Ring frei zur zweiten Runde der Plagiats-Affäre

Erscheint es manchmal bereits als eine von vielen vergangenen Polit-Affären, verwandelt sich die Plagiats-Affäre doch gegenwärtig lediglich in eine neue Form, tritt in eine neue Phase ein: Höhepunkt und Abschluss der ersten Phase, die am 16. Februar begonnen hatte, war demnach die Aktuelle Stunde im Bundestag am 23. Februar 2011 und die Aberkennung des Doktortitels durch die Uni Bayreuth im Eilverfahren am selben Abend. Thema der ersten Phase war, ob Guttenberg plagiiert hat und seinen Doktor zu Unrecht trug. Das ist einhellig mit „ja“ beantwortet. Der letzte umstrittene Aspekt dieser Frage, ob es sich um eine vorsätzliche Täuschung – absichtlichen wissenschaftlichen Betrug – handelte, ist das Handgepäck, das in die zweite Phase weiterreisen darf.

Themen der zweiten Skandal-Phase

Die zweite Phase des Skandals scheint zunächst von einer Zuwendung zu verschiedenen neuen Themen geprägt. Die „Google News“ präsentieren inzwischen zahlreiche Threads zum Thema, nicht nur einen Thread, in den alles über Guttenberg hineinpasst. Der einzige Nachrichtenkomplex, mit dem Guttenberg erfolgreich von der Affäre ablenken kann, betrifft die Trauerfeier für die in Afghanistan erschossenen Soldaten.[1] Außer der Umfragen-Zustimmung ist das das einzige positive Thema für Guttenberg, und beides sind (natürlich) die einzigen Themen, mit denen Bild.de in den Google-Treffern vertreten ist (25.02., 22:45h, Überschriften: „Wir verneigen uns vor den Toten. Wir werden sie nicht vergessen“/75 % sagen: Guttenberg soll Minister bleiben).

Ansonsten geht es darum, dass er bei den Bayreuther Alumni in Ungnade gefallen ist und ausgeladen wurde,[2] um die Sponsoring-Vorwürfe („den Doktor gekauft?“),[3] um die Kritik des Hochschulverbands an der Plagiats-Verharmlosung,[4] um Guttenbergs Sympathieverluste im Polit-Barometer,[5] um die Werbeaufträge an die Springer-Presse,[6] um fehlende politische Leistungen als Minister,[7] um die Probleme der anstehenden Bundeswehrreform[8] und dabei insbesondere um die FDP-Weigerung, dem angeschlagenen Minister großzügige finanzielle Zugeständnisse zu machen, der doch zuvor massive Einsparungen versprochen hatte:

„Aber dass Guttenberg ausgerechnet in einem Moment geholfen werden soll, in dem er wegen seiner Plagiatsaffäre unter Druck steht, sorgt in der FDP für zusätzlichen Unmut. Richtig öffentlich machen will derzeit keiner in der FDP, wie unterirdisch sie Guttenbergs Umgang mit seiner Doktorarbeit finden. Aber dass die – auch von den anstehenden Wahlen diktierte – Solidarität in der Koalition ihre Grenzen hat, das zumindest soll man wissen.“[9]

Selbst die Pressestelle des Verteidigungsministeriums möchte angsichts einer solchen Vielfalt von Themen nicht mehr mit Journalisten sprechen. Doch das ist noch nicht alles. Das Zustandekommen von Guttenbergs skurrilen Umfragewerten ist ein eigenständiges Thema; das juristische Nachspiel wegen Urheberrechtsverletzungen ebenfalls. Plagiate in einer anderen Publikation Guttenbergs stehen neuerdings auch zur Debatte. Am morgigen Samstag soll es einen Demonstrationszug für Guttenbergs Rücktritt geben. Ein bisher vernachlässigter Themenkomplex scheint sich nun auch den Weg in die Öffentlichkeit bahnen zu wollen:

Der Doktorvater, seine Beteiligung und Motive

Peter Häberle ist ein angesehener Staatsrechtler, der in den 1960er und 1970er Jahren wichtige Beiträge zur Modernisierung eines altbackenen Zweigs der Wissenschaft geleistet hat. Seine Rolle in der Affäre um seinen „summa-cum-laude“-Schüler Guttenberg ist bisher kaum hinterfragt worden. Ansichten zum Thema sind zudem stark vorurteilsbelastet, da Häberle sich nicht öffentlich geäußert hat. Er sei abgetaucht oder außer Landes, sagt man.[10] Und selbst unabhängige rechtskonservative Autoren sehen in ihm eine Schlüsselfigur.[11][12]

Was Häberle zu Beginn der Affäre zu Bild gesagt haben soll, war zuerst Munition für die Guttenberg-Freunde: „Der Vorwurf ist absurd, die Arbeit ist kein Plagiat. […] Sie wurde von mir in zahlreichen Beratungsgesprächen eingehend kontrolliert.“[10] Diese Sätze – so er sie wirklich geäußert hat – könnten sich im Vergleich zum Fall Guttenbergs als der größere Wissenschaftsskandal herausstellen. Denn dann ergibt sich ein ähnliches Dilemma wie beim Minister: Entweder Häberle hat Guttenbergs Arbeit nicht „in zahlreichen Beratungsgesprächen eingehend kontrolliert“, dann hat er als Professor gelogen, um den Betrug seines Doktoranden zu decken. Oder er hat die Dissertation wirklich „in zahlreichen Beratungsgesprächen eingehend kontrolliert“, dann ist er entweder geistig nicht mehr in der Lage gewesen, das Offensichtliche zu erkennen, oder er hat es absichtlich übersehen.

Für Häberle (und die Bayreuther Juristerei) wäre es am besten, er hätte das nie gesagt. Denn wenn er mit Guttenberg gemeinsame Sache gemacht hätte, dann stellte sich die Frage, warum? „Sponsoring“ und CSU-Treue wurden bereits als mögliche Antworten vorgeschlagen, zumal Zweitgutachter Rudolf Streinz als Vertrauensdozent der Hanns-Seidel-Stiftung der Partei nahe steht. Eine noch unangenehmere Antwort, nach der offenbar mehrere Menschen gestern gegooglet haben, bloggt er erst gar nicht. Jedenfalls führte die Suchwortkombination von „guttenberg“, „doktorvater“ und einem dritten Begriff sie auf diesen Beitrag, in dem sie jedoch nicht fündig wurden.

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2 Antworten zu “Ring frei zur zweiten Runde der Plagiats-Affäre

  1. Einen guten und ausführlichen Rückblick auf die erste Phase der Affäre geben Viktor Funk und Steffen Hebestreit: Karl-Theodor zu Guttenberg. Meister der Verführung. In: Frankfurter Rundschau, 26. Februar 2011.

  2. Pingback: Guttenbergs Doktorvater und andere Professoren | Erbloggtes

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