Vier Farcen und eine Tragödie

Erheitert es, dass es mit der Geschichte wie mit dem Fernsehen ist: Nach der Tragödie kommt die Farce, und nach der Erstausstrahlung die Wiederholung?

Karl Marx schrieb 1852:

„Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“[1]

Hegel hat das nirgendwo bemerkt. Marx aber schwebten konkrete Beispiele für die geschichtlichen Wiederholungen im tragisch-absurden Gewand vor:

Caussidière für Danton, Louis Blanc für Robespierre, die Montagne von 1848-1851 für die Montagne von 1793-1795, der Neffe für den Onkel.“[1]

Für Marx waren es die großen welthistorischen Erscheinungen. Doch auch im Kleinen, Unwichtigen lassen sich solche Wiederholungen finden:

Eine Tragödie …

Wachstum der Plagiat-Fundstellen in Guttenbergs Arbeit in der zweiten Februarhälfte

Wachstum der Plagiat-Fundstellen in Guttenbergs Arbeit ab 16.02.2011

Karl-Theodor zu Guttenberg, der Held des Konservatismus, hat einen tiefen Sturz vom strahlenden Hoffnungsträger eines ganzen (un)politischen Lagers zum wissenschaftlichen Betrüger, ehrlosen Schandfleck und allgemein bekannten Spottnamensgeber erlebt. Seine Fans haben bitterlich den Fall ihrer Ikone beweint, 500.000 Facebook-Freunde sind verbittert. Es war eine Tragödie. Sogar die ehemaligen Parteifreunde sind sich heute sicher: Nie wieder kann KT in die Politik zurückkehren.[2]

Die Farcen zu diesem Drama, das die Republik zwei Wochen lang elektrisierte, sind freilich mannigfach:

… und vier Farcen

Silvana Koch-Mehrin interessiert eigentlich niemanden. Die Bildzeitung hat sie gefeiert – zwar nicht im Ausmaß Guttenbergs, aber für die bescheidenen Maßstäbe von FDP-Politikerinnen und Europaabgeordneten konnte man auch sie als Hoffnungsträgerin bezeichnen. Ihre Doktorarbeit war ebenso erschwindelt wie die des Freiherrn. Sie wurde ebenso entlarvt, hat vor dem Rücktritt ebenso lange gezögert. Was macht ihren Fall zur Farce? Dass niemand ihr nachtrauert, politische Gegner wie Parteifreunde ihre Ämteraufgabe schulterzuckend hinnehmen – und dass sie nicht wirklich zurücktritt:

Plagiatsfunde bei Silvana Koch-Mehrin, 12.05.2011

32,84 % Seiten mit Plagiatsfunden bei Silvana Koch-Mehrin, 12.05.2011

Ihr Mandat im Europäischen Parlament will sie behalten und hofft nun, dass die Überprüfung ihrer Dissertation durch die Universität Heidelberg „vertraulich, fair, nach rechtsstaatlichen Maßstäben und ohne Ansehen der Person durchgeführt und nicht dadurch belastet wird, dass ich herausgehobene Ämter innehabe“.[3] Zur Farce macht sie sich selbst, indem sie die selben Strategien verfolgt wie der fränkische Adlige, obwohl sie doch gemerkt haben müsste, dass es nichts genutzt hat.

Auch Matthias Pröfrock, baden-württembergischer CDU-Abgeordneter, haben die Plagiatejäger aufgespürt.[4] Er hat laut VroniPlag Wiki auf der Hälfte der Seiten seiner Dissertation abgeschrieben.[4] Noch unwichtiger als Koch-Mehrin, gehört zu Pröfrocks absurden Auszeichnungen, dass der Plagiatsverdacht sechs Tage nach seiner Wahl in den Landtag (27. März 2011) aufkam. Er kann noch Jahre länger Abgeordneter bleiben, wenn er das Geld so dringend braucht wie Koch-Mehrin. Besonders absurd ist Pröfrocks zwei Tage nach den ersten Funden auf seiner Homepage veröffentlichte Erklärung, wie unschuldig er sei, und dass er die „saubere und schnelle“ Aufklärung durch die Universität Tübingen unterstützen wolle: Die hat er nämlich ebenso von Guttenberg plagiiert[5] wie die Idee, den Doktortitel „vorerst“ ruhen zu lassen.[6]

Seiten mit Plagiatsfunden in Pröfrocks Dissertation

49,55 % Seiten mit Plagiatsfunden in Pröfrocks Dissertation, 12.05.2011

Veronica Saß muss man bedauern, dennoch ist sie ein weiterer Fall von Plagiats-Farce. Als Tochter Edmund Stoibers ist sie in der Öffentlichkeit weithin unbekannt, trotzdem wurde sie zur Namensgeberin des erfolgreichsten deutschen Post-Guttenberg-Plagiate-Wikis, des VroniPlag Wiki. Saß fehlt sogar der eigene Wikipedia-Artikel – und wenn jemals einer angelegt wird, dann heißt es darin wahrscheinlich nicht, sie sei „eine deutsche Juristin“, sondern „eine deutsche Plagiatorin und Tochter Edmund Stoibers.“ Denn das dürften die Eigenschaften sein, mit denen Saß die Relevanzhürde überspringt. So jedenfalls liest sich die Pressemitteilung der Universität Konstanz, in der die Aberkennung von Saß‘ Doktortitel bestätigt wird.[7]

Plagiatsfunde in der Dissertation von Veronica Saß, 25.04.2011

53,98 % Seiten mit Plagiatsfunden in der Dissertation von Veronica Saß, 25.04.2011

Doch die größte Farce zur Guttenberg-Tragödie ist – wie schon zu Napoleons Zeit – der Meister selbst: Am „Tag des Plagiats“, wie der 11. Mai 2011 und jeder künftige 11. Mai heißen sollte, weil die Plagiatsmeldungen sich an diesem Tag überschlugen wie nie zuvor – an diesem dunklen Mittwoch also berichtete die Süddeutsche Zeitung gleichermaßen vom lesenswerten Abschlussbericht der Uni Bayreuth,[8] vom ersten Strafantrag gegen Guttenberg[9] und – dramatische Pause – von dessen Rückkehr auf die politische Bühne, dem „Beginn eines großen Comebacks“.[2] Man darf gespannt sein auf Guttenbergs Hundert Tage, auf sein Waterloo und sein St. Helena.

94,4 % der Seiten in Guttenbergs Dissertation

Das Meisterstück: 94,4 % der Seiten in Guttenbergs Dissertation enthalten Plagiate

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5 Antworten zu “Vier Farcen und eine Tragödie

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