Erklär mir den Kommunismus, Mama

Erklärte sie ihrer Tochter den Kommunismus mit den Worten „das ist, wenn Du immer nur ein ganz kleines Kuchenstück bekommst, und Dir das Rezept vorher selber ausdenken musstest“? Nicht ganz. Erstaunt es, dass die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) keine Ahnung von der Theorie des Kommunismus hat, aber trotzdem Unterhaltsames darüber publizieren will? Nein. Die FAS, das ist jenes Blatt, mit dem sich der kluge Kopf dahinter allwochenendlich in seinem Lesesalon in den Lieblingsledersessel fallen lässt, die Beine hochlegt und sich über das Elend der Welt amüsiert.

Kommunismus und Kapitalismus bildlich erklärt?

Das Unterhaltungsangebot tendiert zuweilen zur realexistierenden Satire, wie die Titanic jüngst feststellte. Dort finden sich einige Sätze von Florentine Fritzen zum Thema „Kommunismus“ zitiert, die sie vielleicht ihrer Tochter vorgetragen hat:

„Wie sähe diese Gesellschaft aus? Alles gehörte allen, alle hätten dieselben Pflichten. Jeder müßte womöglich alle Aufgaben beherrschen und ausführen, vielleicht im Rotationsprinzip, und er würde gezwungen, sich abzutrainieren, manches lieber zu tun als anderes. Was er besonders gut könnte, müßte er schlechter machen, damit keine Ungleichheit entstünde.“[1]

Aber auch den Unterschied zum Kapitalismus hat Frau Fritzen analysiert:

„Das ist das Argument der Kapitalisten: Daß demokratische [lies: kapitalistische] Gesellschaften Nichtgleicher so große Kuchen backten, daß selbst das kleinste der ungleichen Kuchenstücke noch viel größer wäre als die kommunistischen Mini-Stücke. Wer nicht allzu kapitalistisch veranlagt ist, würde es für das Himmelreich auf Erden, diese utopische Gesellschaft, vielleicht in Kauf nehmen, immer nur Mini-Kuchenstücke zu essen. Aber was wäre das für ein Himmel, in dem man sich zum Beispiel dauernd Backrezepte ausdenken muß, obwohl man doch viel lieber Teig rührt – oder umgekehrt?“[1]

Kommunisten sind also die Weight-Watchers der Warenproduktion, die mit Mini-Kuchenstücken dafür sorgen, dass die moderne Frau nicht zu dick wird.

Arbeitsteilungs-Theorie statt Backwaren-Metaphorik

Vergleiche man dies einmal mit einen grundlegenden Überlegungen, die – noch vor dem „Kommunistischen Manifest“ – die Charakteristika von Kapitalismus und Kommunismus unterschieden. Zuerst zum Kapitalismus, wie er sich Mitte des 19. Jahrhunderts darstellte:

„Mit der Teilung der Arbeit […] ist zu gleicher Zeit auch die Verteilung, und zwar die ungleiche, sowohl quantitative wie qualitative Verteilung der Arbeit und ihrer Produkte gegeben, also das Eigentum, das in der Familie, wo die Frau und die Kinder die Sklaven des Mannes sind, schon seinen Keim, seine erste Form hat. Die freilich noch sehr rohe, latente Sklaverei in der Familie ist das erste Eigentum, das übrigens hier schon vollkommen der Definition der modernen Ökonomen entspricht, nach der es die Verfügung über fremde Arbeitskraft ist. Übrigens sind Teilung der Arbeit und Privateigentum identische Ausdrücke – in dem Einen wird in Beziehung auf die Tätigkeit dasselbe ausgesagt, was in dem Andern in bezug auf das Produkt der Tätigkeit ausgesagt wird.“[2]

Nun hat sich das Familienbild (in Deutschland) inzwischen etwas gewandelt. Doch vergleichen wir mit Frau Fritzens Schilderung: Ungleichheit beruht ihrzufolge auf Fähigkeit, Spezialisierungsvorteilen und unterschiedlichen Wünschen der Beteiligten. Vattern hatte demnach im 19. Jahrhundert zurecht die Hosen an, weil er befähigt war, in der Familie zu herrschen, weil er darin geübt war, und weil es sein Wunsch war. Gleiches galt demnach für die Benachteiligten im familiären Machtverhältnis: Sie konnten es, sie übten es, sie wollten es. Und: Allen ging es besser, wenn sie sich an die ihnen auferlegten gesellschaftlichen Rollen hielten, als wenn sie gleichberechtigt gewesen wären. Das findet der kluge Kopf dahinter vielleicht auch heute noch, und zündet sich genüsslich eine Zigarre an.

