Der Blogger, der Plagiat schrie

Ereignete sich heute Morgen ein weiterer Plagiats-GAU, als das Buch „Chill mal, Frau Freitag“ als Ullstein Taschenbuch offiziell erschien? Hat der Ullstein-Verlag etwas mehr als ein Jahr nach „Axolotl Roadkill“ ein weiteres Buch veröffentlicht, das nicht diejenige geschrieben hat, die sich als Autorin ausgibt? Hat der Verlag sich einen solchen Lapsus erlaubt, weniger als einen Monat nachdem der Guttenberg Roadkill in aller Munde kam? Nein. Aber man wird ja mal fragen dürfen.

Vorgeschichte: Ein Lehrerblog

Im Blog fraufreitag.wordpress.com steht seit Mai 2009 fast alltäglich, dass Lehrerinnen „den schönsten Beruf aus[üben], den es gibt“, zumindest den mit dem größten Seifenopern-Charakter:

„Die Vormittage sind ein Extrakt des Lebens, in dem sich alles wiederfindet: Freund- und Feindschaft, Liebesdramen, Eifersucht, Hass, Ein- An- Aussichtslosigkeit, Gemeinschaft, Einschluss, Ausschluss, Mobbing, alle Arten geistiger Verwirrung, Sympa- , Empa- und Antipathien, hier entstehen Modetrends, seelisches und körperliches Leiden werden durchlebt, hier kann sich jeder jeden Tag neu erfinden, und mittendrin ich und mein Versuch von Unterricht.“[1]

Nach einem Jahr empfahl der Journalist und Blogger Ronnie Grob als einen von diesen „tollen Blogs […], die angeblich die ganze Medienlandschaft umpflügen werden“:

„Um was geht es im Blog? Um eine Reihe von Lehrern, die Namen von Wochentagen tragen, um Schüler, die Ömer, Carlo, Samira, Micha, Dirk, Susie, Emma, Yusuf, Justin, Abdul, Daniela, Harun, Erol oder Emre heissen, um den Freund von Frau Freitag und um ein Frl. Krise. Personen, die echt sind oder auch nicht und die so beschrieben werden, dass man sie bald wie altbekannte Seriencharaktere vor sich sieht.“[2]

Zweifel an der Authentizität des Lehrerlebens, wie Frau Freitag es sieht, kommen bei vielen Kommentatoren auf, zu unglaublich sind die Geschichten, die sich da ereignen sollen. Vor einem Jahr verfasste die anonyme Bloggerin einen Bericht darüber, wie der Blog entsteht – und mit welcher Intention:

„Ich komme nach Hause, hatte ein Scheißerlebnis mit einem Schüler, setze mich an den Computer, schreibe es auf und dann geht es mit schon besser. Und wenn ich da sitze, dann meine ich genau das was ich da schreibe. Das einzige, was ich mir vorwerfen könnte ist, dass ich die positiven Dinge, die in der Schule passieren nicht so gerne aufschreibe.“[3]

Nicht nur Frau Freitag besteht auf der Authentizität, auch Kommentatoren betonen, dass sie echt seien:

„Frau freitag und wir anderen sind alle sowas vom am leben und am authentisch sein, das hält der stärkste blog kaum aus…“[4]

Lehrerblogs sind ja auch keine ungewöhnliche Erscheinung mehr, fast schon eine Szene, die untereinander vernetzt ist, sich zuweilen trifft, um über Sinn und Unsinn des Bloggens von Lehrern zu plaudern.

Exkurs: Brooke Magnanti

Im Spannungsfeld zwischen Literarizität und Authentizität stecken auch andere Blogger, die von ihrem Leben – oder dem einer fiktiven Figur – berichten. Als „Belle de Jour, the diary of a London call girl“ Ende 2003 (nach wenigen Monaten) vom Guardian als der am besten geschriebene britische Blog ausgezeichnet wurde, befand die Jury, der inhaltliche Wert des Blogs liege im „great big global window on activities previously considered unmentionable“.[5] Darin liegt durchaus eine Ähnlichkeit zu Frau Freitags Schulblog. Die Jury merkte an:

„Some judges were concerned it was a work of fiction, but even if it is, it remains an impressive piece of writing.“[5]

Wer Belle de Jour war, blieb über sechs Jahre ein Geheimnis – selbst dann, als der Blog 2005 als Buch erschien, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde; selbst als die Fernsehserie „Secret Diary of a Call Girl“ startete. Verschiedene Autoren wurden als Mann hinter dem Pseudonym vorgeschlagen, der Männerphantasien für Männer aufschreibe.[6] 2009 enttarnte die Wissenschaftlerin Brooke Magnanti sich selbst als Belle de Jour und unterstrich als tatsächliche Grundlage ihres Bloggens die zeitgleiche Arbeit als Callgirl.[6]

Plagiat: Chill mal, Frau Freitag?

