlichte, sorgte er damit für Furore (abgeleitet von lateinisch furor, Wut) und erreichte die vordersten Plätze juristischer Download-Charts.[3] Der Spiegel bezeichnete das Werk als „der Aufsatz des Sommers“, und schließlich erschien er 2007 doch noch gedruckt in der Cardozo Law Review (Nr. 1711): unzensiert. Wenn Fairman seine Aufsehen erregenden Thesen im Rundfunk vorstellte, musste der unbedarfte Zuhörer sich allerdings fragen, warum der Pfeifton „Piep“ ein obszönes Wort ist.[1]

Fairman hatte – gemeinsam mit wissenschaftlichen Mitarbeitern – eine Synthese von Analysen zur Wortgeschichte, zur Tabuisierung und zur Rechtsstellung geschaffen, die sehr lehrreich sind hinsichtlich des Verhältnisses von Freiheit und Prüderie Demokratie, hinsichtlich der Auswirkungen des Case Law auf das Rechtssystem und nicht zuletzt informativ über die Vereinigten Staaten allgemein. Zur Verdeutlichung sei hier allein die rechtliche Stellung des Fuck in der Schule vorgeführt:

Fairman geht gestützt auf die Literatur und die Bedeutungsvielfalt von Fuck davon aus „the word fuck is not obscene because the word is neither erotic nor contains the essential element of sexuality to be prurient“ (S. 63). Das Verbot des Wortgebrauchs als „lewd“ (lüstern, unzüchtig) im Schulkontext ergibt sich demnach „only if one makes the erroneous connection to per se sexual activity and patent offensiveness“ (S. 63). Doch die Praxis zeige: „Given this level of confusion among the courts on both linguistics and the legal standard of vulgar and offensive speech, student-initiated use of fuck as free speech seems doomed.“ (S. 66)

Auch Lehrern verwehren einige Gerichte anscheinend „any ability to use First Amendment academic freedom arguments to protect curricular decisions to use fuck in class“ (S. 67): Ein „high school English teacher taught a lesson on taboo words that included writing fuck on the blackboard. Following a parent’s complaint, he was fired“ (S. 68). Immerhin hoben die Gerichte diese Entscheidung auf, da der Lehrer „acted in good faith“ (S. 69), dass er Unterrichtsbeispiele an die Tafel schreiben dürfe, ohne sie als f*ck, f—k oder @$!% zu kaschieren. Fairman gelangt zu einem interessanten Schluss über die Wirksamkeit des Fuck-Tabus:

„The vastly different treatment afforded teachers‘ in-class use of fuck undoubtedly reflects the influence of taboo on the parents, administrators, and judges who comprise the front-line of First Amendment confrontation.“ (S. 69)

Als Tabu steht ein schlichtes Vier-Buchstaben-Wort für viel mehr:

Fuck embodies our entire culture’s subconscious feelings about sex — about incest, being unclean, rape, sodomy, disease, Oedipal longings, and the like.“ (S. 72)

Sigmund Freud hatte Tabus „im Seelenleben der Wilden“ untersucht und Parallelen zu Neurosen entdeckt:

„Die Tabuverbote entbehren jeder Begründung, sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft leben.“ (Totem und Tabu, 1961 [1912], S. 27)

Fairman hat diesen neurotischen Charakter des Sprachtabus erkannt. Ob sein politisches Schlusswort allerdings das Rezept zur Heilung ist, muss offen bleiben:

Fuck must be set free.“ (S. 74)

  • Christopher M. Fairman: Fuck. In: SSRN.com, 17. April 2006 (daraus alle nur mit Seitenzahl referenzierten Zitate).

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