Liebe Stammbesatzung der Gorch Fock!

Erlitten es nicht die unteren Ränge viel stärker als die gestandenen Seeleute, dass eine Kameradin starb und daraufhin existenzielle Konflikte ausbrachen? Erlebten sie nicht das Machtgefälle der Befehlskette von unten, in dem sie angeschrien und in die Takelage gejagt wurden, während die Ausbilder an Deck stehend anschrien und für Disziplin zu sorgen sich genötigt sahen? Erfuhren die Niederen nicht – wie stets – die Bedeutungslosigkeit ihrer Existenz, ihrer Angst, ihrer Verwirrung, während die Oberen das reibungslose Funktionieren der Menschmaschinerie zu garantieren bestrebt waren – oder, in anderen Worten – ihren Willen zu brechen?

Wollen keine „Menschenschinder“ sein

Die Stammbesatzung der Gorch Fock hat einen offenen Brief an den „sehr geehrten Herrn Minister“ gerichtet. „Offen“ wurde dieser Brief allerdings erst durch die Zuspielung „auf einem vertrauenswürdigen Weg zur Veröffentlichung“ an Spiegelfechter Jens Berger und dessen Veröffentlichung am 28. Januar 2011. Darin wendet sie sich gegen „Äußerungen […], welche uns Ausbilder als Menschenschinder bezeichnen. Dies ist ein Schlag ins Gesicht jedes Einzelnen hier an Bord und Rufmord!“ Weiter führt die „Stammbesatzung“ aus, dass alles prima war, nur „Petenten, die ein grundsätzliches Problem mit der Gorch Fock haben“, hätten (nicht nur ihre Kameraden, sondern) die Öffentlichkeit gegen die Gorch Fock aufgehetzt, woraufhin Politiker „uns jetzt fallengelassen haben“.

Die Petenten werden noch näher charakterisiert: „Warum wurde ein zuverlässiger, loyaler Offizier ohne Untersuchung bzw. Untersuchungsergebnis so behandelt und bloßgestellt?“ Und das auch noch „vor dem Hintergrund unbestätigter Anschuldigungen, welche eine Gruppe von Petenten (Offiziersanwärter) in Form einer Eingabe an die Öffentlichkeit gebracht haben.“ Offenbar sind „Petenten“ der Schrecken der Stammbesatzung, üble Subjekte, Aufwiegler, unkameradschaftlich, ehrlos.

Auch der Rest des Briefes zeigt, dass der Brief entweder gefälscht ist, oder in der „Stammbesatzung“ der Gorch Fock ein Menschen- und Militärbild vorherrscht, das nicht einmal an den schwachen Standard des offiziellen Bundeswehr-Menschenbildes heranreicht. Welcher Mensch, der noch bei Sinnen ist, will denn Ausbilder, für die das Funktionieren der Maschinerie vor der seelischen Gesundheit der ihnen Anvertrauten steht, die für den Lehrgangserfolg gewillt waren, „im Hafen eine hohe Leistungsbereitschaft der Lehrgangsteilnehmer“ zu erzwingen, und die auf Kritik durch das Deklamieren von Dienstanweisungen im Boot-Camp-Stil reagieren:

(gebrüllt vorzulesen) „Der OA erfährt und verinnerlicht die Grundsätze und Ziele der Inneren Führung, den Sinn von Disziplin, Selbstdisziplin und Gehorsam.“

Für solche Ausbilder sind auch „Sprüche unterhalb der Gürtellinie“ doch „nur Sprüche“ und die Medienberichte zugleich „falsch und extrem verzerrt“. Die Stammbesatzung fand es denn auch völlig angemessen, dass nach dem Tod der Offiziersanwärterin „für die Besatzung und die Ausbilder ein Bier ausgegeben“ wurde – „im Gedenken an unsere verstorbene Kameradin“ – und man möchte ergänzen: „un‘ gut is'“.

Auf den Punkt brachte Sven Regener in seinem Roman Neue Vahr Süd das Problem der Unvereinbarkeit von menschlichem Anspruch und unmenschlicher Praxistauglichkeit der Bundeswehr. In der Verfilmung irritiert die kluge Frage der Hauptfigur Frank Lehmann den Standortpfarrer bei dessen Ansprache:

„Wenn Sie seelische Nöte verspüren, können Sie sich jederzeit abmelden und zu mir kommen. Jederzeit!“ – „Ich hab‘ da mal ’ne Frage.“ – „Ja, bitte!“ – „Was heißt’n jetzt immer? Ich meine, wenn wir mitten im Gelände sind, beim Tarnen oder so, könn‘ wir dann sagen, wir müssen zum Standortpfarrer, und dann lassen die uns geh’n? […] Kann ich einfach geh’n, oder muss ich bis Mittag warten?“ (ab 1:50 min)

Schutz von wem oder was vor neugierigen Blicken?

