Die Jäger müssen das Wild stellen: Anonymität im Plagiatswiki

Er wähnte sich auf der sicheren Seite, der anonyme Beiträger zur Gemeinschaftlichen Plagiatssuche. Doch ist Anonymität in Anti-Plagiats-Wikis wie dem inzwischen auch bei der New York Times bekannten VroniPlag eigentlich eine Gefahr oder eine Chance?

Hetzjagd gegen anonyme Plagiatssuche

Von Anfang an wetterten die Plagiatorenfreunde gegen die Anonymität der Plagiatssucher. Damit versuchten sie, deren Motive in Zweifel zu ziehen. Sie unterstellten parteipolitische Interessen. Unterstellen kann man Vieles. Aber relevant sind solche Unterstellungen nicht für die Bewertung der Ergebnisse der Plagiatejagd. Warum sind es nur CDU-/CSU-/FDP-Politiker, die als Plagiatoren identifiziert werden? Das ist eine interessante Frage, der sich das neue Wiki Doktorarbeitendomino.de systematisch annimmt. Aber es ist irrelevant für die völlig andere Frage, ob jeweils Dissertationsbetrug vorliegt, ob er verwerflich ist, und ob der betroffene Politiker für politische Ämter geeignet ist.

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Jedem fälschlich promovierten Politiker müsste man raten, einen Anwalt zu finden, der alle namentlich bekannten Plagiatssucher, abmahnt, Unterlassungserklärungen verlangt und auf die Unbescholtenheit ihres Mandanten verweist. Kooperative Suche heißt ja eben, dass man es noch nicht beweisen kann. Damit wären alle Plagiatssucher der üblen Nachrede verdächtig, und ihnen drohten bis zu zwei Jahre Haft. Außerdem sollte man als promovierter Politiker Medienberater engagieren, schon um sich neue Ausreden einfallen zu lassen. Die Medienberater sollten Storys lancieren, in denen den namentlich bekannten Plagiatssuchern niedere Motive „nachgewiesen“ werden.

Bei Leuten wie beispielsweise Hadmut Danisch würde es skrupellosen Medienmanipulatoren wohl nicht schwer fallen, sie als charakterschwache, streitsüchtige Versager zu porträtieren, die selbst so viele Leichen im Keller hätten, dass sie sich Äußerungen über Guttenberg, Koch-Mehrin und Co. gar nicht erlauben dürften. Wenn es noch zu einem Fall Dr. Kristina Schröder kommen sollte, wird an Danischs kritische Analyse von deren Promotion noch zu denken sein.[3] In der Guttenberg-Affäre wurden auch angesehene Professoren Opfer von solcherlei Angriffen.[4]

Was bleibt ihnen anderes übrig?

Das wäre eine erfolgversprechende Medienstrategie, die die verzweifelten Plagiatoren nur zu gerne benutzen würden. Aufgrund der überwiegenden Anonymität (eine erste Reportage siehe hier) bleibt ihnen aber nichts anderes übrig als Verdächtigungen von Denunziantentum und Vorverurteilung zu erfinden. ‚ Parteifreund aus der F(reie) D(eutsche) P(lagiatorenpartei), Alexander Alvaro, macht es so.[5] Michael Spreng findet dessen Motive durchsichtig, gibt ihm aber das Recht zum Angriff auf das „anonyme Denunziantentum im Internet“.[6] Wer steckt dahinter, fragt er weiter:

„Ich weiss es nicht, aber ich würde es gerne wissen. […] Leider ist Anonymität eine Internet-Seuche, die ich auch bei den Kommentaren meines Blogs erleben muss. Es ist schade, dass im Internet  kaum noch einer mit seinem Namen zu dem steht, was er tut oder schreibt. Es wird Zeit, dass sich die ‚VroniPlag‘-Aktivisten zu erkennen geben. Die Jäger müssen sich stellen.“[6]

Dabei interessiert den Ex-BamS-Chef nur seine persönliche Neugier. Doch daraus kann man keinen moralischen Anspruch ableiten. So ganz durchdacht hat Spreng das nicht, sonst würde die rechts wiedergegebene Grafik in seinem Blog seinen persönlichen Grundsätzen widersprechen. Tut sie aber nicht, wie er in einer Klarstellung betont.[7]

Sprengs Antwort auf Kritik an seinen steilen Thesen besteht in einem Hohelied der Meinungsfreiheit (die im Widerspruch zur Anonymität stehe),[7] übersieht jedoch ein entscheidendes Detail: Plagiatssuche besteht nicht aus (freier) Meinung. Plagiatssuche ist beweisfähige, beweisbedürftige und – richtig gemacht – bewiesene Tatsachenbehauptung. Man könnte auch sagen: Es sind Informationen (keine Meinungen), die – wie Sprengs toter Briefkasten – „nachrecherchiert, kritisch überprüft und dann unter meinem Namen veröffentlicht“[7] werden können.

Die Springer-Presse ist ja allgemein nicht für abgewogene Wertungen und überprüfte Informationen bekannt, sondern für radikale Meinungsfreudigkeit. Aber dass sie so weit geht, die Plagiatssucher für „so schlimm wie“ die Plagiatoren zu erklären und dabei mit Begriffen wie „moderne Blogwarte“ nicht zimperlich ist, zudem die Suche nach Plagiaten mit Betrug gleichsetzt, das ist ein starkes Stück. Die angesehene Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff berichtet dies[8] und ergänzt die wertvolle Einsicht in eine E-Mail unter vielen, die sie in dieser Sache erreichen:

„Was haben Sie eigentlich in Ihrem 54jährigen Leben bisher an qualitativ Hochwertigem für die Menschheit geleistet? Sie haben viel kostbare Zeit für Ihre Hetzjagd vergeudet, stimmt’s? Oder haben Sie vielleicht nichts Besseres zu tun?“[8]

Argumente für Anonymität

Doch die Position der Anonymitätsverächter ist argumentativ denkbar schwach: Denn das Ergebnis der Plagiatsjagd sind ja genau überprüfbare Sachverhalte, und dafür braucht man keinen namentlich bekannten Finder, nur einen namentlich bekannten Prüfer. Indem Journalisten, Wissenschaftler, Universitätskommissionen und Gerichte die Plagiatsvorwürfe im Einzelnen prüfen, geben sie ihnen ihren Namen. Das reicht völlig aus. Das Suchen braucht keinen Namen. Das Prüfen und Begründen braucht ihn.

Anonymität ist in einigen Bereichen ein akzeptabler Preis für die Wohltaten, die die Anonymen der Gesellschaft erweisen. Whistleblower müssen anonym bleiben können, sonst werden keine Skandale aufgedeckt. Bekannte Whistleblower-Aktivisten wie Wikileaks-Macher Julian Assange wissen, was bei Enttarnung droht. Quellenschutz, das heißt die Anonymität der Informanten von Enthüllungs-Journalisten, ist auch eine Bedingung von Pressefreiheit.

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11 Antworten zu “Die Jäger müssen das Wild stellen: Anonymität im Plagiatswiki

  1. anonymous

    Die öffentliche Auseinandersetzung mit einer frei zugänglichen vom Verfasser als wissenschaftlich ausgegebenen Arbeit, oder eben das Lesen und Kommentieren eines Buches, als Denunziantentum zu bezeichnen, legt doch in beeindruckender Weise dar wie notwendig die Arbeit in diesem Wiki ist.

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