Personalisierung: Sündenfall der Seriosität

Erstrebtes Ziel der Anti-Guttenberg-Bewegung in den allermeisten deutschen Medien ist die Demission des Ministers zur Wiederherstellung der Moral. Doch dass die Medien sich darauf konzentrieren, ist selbst ein Niedergangsphänomen. Tom Schimmeck:

„Das hat eher mit der Entleerung des Journalismus zu tun, dem Verlust von Begrifflichkeiten, Kategorien und Zusammenhängen, dem Trend zur schnellen News, zum Event. So greifen immer mehr Boulevard-Themen Platz. Auch werden immer mehr Themen nur noch als Personality-Geschichte aufgezogen, auch ein Boulevard-Phänomen.“[1]

Über Wissenschaft diskutiert die Medienlandschaft gegenwärtig nur, weil sie über einen Promi diskutiert. Wissenschaftler und Kommentatoren, die sich mehr für die strukturellen Probleme des Systems Wissenschaft interessieren, werden auf die Guttenbergisierung hingebürstet. Barbara Zehnpfennig:

„Ich habe schnell gemerkt, dass die Journalisten vor allem Emotionen von mir haben wollten. Die habe ich ihnen nicht geliefert, worauf sie begannen, sie dazu zu erfinden. Eine Zeitung hat geschrieben, ich würde mich entrüsten, was ich definitiv nicht tue.“[2]

Konsequent und enthüllend ist da die FAZ, wenn sie „Karl-Theodor zu Guttenberg“ als Person in Fußnoten porträtiert. 84 Fragmente von Bild über Bunte bis Cicero montierte Marcus Jauer zur Demonstration, wie sich Politik in Promi-Klatsch auflöst. Guttenberg, ein beliebter Politiker? Die FAZ beweist: Gar kein Politiker. Eine mythische Politiker-Figur. Fast jeder Schnipsel evoziert Urbilder, die wir seit unserer Kindheit kennen. Caesar, Jesus, Siegfried, Luther, Friedrich, Bismarck, Wilhelm, Hitler, Stauffenberg, Adenauer, Brandt, Fischer, Obama.

Ein anderer Fall, in dem sich genau jene Personalisierung als Medienmethode zeigt, ist der Bild-taz-Bashing-Komplex, der um Judith Holofernes entstand, die Sängerin der Band – wie passend – Wir sind Helden. Bilds Werbestrategie ist eben diese, sich mit glaubwürdigen Testimonials zu schmücken, egal, wie schlecht sie über Bild denken. Holofernes lehnte empört ab; damit erregte sie so großes Aufsehen im Internet, dass es Bilds Werbestrategie eindrucksvoll rechtfertigte. Nach weiteren Umdrehungen war Bild so weit, Holfernes‘ Bild-Bashing selbst als Testimonial zu verwenden und schaltete es als große Anzeige in der taz. Auf das unvermeidlich folgende taz-Bashing antwortete die taz mit einer Begründung ihres Werbe-Handelns.

Zum Kontext der Personalisierung in de Medien gehört auch der dümmliche Anspruch, dem Leser eine Meinung zu machen. Ein Werkzeug dazu sind online die allgegenwärtigen Leserumfragen, die sich vom Boulevard auch in die Scheinseriosität ausgedehnt haben.[3] Immerhin hat der Boulevard noch das Monop0l auf Deutschlands schwachsinnigste Meinung(en), die nur die Absurdität dieses Instruments des Medien-Wettbewerbs demonstrieren.

Alle hier angesprochenen Themen hat Ronnie Grob in seiner heutigen Kolumne „6 vor 9“ zusammengestellt. Bloß ihren Zusammenhang in einer Diagnose genereller Entwicklungstendenzen der deutschsprachigen Medien hat er nicht expliziert.

Bleiben die Fragen: Ist der seriöse Journalismus noch zu retten? Ist Berichterstattung über bloße Strukturen nur langweilig, unbeliebt und überholt? Interessiert der Inhalt von Kontroversen überhaupt, oder erfreut sich das Publikum ausschließlich an der Form, an der präsentierten Szene von Gladiatoren, die aufeinander einschlagen?

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Eine Antwort zu “Personalisierung: Sündenfall der Seriosität

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