Niemand glaubt Guttenberg mehr

Erlöst es die Opposition (deren ehrliche Verzweiflung und persönliche Empörung  man sehen kann), dass die Universität Bayreuth Guttenberg den Doktortitel im Eilverfahren entzogen hat? Nein. Erlöst es den Minister von Rücktrittsforderungen und von der Angst, die Konsequenz könne unausweichlich werden? Nein. Die Uni Bayreuth hat sich hindurch laviert. Jeder kann sich nun erstmal als Sieger fühlen.

Doch Guttenberg kann nicht mit seiner „unbewusst“-Ausflucht davonkommen. Und zwar aus drei Gründen:

1. Kein Wissenschaftler kann eine solche Ausrede akzeptieren.

Sonst wären Plagiate künftig praktisch nicht mehr ahndbar. Daher muss man genau lesen, was die Uni Bayreuth meint:

„Nicht geklärt wurde von dem Promotionsausschuss in Bayreuth die Frage, ob Guttenberg bewusst getäuscht hat. ‚Das wäre sicherlich ein längerer Prozess gewesen, das dezidiert nachzuweisen‘, sagte Bormann. Die Universität habe darauf verzichtet, weil Guttenberg inzwischen selbst um die Rücknahme seiner Dissertation gebeten habe. Wenn sich in solchen Fällen Einmütigkeit anbiete, werde üblicherweise der einfachere Weg und nicht der zeitlich längere gewählt, sagte Bormann.“[1]

Bormann demonstriert, dass er persönlich davon überzeugt ist, dass es sich um ein bewusstes Plagiat und eine absichtliche Täuschung gehandelt hat: Nur der Nachweis hätte ein längeres Verfahren erfordert. Es ist der schnelle Weg, den die Promotionskommission der Uni gewählt hat, nicht der „zeitlich längere“, der nur zum Ergebnis bewusstes Plagiat und eine absichtliche Täuschung hätte führen können. Zeitlich länger schon allein deshalb, weil Guttenberg dies noch im Brief an die Uni leugnete. Man müsste also gegen möglichen Widerspruch argumentieren und schlüssig belegen, was in Guttenbergs Kopf vorgegangen sein muss, als er hunderte Male Strg+C und Strg+V drückte.

Guttenberg beanspruchte im Bundestag die absolute Deutungshoheit darüber, dass er angeblich „unbewusst und ohne Täuschungsabsicht“ betrogen habe, für sich selbst. Er erklärte das zu einer völlig subjektiven Frage. Das ist allerdings – objektiv – nicht schlüssig. Denn wer behauptet, „unbewusst“ plagiiert zu haben, der kann gar nicht sicher sein, dass er nun ebenso „unbewusst“ die Wahrheit verleugnet und sich selbst betrügt. Wer „unbewusst“ systematisches Copy-&-Paste durchführt, dessen Entscheidungen als Verteidigungsminister können ebenso „unbewusst“ von Al-Qaida, dem Pentagon oder der Thule-Gesellschaft gesteuert sein. Daher müssen wir voraussetzen, dass unsere Handlungen jenseits von Geisteskrankheit oder Drogenmissbrauch nach ihrem Sinn konkludent als bewusst beurteilt werden.

2. Eine solche wissenschaftliche Prüfung von Guttenbergs Intentionen steht weiterhin bevor.

Die universitäre Institution, die nun, nach Abschluss des Verfahrens der Promotionskommission der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, damit befasst ist, hat mehr Zeit, aber weiterhin den Spielraum, zu dem besagten notwendigen Ergebnis zu kommen:

„Eine Kommission mit Namen ‚Selbstkontrolle in der Wissenschaft‘ soll den Fall weiter behandeln und alle Teile der Dissertation prüfen. Das betrifft auch Zitate aus Büchern, die nicht im Internet verfügbar sind. Diese Prüfung kann sich noch eine Weile hinziehen. Am Ende könnte dann auch ein Urteil darüber fallen, ob Guttenberg die Zitierpflichten mit Vorsatz verletzt hat.“[2]

3. Journalisten, Schüler, Studenten, Wissenschaftler, Soldaten und Richter glauben Guttenberg nicht.

Niemand kann die absolute Deutungshoheit einer Person über ihre eigenen Absichten anerkennen. Wären wir alle Monaden, deren Absichten unerkennbar wären, würde unsere Gesellschaft nicht mehr funktionieren.

