Metadiskurse von und zu Guttenberg

Erleichterte sich sein Gewissen, als er alles gestand ohne etwas zu sagen? Oder war da gar nichts zum Erleichtern, nur Kalkül und Gier? Ist das gar pathologisch?

Geleakt

Inzwischen kursieren vollständige Scans von Guttenbergs Dissertation „Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ im Internet.[1] Eine Version mit Worterkennung soll bei Google-Docs verfügbar sein.[2] Vermutlich ist so etwas noch nicht einmal straf- oder zivilrechtlich verfolgbar: Wer sollte denn Klage erheben? Duncker & Humblot müsste nachweisen, dass der Verlag urheberliche Nutzungsrechte überhaupt wirksam erwerben konnte – das dürfte schwer fallen. Der Verlag ließ verlauten, das Buch nicht mehr zu vertreiben und nicht neu aufzulegen. Guttenberg – naja, selbst ohne Volljurist zu sein oder einen juristischen Doktorgrad rechtmäßig erworben zu haben, müsste ihm die Aussichtslosigkeit eines derartigen Unterfangens klar sein.

Geschwafelt

Die vier Argumente, die zugunsten Guttenbergs angeführt werden, analysierte Jürgen Kaube für die FAZ:

„Da gibt es das ‚Die-paar-Fehler‘-Argument, das ‚Alles-Vorverurteilung‘-Argument, das ‚Gibt-es-denn-nichts-Wichtigeres?‘-Argument und das ‚Wir-brauchen-den-Mann‘-Argument.“[3]

Nach der Lektüre kann man es sich dann auch sparen, weitere Guttenberg-Verteidiger in TV-Talkshows einzuladen, die dieselben hohlen Phrasen wiederkäuen sollen. Hinzuzufügen wäre das „Das-Volk-liebt-ihn“-Argument. Mit diesem Argument wollte sich einst auch Nero an der Macht halten – nicht als Letzter übrigens.

Gesegnet

Die Steigerung dessen ist das „Von-Gott-auserwählt“-Argument. Dazu gehört auch das mythische Bild des unbeschadeten Durchschreitens von „Stahlgewittern“. Das Stahlgewitter-Bild erfreut sich bei Guttenbergs Freunden heute erschreckender Beliebtheit, gern auch interpretiert als (gleichursprüngliche) „Feuerprobe“. In den 1920er Jahren nannte man seine Anhänger „Konservative Revolutionäre“, bildlich zugespitzt war das die bürgerliche Abwracktruppe der Weimarer Republik. Norbert Geis, CSU, hat bei Maischberger (22.02.) das „Stahlgewitter“-Bild wieder aufgegriffen – aber schnell wieder fallen lassen müssen. Später sprach er vom „Sturm“, in dem man den Kampfgefährten nicht fallen lassen dürfe. Diese „Freunde“ Guttenbergs evozieren geradezu den „Kugelhagel“ – warum?

Getäuscht

Geradezu sympathisch und friedlich machen sich dagegen Guttenbergs vermeintliche Feinde aus. Dabei sind sie emotional besonders involviert:

„Vor allem hat er Doktoranden verhöhnt. Über seine Doktorarbeit sagte er: ‚Sie ist über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit entstanden.‘ Was er damit eigentlich sagen wollte, ist: ‚Ich hatte es besonders schwer, schwerer als viele andere.‘ Dies ist nicht der Fall.“[4]

Die interessante Frage ist dann, wie es um Guttenbergs Ansehen bei der kleinen Gruppe CSU-treuer Bayreuther Doktoranden bestellt ist. Gespannt warten darf man daher auf den 21. Mai 2011, 16:00 Uhr. Dann soll nämlich der „Gastvortrag von Bundesverteidigungsminister Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg im Audimax“ beim Homecoming 2011 der „RWalumni – Recht und Wirtschaft in Bayreuth e.V.“ beginnen.[5] Dass diese Ankündigung noch überarbeitet werden muss, scheint bereits festzustehen.

Getrunken

Doch ist es vielleicht ein ganz spezieller Menschenschlag, der seinen Doktor in Bayreuth macht? Die soziale Herkunft der dortigen Studierenden scheint etwas eigen zu sein: Bei der 15. Sozialerhebung war Bayreuth „die westliche Hochschule mit den wenigsten Studierenden mit dem Herkunftsmerkmal ’niedrig‘ (8% gegenüber dem damaligen Durchschnitt von 14%).“[6] Die Uni Bremen hatte übrigens die höchste Quote von Studierenden „niedriger“ sozialer Herkunft.[6] Dass man, wie Guttenberg selbst berichtete, „nach dem Seminar auch gerne noch gemeinsam den Biergarten besucht“,[7] gilt Gerüchten zufolge an der Bremer Uni auch. Doch dort fehlt es noch an befriedigender Biergartenkultur: Vielleicht wäre das mal eine Infrastrukturmaßnahme, die die Bayern den armen Bremern gern finanzieren, damit auch diese es mal zu einer Exzellenzuni bringen können.

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5 Antworten zu “Metadiskurse von und zu Guttenberg

  1. feliksdzerzhinsky

    Das hat der arme Mann nicht verdient:
    Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!

  2. Pingback: Notizen aus dem Bundestag | Erbloggtes

  3. „Ein merkwürdig vertrautes Vokabular aus längst vergangenen Tagen zieht herauf“, konzediert auch Hannes Hintermeier Im Land der Wettertannen. Bei Guttenberg selbst ist es aber mehr Wetter- als Kriegs-Metaphorik.

  4. Guttenberg hat nun frei am 21. Mai 2011, 16:00 Uhr. Die Einladung zum „Gastvortrag von Bundesverteidigungsminister Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg im Audimax“ beim Homecoming 2011 der „RWalumni – Recht und Wirtschaft in Bayreuth e.V.“ wurde „im gegenseitigen Einvernehmen gelöst“. Außerdem wurde „auch schon das Bild des Ministers von der Internet-Seite entfernt“, teilt die Alumni-Vereinigung mit.[1]

  5. Pingback: Guttenbergs Doktorvater und andere Professoren | Erbloggtes

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