Das Verhältnis zwischen Recht und „Moral“

Erworbenes kulturelles Kapital hat Manchem einen viel geringeren Stellenwert als angeborenes symbolisches Kapital. Daher wird Dr. Karl-Theodor von und zu Guttenberg den möglichen Verlust seines 2007 erworbenen Namensergänzungsmittels „Dr.“ wohl verschmerzen können, solange man ihm das 700 Jahre alte Adelsprädikat „von und zu“ lässt.

Plagiatsvorwürfe und Google-Beweisführung

Der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano hat in einer Rezension zu Guttenbergs Dissertation per „Plagiatskontrolle via Wortgruppensuche bei Google“[1] festgestellt, dass Guttenberg mehrere bis zu seitenlange Texte von anderen Autoren übernommen habe, ohne dies hinreichend auszuweisen. Das widerspreche nicht nur dem Urheberrecht, sondern auch „§ 7 III der Promotionsordnung der Fakultät für Rechts- und Wirtschaftswissenschaften Bayreuth“[1] (und jeder anderen seriösen Promotionsordnung).

Nun könnte man sagen, Fischer-Lescano, das ist doch so eine linke Socke, die an der „Roten Kaderschmiede“ Uni Bremen lehrt und die ’68er-Zeitschrift Kritische Justiz herausgibt. Der will dem beliebten Verteidigungsminister doch nur an den Karren fahren, da ist bestimmt nichts dran… Solche Vorwürfe dürfte Fischer-Lescano vorhergesehen haben. Und so hat er nicht nur Guttenbergs Stellen genannt, und die Quellen mit denen sie unausgewiesen übereinstimmen, sondern auf sechs Seiten eine Synopse geliefert, die überzeugender nicht sein könnte. Das fand wohl auch die Süddeutsche Zeitung, in der dieser neueste Guttenberg-Skandal an die Öffentlichkeit kam:

Sehr verdienstvoll ist die SZ-Gegenüberstellung von Scans aus den jeweiligen Publikationen mir ihrer Zweitverwertung durch Guttenberg:

Blau eingefärbt hat die SZ Guttenbergs Text (2006), gelb ist die fast identische Vorlage von H. Wasser aus den "Informationen zur politischen Bildung" 1997 (Screenshot von sueddeutsche.de).

Nun untersucht „der zuständige Ombudsmann Diethelm Klippel in Bayreuth die Anschuldigungen“.[2]

„Guttenberg selbst hält den Ombudsmann für die ‚richtige Stelle‘, um den Vorwürfen gegen ihn nachzugehen und ließ die Süddeutsche Zeitung am Dienstag wissen: ‚Dem Ergebnis der jetzt dort erfolgenden Prüfung sehe ich mit großer Gelassenheit entgegen. Ich habe die Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt.'“[3]

Damit weist Guttenberg den Verdacht zurück, er habe vorsätzlich und planmäßig wissenschaftlichen Betrug begangen. Fischer-Lescano: „Das Vorgehen ist so systematisch, dass es schwer ist zu sehen,“ wie so etwas möglich ist. Bei eklatanten Verstößen gegen die wissenschaftliche Redlichkeit lässt sich – für die scientific community – jedoch nichts schönreden. Sollte das „beste Wissen“ darin bestehen, der Autor habe nichts von einem Plagiat bemerkt, scheint es mit diesem „Wissen“ nicht promotionsangemessen weit her zu sein. Und wissenschaftliche Plagiate lassen sich nicht unter Verweis auf Intertextualität und Collage-Technik rechtfertigen (wie das beim Roman Axolotl Roadkill versucht wurde).

Wissenschaftsethik und strikte Ehrlichkeit

Unter Absehung von den rechtlichen Konsequenzen erstreckt sich der Komplex von Plagiaten in der Wissenschaft auch in das moralische Gebiet der Wissenschaftsethik. Kommissionen und Institutionen haben sich seit vielen Jahren, vielleicht verstärkt seit Internet und Copy & Paste, derartiger Probleme angenommen. Plagiate werden einhellig als schwere Verstöße gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis bewertet, einschlägig hier etwa die folgende „Denkschrift“:

Darin heißt es:

„Wissenschaftliche Arbeit beruht auf Grundprinzipien, die in allen Ländern und in allen wissenschaftlichen Disziplinen gleich sind. Allen voran steht die Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und anderen. Sie ist zugleich ethische Norm und Grundlage der von Disziplin zu Disziplin verschiedenen Regeln wissenschaftlicher Professionalität, d. h. guter wissenschaftlicher Praxis. Sie den Studierenden und dem wissenschaftlichen Nachwuchs zu vermitteln, gehört zu den Kernaufgaben der Hochschulen.“ (S. 5)

Zu diesen Grundprinzipien gehört es, „strikte Ehrlichkeit im Hinblick auf die Beiträge von Partnern, Konkurrenten und Vorgängern zu wahren“. (S. 7) Entsprechend der Forderungen dieser Kommission wurden Verfahren zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten entwickelt, dazu auch das Amt des nun mit dem vorliegenden Fall befassten Ombudsmannes geschaffen.