Was die Ausbilder – nach eigener Schilderung – unmittelbar nach dem tödlichen Unfall taten, entbehrt nicht einer gewissen Widersprüchlichkeit, aber Hauptsache, die „Jungs haben in einer extremen Situation hervorragende Arbeit geleistet und die Beherrschung behalten“. Und zwar schickte man alle Anwärter „umgehend unter Deck“, erstens, „um die verunfallte Kameradin nicht sehen zu müssen.“ Nun kann man sicherlich über Sinn und Erfolg dieser Maßnahme für das Erleben der Kadetten streiten. Nicht streiten kann man aber über die angefügte Alternativbegründung für das befehlsmäßige Verbergen von Unfallablauf und -folgen vor den anderen Anwärtern:

„Die Stammbesatzung, sprich die Ausbilder, haben an Oberdeck alles Menschenmögliche getan, um der Kameradin zu helfen und sie vor neugierigen Blicken zu schützen.“

Neugierige Blicke? Welches Geheimnis musste denn gewahrt bleiben? Welch schreckliche Unfälle auf Kriegsschiffen geschehen können, und dass es den anderen Kadetten ebenso ergehen könnte? Oder gab es da mehr zu sehen als eine sterbende Kameradin? Laufen im Krieg auch vor den Sanis mit der Trage die Herren mit den Paravents her, um die Toten und Verletzten vor neugierigen Blicken zu schützen? Oder passiert das nur im Hafen, wenn es ohne jegliche äußere Gefährdung zu tödlichen Unfällen kommt, damit jeder Lehrgangsteilnehmer „unter Aufsicht physisch und psychisch bis an die Grenzen seiner individuellen Belastbarkeit geführt werden“ kann? Und was nützt es dem Soldaten, der seine Grenzen erlebt hat, „damit er ruhig, sicher und beherrscht handeln kann, wenn er im Einsatz in die Lage höchster Gefahr für das eigene Leben kommt“, wenn er diesen ominösen „Einsatz“ – Kriegsfall auf einem Segelschiff! – nicht mehr erlebt?

Neu: Grundrechte bundesdeutscher Soldaten

Der entscheidende Unterschied der Bundeswehr zu allen früheren deutschen Armeen – die aus der Geschichte gezogenen Lehren sozusagen – ist jedoch das Bekenntnis der Bundeswehr zur Menschenwürde der Soldaten. Wegen des Widerspruchs zwischen Menschenwürde und daraus folgenden Menschenrechten einerseits sowie dem Gebrauch des Soldaten als reines Werkzeug und der Beschneidung seiner Rechte andererseits hat die Bundesrepublik das Amt des Wehrbeauftragten des Bundestags erfunden:

„Jeder Soldat hat das Recht, sich einzeln ohne Einhaltung des Dienstweges unmittelbar an den Wehrbeauftragten zu wenden. Wegen der Tatsache der Anrufung des Wehrbeauftragten darf er nicht dienstlich gemaßregelt oder benachteiligt werden.“ (WBeauftrG § 7)[1]

Die bösen Petenten, auf die die Stammbesatzung alles Übel abwälzen will, scheinen sich dieses ihres (Ersatz-)Grundrechtes bewusst gewesen zu sein, als sie gegenüber dem Wehrbeauftragten und seinen Mitarbeitern Angaben machten, die ihre Vorgesetzten nicht besonders gut dastehen ließen. Meuterei ist das nicht. Allein das Wort „Meuterei“ im Munde zu führen, könnte aufgrund der damit verbundenen existenziellen Verunsicherung der Untergebenen, das Ende aller Anerkennung eines Vorgesetzten sein. Sobald ein Ranghöherer auch nur sinnierend über Meuterei spricht, ist es wohl das sinnvollste denkbare Verhalten eines Seefahrers, umgehend den Wehrbeauftragten anzurufen, der allein ihm noch den Schutz des Staates vor einem ungerechtfertigten Meuterei-Vorwurf bieten kann.

Warum sind die „Mißhandlung von Kriegsgefangenen oder Personen auf hoher See“ im Londoner Statut im gleichen Atemzug als Kriegsverbrechen definiert?[2] Weil Kriegsgefangene und Personen auf hoher See dem Mächtigen gleichermaßen schutzlos ausgeliefert sind.

Meuterei gegen Meuterer?

Falls der offene Brief nicht gefälscht ist, dann ist die Stammbesatzung mit ihrem elitären Befehls- und Gehorsamsethos womöglich der wahre Störenfried, ein Problem von dem die Gorch Fock „nur noch sehr schwer reinzuwaschen“ sein wird. Das Grundgesetz sieht für Soldaten eine Einschränkung der Grundrechte vor: Hier einschlägig sind das „Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten“, sowie das Recht auf Eingabe an eine Behörde oder Volksvertretung (Petition), „soweit es das Recht gewährt, Bitten oder Beschwerden in Gemeinschaft mit anderen vorzubringen“.[3] Der Offene Brief, der „in Gemeinschaft mit anderen“ Beschwerden vorbringt und dazu die Meinung der „Stammbesatzung“ frei äußert und verbreitet, dürfte ein Verstoß gegen beide Einschränkungen sein (vgl. Wehrbeschwerdeordnung). „Die Stammbesatzung der Gorch Fock hat einen Maulkorb bekommen“ – wenn es stimmt, dann kommt unter Umständen Gehorsamsverweigerung nach § 20 Wehrstrafgesetz hinzu.

Dass „dieser offene Brief dazu beitragen kann, die aus dem Ruder gelaufene Diskussion ein wenig zu versachlichen“, wie Jens Berger schreibt, dürfte ein frommer Wunsch sein. Tatsächlich ist der Brief vielmehr der Versuch einer Interessengruppe, die diskursive Hegemonie wiederzuerlangen, die ihr durch die Einmischung anderer in die Befehlskette abhanden gekommen ist. Wenn Kadetten, Medien, Öffentlichkeit, Minister und Wehrbeauftragte mitreden wollen, sind am Ende auch Mitglieder der Gorch-Fock-Stammbesatzung nichts anderes mehr als bemitleidenswerte Rädchen in einer Maschinerie, deren Zähne abgebrochen werden, wenn sie sich nicht mehr im Takt drehen wollen.

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