Wir sind das Volk! Die Pyramide muss weg!

Erheitertes, etwas sarkastisches Lachen entfuhr seiner Kehle bei der Pointe von Kai Gniffke, dem Chefredakteur von ARD-aktuell, der die Öffentlich-rechtliche Berichterstattung über Ägypten verteidigte:

Die Motive für die Kritik analysiert:

  • Torsten Kleinz: Lamestream Media. In: Notizblog. Pointers & Pointen, 3. Februar 2011.

Kleinz stellt die These auf, die Kritiker wollten das nun die friedliche Revolution in der DDR „am Bildschirm nochmal nacherleben“. Diese Motiv ist tatsächlich in die Berichterstattung bereits eingeflossen: „Umbruch in Ägypten“ ist eine absurde Überschrift über die gegenwärtigen Ereignisse. Nur wenn man einen bestimmten Ausgang des laufenden Prozesses vor Augen hat, kann man ihn heute schon „Umbruch“ nennen. Mindestens ebenso wahrscheinlich ist jedoch, dass binnen Kurzem alles wieder ist wie gehabt. Das wäre dann ebensowenig „Umbruch“ wie  das sogenannte Tian’anmen-Massaker 1989. An den Tian’anmen-Platz in Peking erinnert der Tahrir-Platz in Kairo in seinem symbolischen Gehalt für die Protestbewegung auch stärker als an eine „friedliche Revolution“ wie auf dem Nikolaikirchhof in Leipzig.

Auch die Öffentlich-Rechtlichen sind von der Umbruchs-Rhetorik betroffen. Dabei versteigen sich manche sogar zu Vorstellungen von einer „Umbruchsphase im Nahen Osten“. Es ist ahistorisch zu glauben, bei so unterschiedlichen Ausgangsbedingungen werde im Nahen Osten eine erfreuliche Entwicklung zu Freiheit, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit zu verzeichnen sein. Der Beitritt der DDR zur BRD und inzwischen vieler ehemaliger Ostblockstaaten zur EU ist im Vergleich zu den Aussichten für den Orient eine echte Erfolgsgeschichte.

Und die Forderung, die EU solle Mubarak zur sofortigen Abdankung nötigen, ist der Höhepunkt dieses Wahns. Eine „friedliche Revolution“ basiert auf Reformwillen in der Systemspitze: Der Mauerfall 1989 war nur möglich, weil Honecker bereits seit Wochen abgesetzt war und Gorbatschow seit Jahren Glasnost und Perestroika predigte. In Ägypten ist Ähnliches nicht zu sehen – nicht von hier aus jedenfalls -, und das Chaos nach Mubaraks Abdankung, das dieser wohl ganz richtig selbst prophezeit hat, könnte zu vielerlei negativen Entwicklungen führen, etwa zur Herrschaft der fundamentalistischen Muslimbrüder.

Dieses deutsche Empfinden zeigt jedoch eines: Der Mauerfall ist zur Legende geworden. Der historische Ablauf wird verklärt und auf allerlei Ungleichnamiges übertragen. Im Angesicht von Straßenschlachten in Kairo (warum nicht bei Straßenschlachten in Athen, Stuttgart oder Heiligendamm?) bemächtigt sich eine neue Naivität mancher Medien und Medienmacher. Die ARD bemüht sich immerhin, verantwortungsvoll zu berichten. Ihr sei es nochmal ans Herz gelegt: Die Pyramide ist nicht die Mauer. „DDR“ ist nicht der Name eines Medikaments für den Nahen Osten. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Historiker oder Politologen.

————————————————————

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s