Recht und „Moral“

Guttenberg offenbarte heimlich seine Beziehung zur Moral, als er einen Abschnitt seiner Arbeit ab S. 350 als „Das Verhältnis zwischen Recht und ‚Moral'“ überschrieb und dabei „Moral“ in Anführungszeichen setzte. Nun können Anführungszeichen Verschiedenes bedeuten, zum Beispiel ein direktes Zitat. Das scheidet in diesem Fall wohl aus. Eine Distanzierung vom üblichen Wortgebrauch ist die daher naheliegende verbleibende Möglichkeit.

Sich von Moral zu distanzieren ist natürlich aufschlussreich, besonders hinsichtlich solcher Bereiche, in denen das moderne Rechtssystem keine umfassende und durchgreifende Regelungswirkung besitzt. Darunter fallen etwa Wissenschaft und Politik. Das „Ergänzungsverhältnis von Vernunftmoral und positivem Recht“ (S. 5) erläuterte Jürgen Habermas in seinem rechtstheoretischen Grundlagenwerk Faktizität und Geltung bereits 1998 (hier zitiert nach der 4. Auflage, 1994). Darin musste er, wenn er vom „Verhältnis von Recht und Moral“ (S. 135) sprach, die „Moral“ niemals in Anführungszeichen setzen.

Über unser Gesellschaftssystem, in dem die Moral qua Demokratie und Grundrechten komplementär zum Recht ist, schrieb Habermas:

„Die Moral kann aber über ein Rechtssystem, mit dem sie intern verknüpft bleibt, auf alle Handlungsbereiche ausstrahlen, sogar auf jene systemisch verselbständigten Bereiche […], die die Akteure von allen moralischen Zumutungen, außer der einzigen eines generalisierten Rechtsgehorsams, entlasten.“ (S. 150)

Vielleicht ist das Guttenberg nicht klar gewesen, als er seine (in ihrem wissenschaftlichen Ertrag bescheidene[1]) Dissertation eingereicht hat. Dass er angesichts der gut belegten Vorwürfe ein reines Gewissen demonstriert,[3] könnte man so deuten, dass es ihm immer noch nicht klar ist.

Ombudsmann Diethelm Klippel wird nun zeigen müssen, ob die Wissenschaftsethik tatsächlich über das reine Urheberrecht hinausstrahlt, ob ihm lediglich eine rechtliche Bewertung des Falles angemessen scheint, oder ob weder Recht noch Moral gegen die verschiedenen Kapitalsorten in Guttenbergs Hand ankommen. Plagiate in Seminararbeiten von Studenten werden ja seit Jahren mit einer Bewertung als „ungenügend“ sanktioniert, auch Zwangsexmatrikulation gilt als mögliche Strafe. Guttenbergs Dissertation wurde mit der Bestnote „summa cum laude“ bewertet. Ob die unmittelbar und mittelbar Verantwortlichen dabei bleiben wollen, bleibt abzuwarten.

Anschließend ist die politische Moral gefragt, die ihren Stellenwert („irrelevant“, „entscheidend“ oder „je nach Beliebtheit der Person“) erweisen kann, und ihre Verbindung zur Wissenschaftsethik klären muss. Einfach gefragt: Schlägt ein Verstoß gegen allgemein anerkannte Moralkodizes durch auf die Herrschaftsfähigkeit?

Autorschaft und Verlagsverballhornung

Die alleinige Verantwortung für seine Arbeit hat Guttenberg jedenfalls schon übernommen:

„Und sollte jemand auf die Idee kommen zu behaupten, Mitarbeiter meiner Büros hätten an der wissenschaftlichen Erarbeitung meiner Dissertation mitgewirkt, stelle ich fest: Dies trifft nicht zu. Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung.“[2]

Lustiger Nebeneffekt seiner Erklärung ist natürlich, dass sie die (ab)geneigte Öffentlichkeit auf weitere Ideen bringt, wie Unredlichkeiten noch in die Dissertation gelangt sein könnten, wenn doch Guttenberg „nach bestem Wissen und Gewissen“ gehandelt haben will. Offenbar ohne dass er nach einer solchen Möglichkeit gefragt worden war, beteuerte er, dass seine zahlreichen Mitarbeiter nichts mit der Abfassung der Dissertation zu tun gehabt hätten. Wirklich! Wie er darauf kommt, dass jemand so etwas denken könnte?

