Plagiatsforschung abseits des Medieninteresses – langwierige Detektivarbeit

Erforschtes, das erstreckt sich bei Debora Weber-Wulff nicht nur auf Plagiate. Als Medieninformatikerin hat sie jede Menge Publikationen zu bunten Themen aus dem Bereich Mensch und Technik vorgelegt. Aber in letzter Zeit gilt:

Plagarism seems to have turned into a hot topic for me…. someone has asked me if I’m writing a book. Maybe.“[1]

Vor 10 Jahren hat Weber-Wulff erstmals eine Online-Hilfe zur Aufdeckung von Plagiaten erstellt. Im Jahr darauf schrieb die gebürtige US-Amerikanerin für den UniSpiegel eine vierteilige Reihe über sich selbst: „Eine Professorin auf Plagiat-Jagd“.[2] Seit der Plagiatsminister ins Straucheln kam, ist die Dekanin des Fachbereichs 4 (Wirtschaftswissenschaften II) der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin) in den Medien sehr gefragt, bis hin zu Ferndiagnosen über Guttenbergs Geisteszustand.[3]

Die seit 2004 in der Wikipedia unter dem Pseudonym WiseWoman Aktive trat schon im Februar 2011 den „Plagiatsjägern“ von GuttenPlag und PlagiPedi bei und ist seit Mitte April bei VroniPlag mit von der Partie, wo sie sich jüngst auch über einen Plagiatsfall an ihrer eigenen Hochschule zu Wort meldete (mehr dazu hier). Kurz nach ihrem Beitritt zu VroniPlag ging sie mit dem Trend dieser Tage und eröffnete am 17. April 2011 ein weiteres, kleines, privates Plagiatswiki. Abseits der üblichen Aufregung ist sie bisher die einzige Mitarbeiterin dieses Projekts,[4] das nicht die geistigen Diebstähle eines schillernden Politikers untersuchen soll, sondern eines schillernden Wissenschaftlers:

GottiPlag Wiki – Plagiate in Serie

GottiPlag Wiki ist nicht etwa die vokalverschiebende Apotheose des großen Plagiators Gutti. Es befasst sich mit dem Lebenswerk des deutschen Ökonomen Hans Werner Gottinger. 1943 geboren, wurde er bereits 1973 Professor in Bielefeld und 1979 erstmals wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens entlassen.[5] Richtigen Rummel um seine Plagiatorentätigkeit gab es allerdings erst 2007 und 2008, als die Zeitschrift Nature mehrfach über ihn berichtete und von 13 bestätigten Fällen von Plagiaten sprach.[6]

Gottingers Karriere verspricht Einsichten in das Funktionieren und Scheitern von Plagiaten. Aber es ist ein detektivisches Projekt, das Weber-Wulff begann, indem sie die ersten Worte in das GottiPlag Wiki tippte: „Hans-Werner Gottinger is a serial plagiarist. This wiki is for documenting the facts connected with this person.“[7] Bei diesen Fakten ist eine ebenso kleinteilige Überprüfung notwendig wie bei Gottingers Texten: Eigene Angaben über Professuren an namhaften Hochschulen und Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Vereinigungen haben sich bereits so häufig als falsch herausgestellt, dass vielleicht nicht einmal er selbst noch weiß, wann er wirklich wo welche Stellung inne hatte.[6]

Jahrzehntelang ist Gottinger mit solchen Methoden voran gekommen und hat es – so Wikipedia – auf „über 100 wissenschaftliche Artikel in Fachjournalen“ gebracht. Einen eigenen Beleg hat diese Angabe nicht, sie könnte auch von „Gotti“ selbst in das Online-Lexikon eingefügt worden sein. Wie ein Waisenknabe sieht Gutti neben Gotti aus. Aber Parallelen sind unverkennbar: Plagiate, Lebenslaufmanipulation und – wer weiß? – falsche Angaben in der Wikipedia-Biographie. Auch Hochstapelei erweist sich als graduelles Phänomen.

GottiPlag steckt noch in den Kinderschuhen – und wird wohl in den nächsten Wochen keine „Barcodes“ plagiierter Seiten vorstellen. Aber weitere Mitarbeiter könnte das Projekt sicher gebrauchen. Dass viele Plagiatssucher die Mechanismen des systematischen Plagiierens zu enthüllen helfen, wäre „WiseWoman“ ebenso zu wünschen wie der Wissenschaft.

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Eine Antwort zu “Plagiatsforschung abseits des Medieninteresses – langwierige Detektivarbeit

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