Im Interview: Ein Bundeswehr-Uni-Dozent

Er fragte sich, was es mit der Vorbildfunktion des Verteidigungsministers für die Studierenden an den beiden Universitäten der Bundeswehr in München und Hamburg auf sich habe. Studierenden Soldaten drohen bei „Schummeleien“ schwere Sanktionen:[1][2] Plagiatoren sind als Vorgesetzte ungeeignet, sagen Gerichte. Guttenberg ist aber oberster Vorgesetzter aller Soldaten.[3] Die SPD will ihm nun wenigstens die Bundeswehr-Unis wegnehmen.[4] Erbloggtes befragte am 26. Februar 2011 einen Dozenten der Universität der Bundeswehr Hamburg nach Folgen und Vorbeugung von Plagiaten, Ghostwritern und erfolgreichem Täuschen:

Erbloggtes: Guten Tag Herr X. Sie haben die 30 überschritten, und Sie lehren und forschen seit mehreren Trimestern an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, der Helmut-Schmidt-Universität (HSU). Davor haben Sie an verschiedenen Hochschulen studiert und waren einige Jahre berufstätig. Sind Ihnen persönlich bereits einmal Plagiatsfälle oder andere Täuschungsversuche untergekommen?

Dozent X: Nein, in meiner persönlichen Arbeit mit Studenten bisher nicht.

Erbloggtes: Suchen Sie gezielt nach Plagiaten, und wie würden Sie welche erkennen?

Dozent X: Ich habe mir vorgenommen, künftige Arbeiten, die ich nachzuschauen habe, direkt auf Plagiate zu überprüfen. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten. Mehrere Universitäten schlagen ja auf ihren Internetseiten Wege vor, Plagiate auch ohne spezielle Computerprogramme zu finden. Ich beabsichtige, ohne Anti-Plagiats-Software vorzugehen: Das heißt, ich werde bestimmte Sätze aus den mir vorliegenden Arbeiten heraussuchen, die relativ seltene Wortkombinationen enthalten. Und diese Sätze werde ich einfach mit normalen Suchmaschinen im Internet suchen. Damit überhaupt ein Plagiatsverdacht aufkommt, spielt es außerdem eine Rolle, wie eine Arbeit allgemein wirkt und welchen Eindruck der Student schon vorher gemacht hat. Ich würde vermutlich vor allen Dingen hellhörig werden, wenn ein Wechsel in Sprachstil, Grammatik und Rechtschreibung vorliegt. Deutliche Brüche weisen darauf hin, dass eine Arbeit durch Copy-and-Paste entstanden ist.

Folgen entdeckter Plagiate

Erbloggtes: Und wie würden Sie reagieren, wenn eine Arbeit eine Reihe ungekennzeichneter Abschnitte enthält, die sich als Übernahmen aus anderen Werken herausstellen?

Dozent X: Erst einmal würde ich die Arbeit als ungenügend und nicht bestanden bewerten. Bei einem dreisten Täuschungsversuch würde ich das auch über mein Institut hinaus bekannt machen. Für die Studenten an der HSU ist ein Plagiat ein dienstrechtliches Vergehen, das dann weitere Folgen haben dürfte.

Erbloggtes: Wie gehen Sie damit um, wenn ein Student behauptet, ungekennzeichnete Übernahmen seien ihm „unbewusst und ohne Täuschungsabsicht“ unterlaufen?

Dozent X: Na ja, so was kann man sicher bei ein oder zwei fehlenden Fußnoten sagen, aber nicht bei einem größeren Teil einer Arbeit, wenn ich genau nachweisen kann, woher der übernommen ist. Da kann man eine Art Indizienbeweis führen.

Erbloggtes: Gibt es an der Universität der Bundeswehr Vorschriften, wen man in einem Plagiatsfall informieren muss?

Dozent X: Solche Vorschriften sind mir nicht bekannt. Zuerst würde ich den Fall mit meinem Chef besprechen. Anschließend müsste der militärische Vorgesetzte desjenigen, der das versucht hat, informiert werden. Aber dabei kommt es immer auf die Schwere eines Verstoßes an. Einen Täuschungsversuch in einer Hausarbeit würde ich anders bewerten als einen ähnlichen Versuch beispielsweise in einer Bachelor-Arbeit.

Schwere Zeiten für die Plagiatsprävention

Erbloggtes: Herr X, wie thematisieren Sie Plagiate und andere Täuschungsversuche in Ihren Lehrveranstaltungen? Gibt es dazu institutionelle Richtlinien?

Dozent X: Nein, institutionelle Richtlinien gibt es nicht, weder von der HSU noch von unserem Institut. Ich habe in meinen Veranstaltungen mehrfach betont, dass diese Dinge nicht toleriert werden. Das weiß ich auch von Kollegen. Ich überlege zurzeit, ob ich in diesem Trimester noch eine Sondereinheit zum Thema Plagiate in den Unterricht einfüge. Das weiß ich aber noch nicht.

