Lieber Knut, mach mich fromm

Er lachte schallend und häretisch, als er den (Un-)Sinn hinter der PETA-Gedenktafel für Knut, den Eisbären, bemerkte:

„Kein Tag in Freiheit,
ein Leben ohne Würde.
Verzeih uns, Knut!“

Realsatiriker in Aktion

PETA hat vor den zitierten Text noch das Wort gesetzt, um das es ihnen eigentlich geht: „Zoo“. PETA teilt mit:

„Die Tierrechtsorganisation PETA Deutschland e. V. fordert jetzt vom Berliner Zoo, […] eine Gedenkplatte für Knut vorm Brandenburger Tor anzubringen.“[1]

Man stelle sich vor, der Zoodirektor fährt mit einem schweren Gedenkstein, in den das obige Nonsens-Gedicht eingemeißelt ist, am Brandenburger Tor vor, schaltet die Kipp-Hydraulik ein und lädt ein Mahnmal für Knut und alle Eisbären ab, die weder Freiheit noch Würde haben. Das wird nicht billig, sagt die Politesse, die ihm dafür ein Knöllchen verpasst.

Aber gut, von Leuten, die glauben, dass der Berliner Zoo dem Eisbären die Freiheit und die Würde genommen habe, die er „eigentlich“ besessen hätte, kann man nicht mehr Realitätssinn erwarten. Und wenn das alles möglich ist, dann kann auch ein Eisbär mit Hirnschaden einen Bewusstseinszustand erreichen, den man mit „Knut verzeiht uns“ beschreiben könnte. Vorausgesetzt, Knut hat eine unsterbliche Seele und blickt nun milde aus dem Eisbärenhimmel auf uns herab.

Begriffsverwirrung statt Gehirnwindung

PETA hat offenbar einiges durcheinandergebracht: Mit „Freiheit“ meinen sie nicht etwa Willensfreiheit, sondern Freiheit von Gitterstäben und Wassergräben. Aber wenn sie nicht von Willensfreiheit reden, wie kommen sie dann auf „Würde“? Na klar, sie meinen gar nicht Würde im Sinne von Menschenwürde, freiem Willen oder Selbstbestimmung, sondern die „Würde der Kreatur“, die daraus erwächst dass der Schöpfer seiner Kreatur einen bestimmten Zweck zugedacht hat. Dann macht auch das mit der Eisbärenseele und dem Eisbärenhimmel plötzlich Sinn.

Aber wie kommen denn die PETA-Jungs und -Mädels darauf, dass es Eisbärenseele, Eisbärenhimmel, Eisbärengott und Eisbärenwürde gäbe? Mit eigenen Augen gesehen werden sie das hoffentlich alles noch nicht haben. Andererseits haben sie ja auch das Leiden von Knut mit eigenen Augen gesehen, oder? Nein, das haben sie nur postuliert: „Es ist ein Irrsinn zu glauben, dass das größte Landraubtier, der Eisbär, in Gefangenschaft nicht leiden würde“.[1] Nun ja, Eisbärenseele, Eisbärenhimmel, Eisbärengott und Eisbärenwürde kann man ja auch mal postulieren. Da kann man ja nur hoffen, dass die Sancta Ecclesia Ursi Maritimi Maximi in den nächsten Jahrhunderten zu einer Weltreligion aufsteigt, deren zahlreiche Gläubige in anhaltenden Glaubenskriegen die Ungläubigen mit Eis und Tatze bekehren. Den ersten Märtyrer haben sie ja nun.

Wenn Satire schlechter als die Realität ist

Das Martyrium hat der Mörder in seinem Geständnis detailliert geschildert:

„Knut ist tatsächlich an einem Hirnschlag gestorben. Ich hatte über mehrere Wochen hinweg immer wieder Fotos mit Blitz von ihm gemacht und ihm dabei aus ‚Animal Liberation‘ von Peter Singer vorgelesen …“

Die Beantwortung der Frage, warum es gelegentlich unklug ist, sich altklug auf Utilitaristen zu berufen, nur weil man dumm ist, sollte jeder in jenem Aufsatz suchen:

In ein Satiremagazin gehört diese Analyse der Bärenrhetorik selbsternannter Tierschützer zwar eigentlich nicht. Aber die Frage „Kann man Robben mobben?“ tröstet darüber hinweg, dass Goldmann der gerechte Zorn des Glaubenskriegers anzumerken ist, der den Dschihad bereits gegen die Gründung einer Eisbärenreligion aufgenommen hat. Etwas mehr hätte er die PETAmentalisten in ihrem eigenen Katechismus bekämpfen müssen. Über die richtige Unterscheidung zwischen Leid und Schmerz kommt er dabei aber nicht hinaus.

Gegen den Utilitarismus zu Felde zu ziehen, fällt einem Kantianer nicht schwer. Dabei ist der Utilitarismus nicht das eigentliche Problem der PETAngelikalen – wie mit der Unterscheidung zwischen Leid und Schmerz bereits gezeigt ist. Ihr eigentliches Problem ist der Status der Tiere. Sind Tiere dumme Menschen? Haben sie die Fähigkeit zu Willensfreiheit, Selbstbewusstsein, Vernunft, Recht und Moral? Wenn wir von „wir“ sprechen, meinen wir dann Tiere mit?

Tiere geben keine Widerworte

Die PETAnianer vielleicht. Die etwas reflektierteren Umweltaktivisten eher nicht. Die Kampagne „Rette Deinen Urwald!“ beispielsweise richtet sich weder an Hunde, noch an anderes Getier. Den Tieren gehört der Urwald nicht, der mit dem Motto „Unser Schatz braucht Schutz“ beworben wird. Greenpeace betont den Wert, den der „Urwald“ für Menschen hat, um Menschen davon zu überzeugen, für den Erhalt des Waldes einzutreten. Das gilt aber nicht nur für Bäume: Tiere haben die größten Aussichten auf das größte Glück der größten Zahl, die der Utilitarismus anstrebt, wenn Menschen für sie eintreten: Nicht Tiere sollen die eine „Weltweite Tierschutzerklärung“ unterstützen, sondern hochenergiehirnige Zweibeiner. Prominente sagen in dieser Kampagne: „Tiere sind mir wichtig.“ Das ist eine viel sinnvollere Aussage als: „Meinem Hund ist es wichtig, Rechte zu haben.“

Tiere brauchen keine Rechte. Sie können sich ja auch keinen Anwalt nehmen, um ihre Rechte durchzusetzen. Menschen sind die Adressaten von Pflichten, das reicht völlig für jeden Tierschutzzweck. Über die Pflichten, die Menschen gegenüber Tieren haben sollten, muss man mit Menschen reden, nicht mit Tieren. Also: Bitte verzeih uns, Knut, wenn wir Dich immer wieder „persönlich“ ansprechen, sogar postmortal, anstatt mal mit jemandem zu reden, der uns auch eine Antwort geben könnte. Das Problem mit den Tieren, die antworten ist ja: Sie können uns auch etwas sagen, was uns nicht passt.

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Eine Antwort zu “Lieber Knut, mach mich fromm

  1. Siehe auch: Joachim Lottmann: Berlin am Ende. In: tazblogs, 29. März 2011.

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