Lüge, Täuschung, Manipulation

Erlogene Studienleistungen eines Ministers sehen vielleicht manche als Kavaliersdelikt.

Meinungsmanipulation und Erkenntnisunterdrückung

Doch die „repräsentativen Meinungsumfragen“ (im Unterschied zu den ganz dummen) wurden bereits in ihrer Methodik und Aussagekraft kritisiert: Infratest dimap formulierte suggestive Fragen und wählte parteiisch Antwortmöglichkeiten aus. Das Unternehmen betreibe „unverhohlen Meinungsmache“ und nutze dazu die „subtilen Tricksereien der Demoskopie, die uns mal wieder die ungeheure Popularität des Sonnenkönigs im Spiegel seiner Untertanen (500 Befragte) suggerieren soll“.[1] Forsa hingegen hat seine Umfrage (ebenfalls 500 Befragte) am Mittwoch bis Freitag letzter Woche durchgeführt (16.-18.02.2011).[2] Sie begannen, als gerade erste Verdachtsmomente publiziert wurden (und viele Befragte bei der Umfrage erstmals davon gehört haben dürften), und endete am Tag der „Pressekonferenz“, als Guttenberg selbst – nach eigenem Bekunden – noch nicht wusste, wie „fehlerhaft“ seine Arbeit ist.

Hochinteressant ist auch, dass Wissenschaftler doch schon früher von Guttenbergs Plagiaten wussten, aber dies verschwiegen: Aufgrund sozialer Kontrolle fehlte einem Doktoranden der Mut, seine Erkenntnisse öffentlich zu machen – verständlich, wenn man sieht, wie angesehene Professoren deswegen attackiert wurden.[3]

Gestik, Mimik, Rhetorik – und warum die Uni Bayreuth Guttenberg den Doktor nicht rechtmäßig aberkannt hat

Inzwischen wurden Guttenbergs Körpersprache und Rhetorik bei seinen öffentlichen Aussagen zur Plagiats-Affäre sorgfältig untersucht: Ulrich Sollmann analysierte die „Pressekonferenz“ vom 18.02. als misslungenes Rückzugsgefecht.[4] Zettels Raum untersuchte die Rhetorik der Kelkheimer Rede vom 21.02. als rhetorisch brilliant und inhaltlich gelogen.[5] Wichtig auch Zettels Hinweis auf § 16 (2) der Bayreuther Promotionsordnung, in dem es heißt:

„Wird die Täuschung erst nach Aushändigung der Urkunde bekannt, so kann nachträglich die Doktorprüfung für nicht bestanden erklärt werden. Die Entscheidung trifft die Promotionskommission.“[6]

Daraus folgert Zettel korrekt „Entweder diese Kommission erkennt auf Täuschung, oder Guttenberg bleibt juristisch ein Dr. jur.“[5] Das war vor der Erklärung der Uni Bayreuth und stellt in Frage, ob die Uni ihren eingeschlagenen schnellen, leichten Weg überhaupt gehen durfte. Denn nur die Feststellung einer Täuschung rechtfertigt demnach die Aberkennung des Doktorgrades!

Abenteuer eines Lügenbarons

Mit den Lügen des Ministers befasst sich Zettel ebenfalls analytisch.[7] Jens Berger erläutert nochmal die Indizien.[8] Und der ORF demonstriert, wie weit es mit der Glaubwürdigkeit des Herrn Doktors noch her ist.[9] Da hat er – jenseits der parlamentarischen Parteidisziplin (noch so eine soziale Kontrollinstanz) – auch die Union nicht mehr hinter sich.[10]

Der gute Schluss ist einem Aufruf des renommierten Medienwissenschaftlers Lutz Hachmeister vorbehalten, der sagt: „Ein akademischer Fälscher kann kein Minister bleiben“:

„Aber um für die Wissenschaft und die intellektuelle Würde zu retten, was zu retten ist, werden wir unseren Doktortitel solange nicht führen, solange Freiherr zu Guttenberg noch als Minister dieses Land vertritt.“[11]

Erbloggtes macht mit und verzichtet für die Dauer der Minister-Restlaufzeit auf alle akademischen Würden.

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4 Antworten zu “Lüge, Täuschung, Manipulation

  1. Nachtrag: Die Uni Bayreuth hat bereits zurück gerudert! „Nach massiver Kritik – unter anderem vom SPD-Innenexperten Dieter Wiefelspütz – rückte die Universität inzwischen von diesem Verzicht ab. Es werde geprüft, ob Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Promotionskommission mit seiner fehlerhaften Doktorarbeit getäuscht habe, so Bormann heute.“[1]

  2. Nachtrag 2: Zur obigen These, dass die Uni Bayreuth Guttenberg den Doktor nicht rechtmäßig aberkannt hat, recherchierte Spiegel Online und fand heraus: Indem die Uni „anstelle der eigenen Promotionsordnung das Verwaltungsverfahrensgesetz heranzog“ habe sie diesen Weg gehen können. Bewertet wird dies als „fragwürdiger, aber juristisch schwer anfechtbarer Kunstgriff, so mehrere Wissenschaftsrechtler“. Interessant. Schwer anfechtbar vermutlich deshalb, weil es womöglich niemanden gibt, der legitimiert wäre, die Entscheidung anzufechten. Guttenberg und die Uni wollten ja genau diese Entscheidung.[1]

  3. Pingback: Guttenbergs Doktorvater und andere Professoren | Erbloggtes

  4. Pingback: Maximale Niveaulosigkeit, minimale Produktionskosten | Erbloggtes

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