Hans-Peter Friedrich und der Islam

Erregte schon sein quasi erster Satz als Bundesinnenminister Aufruhr, stellte sich doch die Frage, wie Hans-Peter Friedrich überhaupt richtig zu verstehen sei. Von Bedeutung scheint jener Satz gewesen zu sein, wie ihn Die Welt kontextualisierte:

„Menschen islamischen Glaubens gehörten natürlich zu diesem Land, sagt Friedrich. ‚Dass aber der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt.‘ Kein Journalist, der diesen Satz nicht in seinen Block schreibt. Es macht einen Unterschied, ob ihn ein Innenminister oder der Chef der CSU-Landesgruppe ausspricht.“[1]

Interpretation und Kritik als deskriptive Aussage

Als etwas längliche Antwort auf die wohlwollende Interpretation von Peter Schwarzmüller im Blog von Fräulein Krise sind folgende Überlegungen verfasst: Wissenschaftlich zur Analyse von Argumenten empfohlen ist in der Tat die maximal wohlwollende Interpretation nach dem principle of charity. Die vorgeschlagene Interpretation von Friedrichs Aussagen als „Der Islam ist kein Bestandteil der historischen Kultur Deutschlands“ ist vermutlich die „best, strongest possible interpretation“ von Friedrichs Position.

Diese Aussage möchte ich in dreierlei Hinsicht kritisieren:

  1. Die historische Kultur Deutschlands erstreckt sich bis ungefähr gestern, daher ist der Islam spätestens seit den 1960er Jahren darein eingeflossen. (Wo sollte man einen früheren Stichtag setzen, bis zu dem die „historische Kultur Deutschlands“ reicht? Reicht sie nur bis zu Hitler, zu Bismarck oder zu den alten Germanen?)
  2. Die Gleichursprünglichkeit der monotheistischen Religionen widerspricht einem wesensmäßigen Unterschied von historischer Kultur Deutschlands und Islam. Fast alle Charakteristika des Islam sind vom Judentum und Christentum nach Deutschland importiert worden (schon vor den 1960er Jahren). Diese Erkenntnis gehört zum geistigen Erbe der (deutschen, nein europäischen) Aufklärung.
  3. Bestandteil der historischen Kultur Deutschlands ist der Islam zumindest (wenn vorgenannte Gründe nicht überzeugen) als Feindbild seit spanischer Reconquista und Türkenkriegen. Weniges ist für Protestanten identitätsstiftender als der „altböse Feind“, gegen den Luther eine „feste Burg“ und „gute Wehr und Waffen“ brauchte.[1] Insofern kann der Islam durchaus eine „Herausforderung“ an die Gegenwart sein, gerade weil er tief im kulturellen Gedächtnis der Deutschen verankert ist.

Übrigens ist nicht nur die muslimische Wirkung nach Deutschland hinein hier zu beachten, sondern auch die deutsche Wirkung in die islamische Welt: Zu unserem kulturellen Gedächtnis zählen nämlich auch die Kreuzzüge, die ohne weiteres als Vorbild für diese oder jene gegenwärtige Positionierung herhalten können. Interessant zum Thema ist auch die Geschichte des Islam in Deutschland.

Normativer Gehalt und Politik

Ganz abgesehen von diesen deskriptiven Fragen wird Politik jedoch in einer normativen Sprache gemacht – leider oft unter deskriptivem Deckmantel, wie in diesem Fall. Die naheliegendste normative Reformulierung des fraglichen Satzes dürfte sein:

Der Islam soll nicht zu Deutschland gehören.

Auch hier sollte man das principle of charity geltend machen. Doch es dürfte keine noch so wohlwollende Interpretation von Friedrichs normativem Anliegen existieren, nach der eine solche Aussage für einen Innenminister (der zugleich Minister für Religionsgemeinschaften und Integration ist) akzeptabel wäre. Am wohlwollendsten scheint normativ etwa diese Interpretation:

Der Islam ist eine große Herausforderung für Deutschland, da er kein Bestandteil seiner historischen Kultur ist.

Ein Staat wie Deutschland, herausgefordert von einer Religion wie dem Islam? Herausforderungen für Innenminister sind soziale Spaltung, Kriminalität und Parallelgesellschaften – aber mit dem Islam hat das am aller wenigsten zu tun. <ironie an>Dann schon eher mit Hinduismus und Vielgötterei.<ironie aus>

Und auch hier gilt der Vergleich mit unumstrittenen Bestandteilen der historischen Kultur Deutschlands: Stellen Rechtspopulismus, politische Gewalt und Militarismus etwa keine großen Herausforderungen dar, nur weil sie eine historische „Heimat“ in Deutschland haben?

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3 Antworten zu “Hans-Peter Friedrich und der Islam

  1. Peter Schwarzmüller

    zu 1.: Genau dieser Einfluss ist doch aber umstritten. Es ist auch nicht der Islam, der seit den 1960er Jahren Deutschland beeinflusst, sondern Menschen islamischen Glaubens, die von Friedrich explizit als Teil von Deutschland benannt werden. Wenn von ‚historisch‘ gesprochen wird, meine ich zumindest nicht die jüngste Zeit und alles was mit Integrationsdebatten zusammen hängt. Das ist Politik. Und die Politik von heute ist die Geschichte von morgen, sodass Friedrichs Äußerungen und unsere Kommentare in die Geschichte eingehen werden, womit dann der Islam (in Form einer konstruktiven Auseinandersetzung mit ihm) ein historischer Teil Deutschlands werden kann.

