Privacy Taken for Granted

Erstaunt es, dass in dem Interview von Hugh Grant und Paul McMullan der Schauspieler die Fragen stellt und der Paparazzo antwortet, der Schauspieler ein Band mitlaufen lässt und den Paparazzo ohne dessen Wissen aufnimmt, der Schauspieler einiges Neues erfährt und der Paparazzo seine Weltsicht mitteilt? Klar. Diese Konstellation ist sogar so erstaunlich, dass nach nur einer Nacht die Verschwörungstheorie fertig ist, die das Interview als Fake verdächtigt, der nur dazu ausgedacht sei, in einer rechtlichen Grauzone Whistleblowing zu betreiben, ohne dafür vor Gericht belangt werden zu können.[1]

Würde daran einer der Beteiligten Interesse haben?

Eher nicht. McMullan dürfte zwar die Werbung für seinen Pub zu schätzen wissen, aber sein Whistleblowing-Buch wird sich weder besser verkaufen, noch überhaupt veröffentlicht werden, da die rechtlichen Probleme ja weiter bestehen bleiben. Grant hingegen lässt als Motiv durchblicken, den Spieß umdrehen und sich an den Paparazzi rächen zu wollen, die ihm einige Schwierigkeiten bereitet haben. Dafür ist es aber Bedingung, dass McMullan nichts davon weiß und eher mit Ärger für seine Aussagen zu rechnen hat als mit Nutzen.

Eine Verschwörung zum Whistleblowing ist es wohl nicht; eher ein publizistisches Experiment. Und tatsächlich ein ergiebiges, denn die Einschätzungen von jemandem, der mit Privatsphäreneinbruch aller Art sein Geld verdient (hat), zu konfrontieren mit dem kopfschüttelnden Staunen des Kinostars, der nicht glauben will, dass man so etwas für gerechtfertigt halten kann, birgt wirklich neue Einsichten.

Kann man solche Interviews zur Wiederholung empfehlen?

Nein. Um mit Kant zu formulieren: Die Publicität der Maxime würde den Erfolg der Handlung vereiteln.[2] Wenn Paparazzi plötzlich damit rechnen müssten, dass ihre Äußerungen von Prominenten an die Öffentlichkeit gezerrt werden, dann würden sie wohl plötzlich so einsilbig werden und sich auf vorgestanzte Wischi-Waschi-Floskeln beschränken, wie es heute alle professionell in der Öffentlichkeit Stehenden tun. Und dann bliebe von der Authentizität der ungeschützt formulierten Weltsicht nur das Gekünstelte, das niemand mehr sehen will.

The Guardian skizziert die Entstehung und einige Hintergründe des international Aufsehen erweckenden Interviews. Dabei ist der Gedanke interessant, dass Prominente heute öffentlich für mehr als Spendengalas eintreten. Doch ob Grant als Promi-Aktivist richtig eingeordnet ist, erscheint eher fraglich.

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