Dass Guttenberg die Medien gegen sich hat, ist bekannt. Schüler (Realschule, 10. Klasse), die der Bundestagssitzung beigewohnt hatten, interviewte das ARD-Nachtmagazin. Sie sagten „nehm‘ ich ihm nicht ab“ und empörten sich, dass er so davon kommen soll, bei dem, was mit ihnen geschieht, wenn sie beim Spicken erwischt werden. Studenten und Wissenschaftlern geht das in der Regel nicht anders. Selbst Parlamentarier werden angesichts solcher Dreistigkeit zu „Wutbürgern“. Im Foyer des Bundestags rief heute Barbara Hendricks (SPD) einem Unionskollegen zu:

„‚Ihr lasst hier die bürgerliche Kultur vor die Hunde gehen.‘ Zehn Meter weiter erregt sich der Grünen-Abgeordnete Anton Hofreiter derart, dass sein bayerischer Dialekt durchs gesamte Foyer tönt. ‚Skandalös‘, ruft er. Guttenberg habe ‚fremdes Eigentum gestohlen und will jetzt auch noch Vorbild sein.‘ Hofreiter stampft mit dem Fuß.“[3]

Und die Soldaten? Die sind ja auch nicht blöd. Im Einsatz freuen sich sicher einige über einen Minister, der oft zu Besuch kommt, aber:

„Auch in der Bundeswehr wird inzwischen Kritik am Verteidigungsminister laut. ‚Es kann doch nicht sein, dass jemand, der für zwei Bundeswehr-Universitäten verantwortlich ist, bei denen jedem Prüfling der Kopf abgerissen würde bei einem ähnlichen Vorfall, einfach mal nebenbei den Doktor zurückgibt und glaubt, damit wäre die Sache ausgestanden‘, zitierte die ‚Berliner Zeitung‘ aus ranghohen Kreisen der Streitkräfte. Der Bundeswehrverband sieht die Plagiatsaffäre mit Sorge. In der Truppe sei deswegen ‚etwas ordentlich angekratzt, das ist gar keine Frage‘, sagte der Verbandsvorsitzende Ulrich Kirsch im Radiosender Bayern2. Das gelte weniger für die Soldaten im Auslandseinsatz als für die Bundeswehr in Deutschland. ‚Da wird der Kopf geschüttelt nach dem Motto: Hat das jetzt auch noch sein müssen.'“[4]

Richter schließlich sind erstens Akademiker, die sich von Guttenberg persönlich beleidigt fühlen dürfen, da er ihren Ruf in den Schmutz gezogen hat. Zweitens sind sie in ihrer täglichen Arbeit gewohnt, Behauptungen von Angeklagten über ihre „wahren“ Absichten, die gar nicht verbrecherisch gewesen seien, als das zu nehmen, was sie bei Würdigung der Beweislage häufig sind: Schutzbehauptungen. Das ist bereits abzusehen, dafür gibt es Präzedenzfälle.

Nur mit Merkels schützender Hand über sich, einer unerschütterlichen Fanbase unter sich und seinen „Parteifreunden“ hinter sich kann Guttenberg gegen die Allianz des gesunden Menschenverstands nicht bestehen. Ausgeschlossen! Der politischen Kultur freilich schadet bereits sein Versuch, und sein Glaube, es könnte ihm doch gelingen, weil ihm jemand ernsthaft adligen Edelmut abkauft. Wenn er das glaubt, dann zeigt es seine aristokratische oligarchische Verachtung für die „kleinen Leute“. Und es zeigt seinen Hang zu Weltfremdheit und Selbstbetrug. Tatsächlich unterstützen ihn nur noch die Ahnungslosen, die Morallosen und manche Unionspolitiker. Letztere tun das (sofern sie nicht zu einer der anderen Kategorien gehören) aus einfachem Machtkalkül.

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8 Antworten zu “Niemand glaubt Guttenberg mehr

  1. Pingback: Lüge, Täuschung, Manipulation | Erbloggtes

  2. „…Wenn sich in solchen Fällen Einmütigkeit anbiete, werde üblicherweise der einfachere Weg und nicht der zeitlich längere gewählt…“
    .
    „in solchen Fällen so üblich“?
    Wie viele solcher Fälle, dass einem Minister sein Dr.-Titel aberkannt wird, hat denn die Uni Buyreuth so wöchentlich?

  3. Pingback: Ring frei zur zweiten Runde der Plagiats-Affäre | Erbloggtes

  4. Inzwischen haben einige Juristen dem Spiegel bestätigt, dass sich Guttenberg nicht auf ein Versehen herausreden kann, sondern Gerichte ziemlich sicher Vorsatz feststellen werden.[1]

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