    zu2.: Genau an diesem Punkt sieht man aber, dass der Islam in der Meinung der deutschen Öffentlichkeit als etwas Trennendes und nicht als etwas Verbindendes wahrgenommen wird. So schön die Forderung ist, das Verbindende im Ursprung aller Religionen zu suchen und dann gemeinsam friedlich zu leben, so enttäuschend ist die Realität der Gegenwart, in der Religionen spalten und uns der Islam nach wie vor fremd ist. Im Unterschied dazu finden die Werte der sog. westlichen Religionen breite Zustimmung bei den eben westlich geprägten Menschen.

    zu3.: Diese Ausführung überzeugt mich am ehesten. Aber nun sehe ich aber leider auch nicht mehr, dass hier noch von einem ‚Teil‘ Deutschlands gesprochen werden kann in dem positiv besetzten Sinn, wie Herr Friedrich den Begriff verwandt hat. Herr Friedrich hätte sagen sollen: „Der Islam ist ein Teil Deutschlands, denn wir haben ihn in der Geschichte gefürchtet und bitterlich bekämpft.“?

    Ein Staat wie Deutschland, herausgefordert von einer Religion wie dem Islam? Herausforderungen für Innenminister sind soziale Spaltung, Kriminalität und Parallelgesellschaften – aber mit dem Islam hat das am aller wenigsten zu tun.

    Warum hat das nichts mit dem Islam zu tun? Die genannten Probleme sind Folge einer misslungen Integration, die vielfach festgestellt wurde und wird. Integration des Gläubigen zusammen mit seiner Religion ist ein Ziel und eine Herausforderung. Die Integration anderer, weniger religiös geprägter Emigrantengruppen gelingt ja schließlich sehr viel besser.

    Stellen Rechtspopulismus, politische Gewalt und Militarismus etwa keine großen Herausforderungen dar, nur weil sie eine historische „Heimat“ in Deutschland haben?
    Doch, sie stellen Gefahren dar und werden bekämpft. Aber wir sind uns doch wohl alle einig, dass es keine Option ist, den Islam zu bekämpfen…

  2. Wir sind uns da einig. Aber es gibt Politiker, die die Bekämpfung für eine Option halten.
    Integrationsprobleme wären vor 15 Jahren nicht dem Islam attestiert worden, sondern „den Türken“. Der Islam rückte erst durch den angeblichen islamischen Fundamentalismus in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Ich vermute, dass sich die meisten Menschen heute nicht einen freundlichen türkischen Gemüsehändler vorstellen, wenn sie von „Integrationsproblemen des Islam“ sprechen, sondern einen Bin-Laden-Verschnitt. Die tatsächlichen Integrationsprobleme, mit denen Frl. Krises Schüler zu tun haben, sind aber weder religiös noch politisch (Islamismus) bedingt, sondern sozial: Ausgrenzung und Ghettoisierung führen dazu, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten wenig Lebenschancen haben. Sie benehmen sich nicht so, wie die Gesellschaft das von ihnen erwartet, sie sprechen eine andere Sprache, ziehen sich anders an und lungern immer in kleinen Gruppen auf der Straße herum.
    Früher nannte man das Punks, Hippies oder Halbstarke. Heute ist es die Herausforderung durch den Islam?
    Sie schreiben:
    „So schön die Forderung ist, das Verbindende im Ursprung aller Religionen zu suchen und dann gemeinsam friedlich zu leben, so enttäuschend ist die Realität der Gegenwart, in der Religionen spalten und uns der Islam nach wie vor fremd ist.“
    Versuchen Sie mal, darin „Religionen“ durch „Rassen“ zu ersetzen und „Islam“ durch „Semit“. Das Ergebnis wird Ihnen nicht gefallen. Oder anders: „Klassen“ und „Proletarier“. Vielleicht auch „Nationen“ und „Franzose“. Sogar „Bekenntnisse“ und „Katholik“ hätte mal funktioniert.
    So kann man rasch durch verschiedene Epochen reisen und erleben, was Ausgrenzung dort bedeutete – und wie sie als Ausdruck einer „natürlichen“ Ordnung gedeutet wurde.
    Nichts für ungut.

  3. Oh, bevor ich hier in einer Argumentationsecke gesehen werde, in der ich mich selbst nicht sehe: Religionen trennen, statt zu vereinen. Der Islam macht da ebenso wenig eine Ausnahme wie die christlichen Religionen. Meine Ausführungen sind auch völlig deskriptiv zu verstehen und ich halte keine der gegebenen oder historischen Umstände für eine natürliche Ordnung. Ich selbst halte auch die Feststellung, dass mir etwas fremd ist, nicht für eine Ausgrenzung von irgendwas. Auch ein Jugendlicher ist mir in seinen Denk- und Lebensweisen fremd – und egal wie sehr ich theoretische Kenntnisse über diese Lebens- und Denkweisen habe, so werde ich ihn vielleicht verstehen aber nicht begreifen – hört sich jetzt blöd an, ist aber hoffentlich klar, was ich meine. Es gibt unzählige Dinge, die uns fremd sind und die deshalb kein Teil von uns sind, weil wir sie nicht leben. Wir berufen uns nunmal nicht auf Werte des Islam, sondern auf Werte westlicher Ethik (um den Verweis auf das Christentum hier bewusst zu vermeiden), auch wenn sie sich im Islam ebenfalls finden lassen. Und letztlich sollten wir uns Gedanken darüber machen, was genau eigentlich ein Islam als Teil Deutschlands sein soll: Meiner Meinung nach müsste der Islam dann selbst eine aktiv integrierende Wirkung haben, um Teil des Ganzen zu werden. Ebenso wie umgekehrt versucht werden sollte, den Islam zu integrieren (nicht zu assimilieren) z.B. durch Islamunterricht an deutschen Schulen.

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