Zitate sollen 500 Euro kosten

Erstauntes Aufhorchen dürfte es bei Berufsgruppen geben, die sich viel mit dem Zitieren anderer befassen, etwa Wissenschaftler und Journalisten, aber auch in Verlagen und Bildungsorganisationen, wenn sie von der jüngsten Initiative des Springer-Verlags erfahren:

„Gestern erhielt der Münchener Journalist Claus Vester, der unter anderem die Kinderbuchwebsite Erlebnis Lesen betreibt, ein Schreiben des Axel-Springer-Verlages, in dem er aufgefordert wird, wegen der Verwendung eines 397 Zeichen langen Zitats aus einer Rezension des Kinderbuchs Skogland 500 Euro zu zahlen. Vester hatte das Zitat allerdings nicht direkt der Springer-Publikation entnommen, sondern der Website des Oetinger-Verlages, der damit das Buch bewirbt.“[1]

Das obige Zitat hat übrigens 401 Zeichen. Und Bildblog vertraut wohl darauf, dass der Heise-Verlag sich kein Beispiel an den absurden Machenschaften von Springer nehmen wird: In Bildblog 6 vor 9 ist das Zitat in ganz ähnlicher Weise verwendet wie das inkriminierte Rezensionszitat aus „Die Welt“ auf Vesters Website, nämlich im Kontext anderer Zitate und ohne großartige selbstgemachte Kommentierung.

Es ist ein Tanz auf dem Vulkan, Blockzitate vorzutragen, selbst wenn sie ordentlich ausgewiesen sind. Zum Beispiel dieses 527 Zeichen lange Zitat aus dem Urheberrechtsgesetz (UrhG):

㤠51
Zitate
Zulässig ist die Vervielfältigung, Verbreitung und öffentliche Wiedergabe eines veröffentlichten Werkes zum Zweck des Zitats, sofern die Nutzung in ihrem Umfang durch den besonderen Zweck gerechtfertigt ist. Zulässig ist dies insbesondere, wenn
1. einzelne Werke nach der Veröffentlichung in ein selbständiges wissenschaftliches Werk zur Erläuterung des Inhalts aufgenommen werden,
2. Stellen eines Werkes nach der Veröffentlichung in einem selbständigen Sprachwerk angeführt werden,
3. einzelne Stellen eines erschienenen Werkes der Musik in einem selbständigen Werk der Musik angeführt werden.“[2]

Die Überlegung des Springer-Verlags lautet wohl, das Genre der Presseschau könne Zitate nicht rechtfertigen. Erster Effekt des Bekanntwerdens dieses Vorgehens war jedenfalls, dass aus den Presseschauen zum besprochenen Kinderbuch der entsprechende „Welt“-Schnipsel entfernt wurde.[3][4] Dass man sich bei Springer aber auch nicht fragt, inwiefern Buchmarkt und Rezensionswesen aufeinander zitierend angewiesen sind, ist ebenso irritierend wie der Bericht, dass Springer in einer eigenen Abteilung systematisch nach solchen Zitaten sucht und eine Tabelle der zu erhebenden Lizenzgebühren aufgestellt hat.[1]

Der Fall gelangte rasch an die Öffentlichkeit. Das ist wohl der Tatsache geschuldet, dass Springer sich den falschen Adressaten für seine „Lizenzgebühr“-Forderungen ausgesucht hat: Claus Vester verlor 2001 ein Gerichtsverfahren, in dem er einem Unternehmen die Verwendung eines (nicht als Zitat ausgewiesenen) Textes von ihm verbieten lassen wollte.[5] Die (1603 Zeichen lange) Passage enthalte „keine eigenschöpferische Leistung“, urteilte das Landgericht Düsseldorf damals.[6]

Andererseits wären manche wohl froh, wenn sie sich durch Zahlung von 500 Euro pro Zitat reinwaschen könnten. Guttenberg zum Beispiel durfte ja die ordentlich ausgewiesenen Zitate in „seiner“ Dissertation benutzen. Wenn er nun für die nicht ordentlich ausgewiesenen Zitate, die Plagiate, je 500 Euro zahlen würde, müsste er bei den über 1200 Plagiaten[6] nur … 600.000 Euro berappen. Damit wäre er sogar billig davongekommen,  da er sich dann die 750.000 Euro, mit denen er in seiner Dissertationszeit die Uni Bayreuth sponsorte,[7] ja hätte sparen können.

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Eine Antwort zu “Zitate sollen 500 Euro kosten

  1. Andere „Kunden“ des Springer-Verlags erklären nun, grundsätzlich auf eine Zusammenarbeit mit diesem Haus verzichten zu wollen.[1]

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