Gestern Jäger, Fischer, Hirt oder kritischer Kritiker …

Der Beginn der Arbeitsteilung ist in der marxistischen Theorie gleichzeitig der Beginn der gesellschaftlichen Herrschaft – und zwar wegen der Abhängigkeit des Einzelnen vom Verkauf seiner Spezialtätigkeit:

„Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will […]. Dieses Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unsres eignen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unsrer Kontrolle entwächst, unsre Erwartungen durchkreuzt, unsre Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen geschichtlichen Entwicklung […].“[2]

Was wäre denn das für eine Gesellschaft, in der Florentine Fritzen sich täglich an politischen Themen abrackern muss, obwohl sie dazu nach fünf Jahren FAZ-Redaktion offenbar gar keine Lust mehr hat, sondern lieber Kuchen backen würde? Richtig: Eine, in der nicht sie selbst entscheidet, was sie tut, sondern die Arbeitsteilung. Kommunismus – jenseits jeder bisherigen geschichtlichen Entwicklung – ist im Gegensatz dazu beschrieben als eine „Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“[2]

… heute Eintopfemanze oder Kuschelkerl

Florentine Fritzen hat – als sie gerade nicht kritische Kommunismus-Kritikerin war – mit ihrem Mann Tobias Rösmann ein bezeichnendes Doppelbuch geschrieben, nach dem heute Frauen nun mal „Eintopfemanzen“ und Männer „Kuschelkerle“ sind. Wie die Klappentexte erklären, sollen Frauen „im Beruf erfolgreich sein und gleichzeitig die perfekte Hausfrau, aufregende Partnerin und liebevolle Mutter“.[3] Männer hingegen sollen „zwischen hartherzigem Unternehmenssanierer und Kuschelpapa […] alles sein: Kumpel und Vater, Lover und Fahrradlichtreparierer, Kuscheltyp und Kerl.“[4] Dass gesellschaftliche Ansprüche ihr Leben beherrschen, scheint ihr also nicht entgangen zu sein. Aber dass dabei ganz egal ist, was sie am liebsten macht, scheint sie nicht zu stören. Zu behaglich ist es eingerichtet, wenn jeder sein Plätzchen hat, und man sich keine Gedanken machen muss, wie man sein Leben gestalten will. Früher war alles besser, sagt Fritzen, auch zu anderen Themen. Und am besten verkaufen sich Bücher, die erklären, wie man sich an seinem gesellschaftlich zugewiesenen Platz zurechtfindet.

Warum nun ändern jene Menschen, die nicht Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker werden wollen, jedenfalls nicht ausschließlich, die gesellschaftliche Konvention nicht? Auch wenn „man sich zum Beispiel dauernd Backrezepte ausdenken muß, obwohl man doch viel lieber Teig rührt“,[1] wäre es doch von Vorteil, nicht von der Herrschaft der Arbeitsteilung genötigt zu werden.

„Die soziale Macht, d.h. die vervielfachte Produktionskraft, die durch das in der Teilung der Arbeit bedingte Zusammenwirken der verschiedenen Individuen entsteht, erscheint diesen Individuen, weil das Zusammenwirken selbst nicht freiwillig, sondern naturwüchsig ist, nicht als ihre eigne, vereinte Macht, sondern als eine fremde, außer ihnen stehende Gewalt, von der sie nicht wissen woher und wohin, die sie also nicht mehr beherrschen können, die im Gegenteil nun eine eigentümliche, vom Wollen und Laufen der Menschen unabhängige, ja dies Wollen und Laufen erst dirigierende Reihenfolge von Phasen und Entwicklungsstufen durchläuft.“[2]

Das bis hierher Zitierte ist eine knappe Zusammenfassung der marxistischen Theorie und stammt aus Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie (1846). In: MEW 3, S. 5-530, hier S. 32-34. Auch Florentine Fritzen hätte das lesen können, wenn sie nicht von der sozialen Macht genötigt wäre, Texte über Kommunismus zu produzieren, obwohl sie davon nichts versteht. Nur kommunistische Mini-Kuchenstücke würden wohl verhindern, dass größere nährstoff- und geschmacksfreie Kuchenimitate als ungleich große kapitalistischen Kuchen verkauft würden. Doch so lange das gesellschaftliche Sein sie in Törtchenform presst, jubelt das Bewusstsein der klugen Köpfe dahinter den Zuckerbäckern auch noch zu.

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Eine Antwort zu “Erklär mir den Kommunismus, Mama

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