Gestern veröffentlichte die anonyme Bloggerin Frau Freitag einen Text, der für sich betrachtet überzeugend behauptete:

„Ich bin total schockiert. Eben finde ich auch noch eine Leseprobe. Das sind orginal meine Texte aus meinem Blog. Aber wer hat das denn geschrieben? Frl. Krise, warst du das? Shannon? Christian?[*] Wer hat denn da meine Texte zu einem Buch verwurstet? Ich glaub es einfach nicht.“[7]

[*] Hier stand gestern noch „Erbloggtes“ als möglicher Plagiator.

Gut gespielte Empörung, Verwirrung und die Stilmittel des üblichen flapsigen Tonfalls erzeugen den Authentizitätsanschein, der auch sonst Frau Freitags Blog „Na, wie war’s in der Schule?“ prägt. Sie bittet verschiedene Leute um Hilfe bei der Bewältigung dieser Plagiats-Krise und zeichnet das Bild einer überforderten anonymen Bloggerin, die gerade von einem perfiden Text-Dieb und einem „doofen“ Verlag (Zitat siehe unten), dem Ähnliches bereits zuvor unterlaufen ist, betrogen wird.

Die ersten Kommentatoren tendieren zur Skepsis. Aber ausschließen können sie nicht, dass es sich so verhält wie geschildert. Unvorstellbar – aber waren nicht auch Hegemanns und Guttenbergs Plagiate unvorstellbar? Wären sie auch nur annähernd wahrscheinlich gewesen, hätten Verlag und Doktorvater ja zumindest den Versuch einer Prüfung unternommen. Ein bisschen googlen hätte gereicht.

Was, wenn wahr wäre, was wahrscheinlich Werbung war? Wahnsinn! Da heißt es: Nicht lange Überlegen, Handeln! Jede Minute zählt, wenn man wochen- oder monatelange Plagiatsskandale im Keim ersticken will. Was unternimmt der Leser voller Mitleid und Furcht? Er durchlebt diese Affekte und erfährt dabei die Katharsis:

Ullstein: Wir sind ja nicht doof

Anonym wollte auch die Empfangsdame des Ullstein-Verlags bleiben, die Erbloggtes gegen 17 Uhr an die Strippe bekam. Da Frau Freitag anonym ist, bot sich als Kontaktmöglichkeit nur ein Kommentar an, den der Blogger ja nach Belieben freischalten, löschen, modifizieren kann. Hier einige Auszüge eines nie freigeschalteten Kommentars:

„Ich habe gerade mit dem Ullstein-Verlag telefoniert […], da ist natürlich kein Lektor mehr im Haus. Aber die freundliche Dame am Empfang meinte: ‚Wir sind ja nicht doof.‘ Dem Ullstein-Verlag würde so etwas nicht passieren, gerade nach Axolotl Roadkill voriges Jahr, und der Guttenberg-Affäre im Februar, wäre der Verlag da sicher sensibilisiert und würde das genau prüfen.
Sie zeigte sich überzeugt, dass ‚Frau Freitag‘ und ‚fraufreitag‘ dieselbe Person sei, und dass es sich bei diesem Blogeintrag um eine Verarschung oder Provokation handele. Denn das wäre ja bei der Zielgruppe ein beliebtes Werbemittel, um Aufsehen zu erregen.“

Obwohl sie betonte, dass ihre Logik noch funktioniere und sie sich das wirklich nicht vorstellen könne, versprach sie, sich bei einer Lektorin zu erkundigen.

Kommentar: Leser für dumm verkaufen

So weit so gut, die Sachfrage war damit zunächst hinreichend geklärt, der Verlag könnte sich für alles Weitere jedenfalls nicht mehr auf ein „unbewusstes“ Plagiat herausreden. Doch Frau Freitag war entweder weiter verzweifelt, oder sie versuchte, ihre Leser für dumm zu verkaufen. Das erforderte eine Stellungnahme (ebenfalls nicht freigeschaltet):

„Falls es sich tatsächlich bei diesem Blogeintrag hier um eine provokative Werbeaktion handeln sollte, dann ist sie 1. überzeugend gelungen, in dem Sinne, dass Sie schamlos Ihre Blog-Leser belogen hätten. 2. Ist sie werblich sinnlos, da die Blog-Leser Ihre Texte ja schon kennen und keinen sehr großen Publikums-Anteil ausmachen.
Eine solche Werbeaktion wäre für mich Grund genug, Ihnen sehr böse zu sein. Sollte sich dieser Eintrag als Werbe-Gag erweisen, wäre mein Vertrauen in die Wahrhaftigkeit und Authentizität Ihrer Texte zerstört. Ich würde mich sehr dumm fühlen, dass ich auf Ihren Blogeintrag hereingefallen bin, und zu diesem Zwecke auch noch mein guter Name als verdächtig in den Schmutz gezogen wurde. […] Da ich mich mit den jüngsten Plagiatsfällen ein wenig auseinandergesetzt habe, reagiere ich allergisch auf Plagiate – aber auf die Vorspiegelung falscher Plagiate ebenso.“

