Keine Plagiate, nur kopierwürdige Texte

Er lachte schallend über die einen, schmunzelte über die anderen Guttenberg-Witze der vergangenen Wochen. Zuerst ein eigener:

Es gibt keine Plagiate. Es gibt nur Texte, die würdig sind, von Guttenberg kopiert zu werden, und andere, die es nicht sind.

Der ist natürlich plagiiert. Inhalt und Form sollen sich ja entsprechen. Aber er ist von Chuck Norris, irgendwie.

Es folgt ein performativer Spaß der Extraklasse. Wenn das nicht strafbar wäre, sollte es jeder machen:

„Als meine Frau vor ein paar Jahre anregte,  dass ich mir eine Bahncard 25 zulegen solle, schrieb ich mich online bei ‚bahn.de‘ ein und bestand auch alle Prüfungen die zum Erlangen der begehrten Bahncard zu absolvieren waren. Mein  ‚Doktorvater‘ Hartmut Mehdorn stellte mir umfangreiche Fragen (Geburtsdatum, Kreditkartennummer) die ich jedoch alle korrekt beantworten konnte. Irgendwo in der Online-Prüfung musste man auch angeben, ob auf der Bahncard vor dem eigenen Namen ein Titel stehen soll. Wenn ich mich recht erinnere, waren zur Auswahl Titel wie Professor, Graf, König, Diktator und eben auch Doktor.“ (Heiner Hänsel in frankfurter-magazin.de)

Realsatiren

In der Kategorie Realsatire sind heuer zahlreiche Beiträge zu nennen. Nur halbernst kann das Interview von Deutschlandradio Kultur mit Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, gemeint gewesen sein:

„Guten Morgen, Herr Kitzler!“ –  „Inzwischen ist ja auch das Gutachten von Professor Peter Häberle veröffentlicht, mit dem er sein summa cum laude, also die Bestnote für Guttenbergs Doktorarbeit begründet hat. Guttenberg habe, so der angesehene Bayreuther Juraprofessor, ein, so wörtlich, ‚großes Thema in mustergültiger Weise bearbeitet und viel Lob verdient‘. Wirkt das nicht auch auf Sie wie eine Realsatire?“ – „Ja, das Ganze ist schon eine schlimme Sache, und wir müssen uns wirklich überlegen, welche Konsequenzen das hat und was das eigentlich bedeutet. Faktisch scheinen mehrere Leute hinters Licht geführt worden zu sein.“

Auf VroniPlag Wiki schlägt derweil jemand vor, statt weiter Titel zu entziehen wie am Fließband, sollte man einen neuen Titel einführen:

„Man sollte stattdessen den Dr. proz. (xx) einführen, wobei der Klammerausdruck den Plagiatsanteil (in Prozent) in der Dissertation darstellt.“[1]

Das erinnert ein wenig an die neue Doping-Beurteilungs-Methode der Tour de France: Jeder Radfahrer bekommt einen Verdachtsgrad auf einer Skala von 0 bis 10.[2] Vielleicht sollten ihm bei den Zeitfahren der Tour so viele Minuten draufaddiert werden? Das könnte für ein faireres Ergebnis sorgen.

Eigentlich eine ernste Sache, ist die Bundeswehrreform im Kontext der mangelnden Ernsthaftigkeit, mit der manche deutschen Politiker ihre akademischen Qualifikationen errungen haben, ein bezeichnendes Gesellenstück. Was Guttenberg beim Rücktritt ein „bestelltes Haus“ genannt hatte, sei eher eine Bruchbude, lässt sich die neueste Kritik zusammenfassen.[3] Aber wenn Blender als besonders geeignet für solche Polit-Jobs angesehen werden (und zu den wenigen gehören, die sie auch machen wollen), dann darf man sich nicht wundern, was da am Ende rauskommt.

Der Wähler nimmt es Politikern womöglich nicht einmal übel, wenn sie plagiieren. Der ohnehin umstrittene Stuttgarter Landtagsabgeordnete Reinhard Löffler (CDU) hatte bei der Landtagswahl nicht mehr Einbußen zu verzeichnen als seine Parteifreunde, obwohl kurz zuvor ein dreistes Plagiat und die noch dreistere Erklärung Löfflers dazu an die Öffentlichkeit gelangt war:

„Der CDU-Kandidat Löffler wiegelt die Vorwürfe derweil ab. Er habe lediglich aus einer Sammlung von ‚innovativen und originellen‘ Ideen und Geschichten bedient, die aus einem ein Zirkel von IBM-Mitarbeitern namens ‚Wild Duck‘ gespeist werde und dem auch er als IBM-Direktor angehöre: ‚Da hat jeder Zugriff, das ist keine Frage des Urheberrechts‘, so Löffler gegenüber der Stuttgarter Zeitung. Er habe den ‚lockeren Beitrag‘ für ‚Trottwar‘ zudem ‚angepasst‘.“[4]

Einen Fall von Realsatire hamma noch: Die gegenwärtige Falscher-Doktor-Manie nutzen auch dunkle Gestalten wie der AIDS-Leugner und Germanische-Neue-Medizin-Freund Stefan Lanka, um ihre eigenen Süppchen zu brauen. Lanka wirft Wirtschaftsminister und FDP-Chef Philipp Rösler vor, „illegal“ promoviert zu haben, da es sich „nur um die statistische Auswertung einer früher von anderen geplanten und durchgeführten Studie“ handele.[5] Woher der selbsternannte Experte aber die Kompetenz nimmt, inhaltliche Anforderungen an eine Dissertation zu stellen, weiß wohl nur er selbst.

Lanka könnte auch ein Anhänger dieser interessanten und wissenschaftlich bewiesenen Theorie sein: „Smartphones so wichtig wie Sex.“[6] Oder dieser: „Blau ist das neue Braun“[7] über die Verschwörung der Nazischlümpfe.

Außenseiter-Spitzenreiter

Überhaupt haben die Wikis VroniPlag und PlagiPedi sowie das inzwischen für den Grimme Online Award nominierte GuttenPlag das Plagiatefinden zu einem echten Gesellschaftsspiel gemacht. Mit Hilfe der zugrundeliegenden Wikia-Software wird automatisch eine Rangfolge der Top-Mitarbeiter erstellt. Bei der Addition der drei PlagiatejägerRanglisten führen die Mitarbeiter „Nerd wp“ (3110 Punkte) und „KayH“ (2600 Punkte), beide bei Gutten- und VroniPlag angetreten, mit großem Abstand vor jedem nur in einem Wiki Aktiven.

Mit Hilfe dieser Ranglisten lässt sich auch die Aktivität der Plagiats-Wikis untereinander vergleichen: GuttenPlag hat vier Benutzer, die darin mehr Punkte haben als der beste Mitarbeiter von VroniPlag. Doch VroniPlag expandiert noch. PlagiPedi erweist sich als deutlich weniger dynamisch. Sein bester Mitarbeiter wäre bei GuttenPlag gerade auf Rang 19. Und die Spitzenreiter des österreichischen Plagiats-Wikis „Initiative Transparente Wissenschaft“? Nur zwei Aktive dort könnten beim sonst abgeschlagenen PlagiPedi die Ränge 4 und 5 belegen. Die Methode von VroniPlag, nach- und nebeneinander verschiedene Fälle zu bearbeiten, in denen bereits ein starker Plagiatsverdacht vorliegt, scheint am aussichtsreichsten für die nächsten Monate zu sein.

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Eine Antwort zu “Keine Plagiate, nur kopierwürdige Texte

  1. Pingback: Die Jäger müssen das Wild stellen: Anonymität im Plagiatswiki | Erbloggtes

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