Misere der billigen Polemik

Ersetzt es das Verlangen, substanzielle und überprüfbare Aussagen in einem medialen Niedergangs-Lamento vorzufinden, wenn es als „Polemik“ überschrieben ist? Nein. Hans Ulrich Gumbrecht hätte seine kulturpessimistischen Plattitüden in seinem privaten Blog publizieren können. Dass politische Magazine mit einigem Anspruch ein solches Elaborat übernehmen, offenbart seine entscheidende (zweite) Zielsetzung.

Intellektuelle gebe es nicht mehr, seit ihre Herrschaft absolut geworden sei. Überhaupt seien Intellektuelle eigentlich Stalinisten ohne die nötige Macht, so Gumbrecht. Ein wenig intellektuellen Habitus will sich Gumbrecht so aneignen, ein wenig riskantes Denken. Er provoziert die Selbsterfüllung der Prophezeiung, wer den neuen Mainstream der alten Intellektuellen („entartete Sozialdemokratie“) bekämpfe, werde niedergemacht.

Auch der klassische Kulturpessimismus hat sich gern dieser Stoßrichtung (gegen die Sozialdemokratie), dieser biologistischen Rassen-Rhetorik (gegen „Entartung“) und dieses allgemeinen Ressentiments (gegen intellektuelle Kritik) bedient. Die erste Zielsetzung solchen Denkens ist der Rechtskonservativismus, die permanente „Konservative Revolution“. Sie strebt zur Verstaatlichung der Gesellschaft anstelle der Vergesellschaftung des Staates, welche die sogenannten linken Intellektuellen der Bundesrepublik mit den Stichworten Zivilgesellschaft und gesellschaftliche Demokratisierung gefordert hatten. Dass diese Art des Kulturpessimismus als politische Gefahr – und als zutiefst Deutsche Ideologie – zu gelten habe, konnte der intellektuelle Gelehrte Fritz Stern schon 1961 in seiner Dissertation zeigen.

Die zweite Zielsetzung solchen Denkens, die Gumbrecht womöglich viel präsenter war als seine historische Dimension, ist der Brotberuf des Intellektuellen. Die billige Polemik gegen ein fiktives Establishment erlaubt den Habitus des wegen Unbotmäßigkeit Verstoßenen. Mit dieser Haltung sind in einer Aufmerksamkeitsökonomie immer Aufmerksamkeit und Geld zu erwirtschaften, zumal beide Güter austauschbar sind. In diesem Sinne ist Gumbrechts Polemik tatsächlich billig, altertümelnd für „seinem Ziel angemessen“.

Die eigentliche „Misere der Meisterdenker“ deckt Gumbrecht in seiner Provokation jedoch nur performativ auf: Die Medien der Aufmerksamkeitsökonomie brauchen gleichermaßen Aufmerksamkeit und Geld; nichts brauchen sie dringender. Dem Publikum jedoch ist durch solcherart Anstoß am wenigsten gedient: Für billige Unterhaltung, billige Aufregung und billiges Ressentiment genügen ihm Privatfernsehen, Boulevardpresse und Politzirkus völlig. DerFreitag ist – wie Gumbrecht – zur Befriedigung dieser Bedürfnisse mehr als überflüssig.

via [1]

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