Warum? In der Kunst und in der Werbung ist doch alles erlaubt, sagt der Volksmund, oder? Plagiat („Collage“) ebenso wie Plagiatsvortäuschung („Virales Marketing“). Der Unterschied zwischen Recht und Moral ist hier: Lügen ohne klaren Geschädigten ist rechtlich nicht verboten. Moralisch schon, auch in der Kunst und der Werbung:

„Die Moral kann aber über ein Rechtssystem, mit dem sie intern verknüpft bleibt, auf alle Handlungsbereiche ausstrahlen, sogar auf jene systemisch verselbständigten Bereiche […], die die Akteure von allen moralischen Zumutungen, außer der einzigen eines generalisierten Rechtsgehorsams, entlasten.“ (Habermas, Faktizität und Geltung, S. 150)

Wie funktioniert das? Sofern Kunst, Werbung, Wissenschaft und was-auch-immer Wahrhaftigkeit und Authentizität als Rohstoffe nutzen, ist die Folge von Verstößen gegen ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen, dass der Rohstoff verpufft.[8] Wenn Hegemann plagiiert, ist es keine „Geschichte eines Mädchens, […] das die Schule schwänzt“[9] mehr. Wenn Guttenberg plagiiert, ist es keine Doktorarbeit mehr. Und wenn Frau Freitag vortäuscht, plagiiert worden zu sein, ist es kein ehrliches Erleben einer bloggenden Lehrerin mehr.

Warum sollte man es dann noch lesen? Für dumm verkaufen lassen kann man sich leichter beim Fernsehen.

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3 Antworten zu “Der Blogger, der Plagiat schrie

  1. Guten Tag.
    Da ich diesen Blog nicht kenne, Ihre Kommentare aber bei Frau Freitag häufiger gelesen habe, muss ich jetzt doch mal nachfragen:
    Ist Ihre humorlose Haltung hier gespielt oder echt? Wenn gespielt, dann Hut ab. Die Ironiesignale sind derart schwer zu entdecken, dass man meint es gibt gar keine. Aber das ist dabei ja auch die große Kunst.
    Bei Frau Freitag war es allerdings derart eindeutig, dass man Sie erneut loben möchte für Ihren Mut, sich hier hier so ungeniert als beleidigte Leberwurst zu präsentieren.
    Das Spiel der Frau Freitag, die Leser für einen Moment im Unklaren zu lassen, ob es stimmt, was sie schreibt, oder ob sie uns einen Bären aufbindet, ist mittlerweile fester Bestandteil ihres Blogs. Und dass sie sich dabei auf aktuelle Vorfälle bezieht und diese sofort als Kunstform in ihren Text einbaut, steht beispielhaft für ihr besonderes Talent in diesem Feld und bestätigt anschaulich, warum sie diese Buchveröffentlichung mehr als verdient hat.
    Ich halte es darüberhinaus für wichtig, die Wahrhaftigkeit des Mediums Internet so oft es geht in Frage zu stellen und hier besonders den häufig belanglosen, tagebuchähnlichen Blogs ein wenig den Spiegel vorzuhalten.
    Letzteres ist bei Ihnen, wie Sie uns jetzt alle wissen ließen, offenbar besonders von Nöten.
    Aber trotzdem vielen Dank, dass Sie gleich mal investigativ tätig geworden sind und beim Ullstein Verlag nachgeforscht haben. Ohne Leute die voll drauf reinfallen, wären Späße wie die der Frau Freitag nur halb so komisch.

    Grüße und ein schönes Wochenende
    Frank

  2. Danke, danke! Zuviel der Ehre! Moralisten sind eben humorlos. Und lustig machen kann man sich ganz leicht über ihre Weltfremdheit.
    Meinen Sie, dass fraufreitag.wordpress.com eine Parodie ist, die dazu dient, „den häufig belanglosen, tagebuchähnlichen Blogs ein wenig den Spiegel vorzuhalten“? Das wäre aber nicht nett von Ihnen, den Blog als Parodie auf die „belanglosen, tagebuchähnlichen Blogs“ zu bezeichnen. Vielleicht versuchen Sie aber auch mit Ihrem Kommentar, „die Wahrhaftigkeit des Mediums Internet so oft es geht in Frage zu stellen“. Dann nehme ich das vielleicht zu ernst , was Sie schreiben.
    Aber so ist das mit den Moralisten. Sie sind ehrlich und wollen glauben, dass die anderen es auch sind.
    Das ist ja wirklich zum Schießen komisch.

  3. Nachtrag: Über die Lehrerblog-Szene berichtete gestern auch
    Mathias Hamann: Bloggende Lehrer. „Gymnasium kann doch jeder“. In: Spiegel Online, 16. März 2011.
    Besonders die rechtliche Problematik bloggender Lehrer behandelt der Artikel, mit Schwerpunkt auf dem Aspekt „die Anonymität des Netzes nutzen“. Das klingt wie Nestbeschmutzen.

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