Grenzwerte des guten Appetits

Erreichte schon das erste Schiff mit japanischen Lebensmitteln nach Erdbeben und Reaktorkatastrophe Europa? Wenn nicht, dann steht das für Mitte April bevor. Was passiert dann? Sie werden von den Hafenbehörden auf Radioaktivität kontrolliert, die Ladung unterliegt meist noch weiteren Kontrollen durch Lebensmittelprüfer.

Und Nahrung, die die Grenzwerte überschreitet, wird wohl aus dem Verkehr gezogen. Im Normalfall liegen die „Maximalbelastungen der meisten Lebensmittel für Cäsium-134 und Cäsium-137 bei 600 Becquerel“ für Milch bei 370 Becquerel.[1] Das bedeutet: Pro Sekunde zerfallen in einem Kilogramm Essen durchschnittlich 600 Cäsium-Atomkerne. Das ist genau die Radioaktivität, die deutsches Gemüse zwei Wochen nach Tschernobyl höchstens erreichte.[2]

So weit, so gut. Demnach würden japanische Lebensmittel, die stärker strahlen als deutsche Produkte kurz nach Tschernobyl, nicht in den Einzelhandel gelangen. Damit könnte man sich einigermaßen sicher fühlen. Doch die europäischen Regierungen sind ja nicht dumm – was sollten sie mit tonnenweise verstrahlten Lebensmittel wie zu Tschernobyls Zeiten anfangen? In Castoren packen und zwischenlagern? Nein.

Die Lösung lautet, dass man nur die Grenzwerte für radioaktiv belastete Lebensmittel erhöhen muss, und schon werden verstrahlte japanische Produkte (darunter in Deutschland beispielsweise 90 Tonnen Import-Fisch jährlich[2]) in den Körpern von 500 Millionen EU-Bürgern verteilt zwischengelagert. Das hat die EU-Kommission am 26. März per Eilverordnung getan: Sie rief eine „nukleare Notsituationen“ aus und erhöhte die Strahlungs-Grenzwerte „der meisten Lebensmittel für Cäsium-134 und Cäsium-137“ auf „1250 Becquerel. Für Milcherzeugnisse sind nun statt 370 Becquerel 1000 Becquerel erlaubt.“[1]

Nach einer einmonatigen Abklingzeit auf Frachtschiffen könnte vermutlich der bisher höchstbelastete japanische Spinat, in dem 100 Kilometer südlich von Fukushima 2000 Becquerel Cäsium pro Kilo gemessen wurden,[2] in Europa nicht verkauft werden. Sonst ergäben sich sogar neue Absatzmärkte für in Japan aus dem Verkehr gezogenes Gemüse.

In diesem Sinne: Grenzwertigen Appetit!

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Eine Antwort zu “Grenzwerte des guten Appetits

  1. In Japan aus dem Verkehr gezogene Lebensmittel könnten tatsächlich in die EU exportiert werden, erklärt Werner Eckert.[1] Was der Vorteil der Grenzwerterhöhung sein soll, konnte er aber auch nicht erklären.

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