Erbloggtes: Inwiefern hat die Guttenberg-Affäre Ihren Umgang mit dem Thema Plagiate in der Wissenschaft beeinflusst?

Dozent X: Ich habe das Thema gegenüber den Studenten einfach ganz aktuell angesprochen. Es ist aber schwierig, darüber in einer auf die Tagespresse bezogenen Form Stellung zu nehmen. Im Fall Guttenberg handelt es sich ja um den obersten Dienstherrn der Soldaten, daher werde ich das nicht offen diskutieren. Ich vermute, dass die studierenden Soldaten sich scheuen würden, sich kritisch über ihren höchsten Vorgesetzten zu äußern. Ich bin mir nicht sicher, inwiefern sie das moralisch oder rechtlich dürften, möchte sie aber gar nicht in so einen Zwiespalt bringen. Ich glaube, dass meine Studenten es schon richtig verstanden haben, als ich Ihnen erklärt habe, dass ich Plagiate nicht toleriere. Sie sind ja auch nicht dumm und wussten vermutlich sofort, worauf sich das bezog, ohne dass ich es direkt benennen musste.

Erbloggtes: Herr X, Sie sind selbst natürlich auch Akademiker. Was denken Sie hinsichtlich Ihrer eigenen Qualifikationsarbeiten über Guttenbergs Dissertation?

Dozent X: Ich finde sie einfach nur peinlich.

Erbloggtes: Und Ihre eigenen Qualifikationsarbeiten?

Dozent X: Wie soll ich das jetzt verstehen? Ob ich selbst gepfuscht habe?

Erbloggtes: Na ja, an dieser Stelle haben Sie die Möglichkeit, das öffentlich einzugestehen, ohne dass es Ihnen jemand bereits nachgewiesen hätte.

Dozent X: (lacht) Nein, nein, ich habe das immer alles selbst gemacht. Und ich weiß deshalb auch, wieviel Arbeit dafür nötig ist. Und wie verlockend es für manche vielleicht ist, wenn sie genügend Geld haben, sowas in Auftrag zu geben. Ich bin ja der festen Überzeugung, dass Guttenberg nicht so blöd ist, die Dissertation selbst in dieser Form aus fremden Texten zusammenzusetzen. Ich vermute einfach, dass er irgendwen damit beauftragt hat, das zu tun. Und dieser Ghostwriter hat dann dummerweise so schlampig gearbeitet und offensichtlich Textblöcke zusammenkopiert.

Ghostwriting für Studenten: teure Zeitersparnis

Erbloggtes: Sind Ghostwriter an Ihrem Institut ein Thema? Ist es schon mal vorgekommen, dass Ghostwriting bei Studierenden entdeckt wurde?

Dozent X: Kurz vor Beginn der Affäre haben wir im Kollegenkreis bei Tisch darüber gesprochen: Offenbar ist es schon vorgekommen, dass Studenten der HSU Arbeiten eingekauft haben, und zwar nicht nur Hausarbeiten, sondern auch Abschluss-Arbeiten. Allerdings habe ich davon nur gerüchteweise gehört und kann das weder bestätigen noch dementieren. Kollegen, die länger an der Universität sind als ich, haben offenbar solche Fälle mitbekommen; wie häufig das ist, weiß ich aber nicht.

Erbloggtes: Von welchen Konditionen für Ghostwriting gehen Sie aus?

Dozent X: Ein Kollege meinte, dass man dem Ghostwriter etwa 60 Euro pro Seite bezahlen müsste.

Erbloggtes: Also rund 3600 Euro für eine 60seitige Bachelor-Arbeit?

Dozent X: Ja, vermutlich.

Erbloggtes: Hat die Guttenberg-Affäre beeinflusst, wie Sie und Ihre Kollegen solche Versuche wissenschaftlichen Betrugs sehen?

Dozent X: Nein. Ich stelle nur Empörung über das ganze Thema fest, weil in meinem Kollegenkreis einige gerade eine Qualifikationsarbeit schreiben und keinerlei Verständnis dafür haben, dass jemand sich so etwas in dieser Form erschleicht.

Erbloggtes: Eben haben Sie betont, Sie verstehen, wie Studierende in die Situation kommen, dass sie eine Arbeit schreiben lassen wollen. Nun sagen Sie, Ihre Kollegen haben keinerlei Verständnis dafür, wenn sich jemand einen akademischen Abschluss erschleicht.

Dozent X: Na ja, da ist immer die Frage, welche Rolle man gerade selbst einnimmt: Als jemand, der als Dozent tätig ist, kann ich solche Dinge einfach nicht tolerieren. Als Student, der relativ viel zu tun hatte, kann ich schon verstehen, dass man in eine Situation kommen kann, in der sich solche Dinge quasi anbieten. Bei mir selbst war das zwar nie eine Option, aber ich kann das durchaus nachvollziehen, zumal die Studenten an der HSU ein enges Zeitraster und ziemlich viel zu tun haben. Im Vergleich mit anderen Universitäten muss man aber berücksichtigen, dass die Studierenden hier keinerlei Nebenjobs machen müssen. Denn sie werden von der Bundeswehr ja während ihres Studiums relativ gut bezahlt.