Duncker/Dunker & Humblot/Humbold

Oben der Verlagsname auf dem Einband, unten das, was die SZ daraus gelesen hat (Screenshot von sueddeutsche.de).

Abschließend sei noch auf eine Anekdote verwiesen, die den Unterschied zwischen lässlichen Sünden und absichtlichen Verstößen gegen wissenschaftliche Form illustriert. Bewusst keine Quelle anzugeben ist ein schwerer Verstoß. Irrtümlich falsche Quellenangaben zu machen ist verzeihlich – aber amüsant: Bei der SZ war womöglich ein Praktikant mit der Erstellung der wertvollen Synopse beauftragt, die Guttenbergs Dissertation mit ihren Quellen vergleichen sollte. Jedenfalls war ihm der auf dem Buch aufgedruckte Name des Verlags offenbar nicht hinreichend geläufig, um nicht einen „leichte“ Abwandlung vorzunehmen. Wen erheitert es?

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14 Antworten zu “Das Verhältnis zwischen Recht und „Moral“

  1. [Mit mehrfachen Nachträgen]
    Der Verlag hat die online stehende Vorabversion der Rezension aus Kritische Justiz entfernt. Eine geleakte Version findet sich hier.

    Wie vorhergesagt: Für die CSU ist die jüngste Guttenberg-Affäre „ein politisch motivierter Angriff von ganz Linksaußen“.[1] Verteidigungsstaatssekretär Christian Schmidt verstieg sich zu einer Verschwörungstheorie von der „kommunistischen Ypsilanti-Initiative“.[6]

    Eine Durchschlagskraft der Wissenschaftsethik auf die politische Moral zeigt sich noch nicht, solange Merkel-Sprecher Seibert Guttenberg für „diesen Herausforderungen sehr gut gewachsen“ erklärt.[1] Nicht vorhergesagt, aber vorhersehbar: Die Bildzeitung leugnet und lässt Doktorvater Peter Häberle die Verantwortung übernehmen: „Die Arbeit ist kein Plagiat. Sie wurde von mir in zahlreichen Beratungsgesprächen eingehend kontrolliert.“[1] Doch noch ist die Affäre nicht vorbei. Zeitungen wie die NZZ und die FAZ verstehen nämlich beim Klau ihrer Inhalte keinen Spaß, auch nicht bei vormaligen Medienlieblingen. Sie fordern Geständigkeit und Reue.[1]

    Wie es zu dem Fund kam, schilderte Fischer-Lescano der Süddeutschen Zeitung.[2] Verschiedene mehr oder weniger lustige Kommentare konnte die deutsche Medienlandschaft zum Thema auftreiben. Dietmar Bartsch (Linke) zeigt sich selbstironisch: „Besser in Moskau promoviert, als irgendwo abgeschrieben“.[3] Claudia Roth (Grüne) hingegen versucht’s lustig: „Wenn man schon abschreibt, dann sollte man sich wenigstens nicht erwischen lassen“;[3] dabei verwandelt sie den Vorwurf des Rechts- und Regelverstoßes jedoch in den Vorwurf der Dummheit. Soll heißen: Als Minister hat er sich dadurch geradezu qualifiziert.

    Das Dossier der Süddeutschen Zeitung wird laufend aktualisiert. Inzwischen hat sich sein Umfang mehr als verdoppelt,[4] da weitere Stellen als Plagiate identifiziert wurden.[5] Den Lapsus beim Verlagsnamen hat man jedoch noch nicht bemerkt. In einem Artikel lässt die SZ den Verlagsnamen Duncker & Humblot sicherheitshalber weg und spricht nur von „einem Fachverlag“.[5]

    Tagesschau.de berichtete inzwischen, Guttenberg habe „den wissenschaftlichen Dienst des Bundestages wenigstens mittelbar für seine Dissertation genutzt. Demnach habe der damalige einfache CSU-Abgeordnete die Abteilung des Parlamentes für seine allgemeinpolitische Tätigkeit als Abgeordneter mit Fachfragen beauftragt, wie dies auch viele andere Abgeordnete üblicherweise tun. Die Expertisen, die er vom wissenschaftlichen Dienst bekommen habe, seien dann aber später teilweise auch in seine Dissertation eingeflossen. Die Verwendung dieser Informationen sei aber stets kenntlich gemacht worden.“[6] In der Tagesschau wird irritierenderweise das Wort „Schummelei“ verwendet.

    Mark Kleber prophezeit: „Wenden sich die konservativen Medien von ihm ab, dann könnte sein Stern schnell sinken.“[7]

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