Erbloggtes: Inwiefern ist das ein struktureller Unterschied zu typischen Studenten anderer Universitäten?

Dozent X: Da sie nicht nebenher Geld verdienen müssen, haben sie auch die Zeit, um Hausarbeiten zu schreiben. Aber dennoch ist ihr Arbeitsprogramm sehr dicht. Ein Master-Abschluss nach vier Jahren, das gibt es woanders eher nicht. Und man muss sich klar machen, dass die Trimester so gestrickt sind, dass es von Januar bis Juli zwei Trimester gibt, danach sind zwei Monate Pause, und dann gibt es ab Oktober das letzte Trimester des Jahres. Eigentlich haben die Bundeswehr-Studenten nur in der Sommerpause wirklich Zeit, längere Arbeiten zu schreiben. Trotzdem müssen sie auch im Winter- und im Frühjahrstrimester Hausarbeiten abliefern. Die müssen sie neben ihren Seminaren schreiben, was zum Teil durchaus ein großes Arbeitspensum ist.

Erbloggtes: Und unter Druck kann ein Ghostwriter als verlockender Ausweg erscheinen?

Dozent X: Das kann ich mir jedenfalls vorstellen. Hinzu kommt, dass die Bundeswehr-Studenten für ihr Studenten-Dasein relativ viel Geld zur Verfügung haben und sich einen Ghostwriter überhaupt leisten könnten.

Gute Plagiate sind zu aufwändig – schlechte leicht erkennbar

Erbloggtes: Glauben Sie denn, um vom Ghostwriting wieder auf eigenhändige Täuschung zurück zu kommen, dass es Ihnen selbst gelingen könnte, in einer Ihrer eigenen Arbeiten abschnittsweise Plagiate zu verwenden, ohne dass es auffallen würde?

Dozent X: Wenn ich selbst ein Plagiat anfertigen wollen würde? Ich vermute, dass man da relativ leicht mit durchkommen würde, und dass es auch niemand merken würde, wenn man sich die Mühe macht, dieses Plagiat sorgfältig zu verschleiern. Dazu müsste man den Text umformulieren, die Struktur etwas verändern und durchgängig Synonyme verwenden. Ich glaube aber, dass das wiederum so viel Arbeit ist, dass es sinnvoller wäre, selbst einen Text zu schreiben, weil man damit schneller fertig ist. Daher würde ich die These aufstellen, dass es genauso viel Arbeit und Mühe kostet, ein gutes, unerkennbares Plagiat zu erstellen, wie eine eigene Arbeit zu schreiben. Insofern ist es logisch sinnvoll, statt eines guten Plagiats lieber eine eigene Leistung zu erbringen.

Erbloggtes: Woran würde es liegen, dass ein gutes Plagiat dann nicht entdeckt wird?

Dozent X: Erst wenn man so viel Aufwand betrieben hat, dass das Plagiat durch übliche Methoden nicht erkennbar ist, wäre man auf der sicheren Seite. Man kann natürlich einen Text aus verschiedenen Vorlagen zusammenkopieren, allerdings müsste man dann relativ viel Arbeit investieren, um die Texte miteinander zu verbinden; um sie so umzuformulieren, dass sie auch von gängigen Computerprogrammen nicht zu identifizieren sind. Das ist so anstrengend – und erfordert auch so viel Grips –, dass es sich nicht lohnt, so etwas anzufertigen. Mit einer eigenen Leistung wäre man einfach schneller.

Erbloggtes: Würden Sie abschließend noch ihre persönliche Gesamtbewertung der Plagiats-Affäre formulieren?

Dozent X: Man hat ja langsam den Eindruck, dass Guttenberg machen kann, was er will, und dennoch damit durchkommt. Viel Verständnis habe ich dafür nicht. Seine guten Umfragewerte kommen vermutlich daher, dass in nichtakademischen Teilen der Bevölkerung eine Vorstellung davon, wie viel Arbeit in der wissenschaftlichen Arbeit steckt, nicht sehr weit verbreitet ist. Aber aus meiner Sicht muss Guttenberg als Verteidigungsminister eigentlich zurücktreten – gerade weil er sich selbst als der ehrlichste Politiker von allen verkauft hat: Wenn er dann so unehrlich Leistungen als seine eigenen ausgibt und akademische Abschlüsse erschleicht, muss er meines Erachtens zurücktreten, wenn er mit sich selbst im Reinen sein will. Etwa so wie es Margot Käßmann, die Landesbischöfin von Hannover, gemacht hat, als sie nach einer betrunkenen Fahrt einfach zurückgetreten ist, obwohl viele Leute ihr gesagt haben, dass sie auch weitermachen kann. Ich finde, dass man da eigentlich konsequent sein muss für sein eigenes Leben.

Erbloggtes: Herr X, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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