Konsequenzen eines Professoren-Plagiats

Erregte selten Erbloggtes solches Aufsehen, so folgte diesmal auf einen Artikel über „Plagiatsvertuschung an der HTW Berlin“ ein Leseransturm, der dieses Blog bei den WordPress-Blogs-of-the-Day auf Platz 5 der deutschen „Growing Blogs“ beförderte.

Screenshot der WordPress-Growing-Blogs vom 22.05., 22:22h

Screenshot der WordPress-Growing-Blogs vom 22.05., 22:22h

Dass ausgerechnet Deutschlands Claqueur-&-Hetz-Blatt Nr. 1 am 23.05. in dieselbe Kerbe schlug und kurzerhand Debora Weber-Wulff zum Verlierer des Tages erklärte (siehe unten), ist Grund genug, sich nochmal eingehend mit dem Fall zu befassen und der von Weber-Wulff beklagten Emotionalisierung die eingeforderte nüchterne Analyse[1] folgen zu lassen. Denn wer mit den Diekmann-Boys einer Meinung ist, hat allen Grund zu der Annahme, dass er gehörig falsch liegt.

Strukturanalyse einer erfolgreichen Empörung

Screenshot Bild (e-paper), 23.05.2011

Weber-Wulff zum Elch zu erklären ist wie gewohnt dummdreist.

Strukturell hat Weber-Wulffs Kollege an der HTW, Thomas Simeon, seine Studenten und YouTube dafür genutzt, von seiner Hochschule zu fordern, dass sie mit einem Plagiatsfall in den eigenen Reihen offensiver und öffentlicher umgeht, als es zuvor geschehen ist. Die Verlängerung dieser Bemühungen sind Beiträge wie der von Erbloggtes, Diskussionen auf Twitter, vor allem aber auf Facebook, und letztlich – nur „kunstvoll“ verdreht und auf den Affektgehalt reduziert – auch Bild.

Zu den rhetorischen Mitteln, die Simeon zu diesem Zweck eingesetzt hat, zählt die Gegenüberstellung einer formalrechtlichen Begründung Weber-Wulffs für ihr Schweigen über die Plagiatsbeteiligten (Amtsverschwiegenheit) mit der grundgesetzlichen Garantie von Wissenschaftsfreiheit. Hinzu kam die Umdeutung, nicht das Amtsgeheimnis zu wahren sei Rechtspflicht der Hochschule, sondern die Strafanzeige eines möglichen Plagiators wegen Betrugsverdachts. (Beide Argumente sind letztlich schwer haltbar.) Dadurch versuchte Simeon, die Praxis der HTW zu delegitimieren, die den Fall als intern behandelt und erledigt betrachten wollte, den Plagiator als angemessen bestraft, die Hochschulöffentlichkeit als angemessen informiert.

Als Folge des großen Interesses an Simeons These von der Plagiatsvertuschung durch den Akademischen Senat der HTW („Sie haben gehofft, dass keiner das Protokoll liest.“[2]) kann man jedoch annehmen, dass letzteres offenbar nicht zutraf, daher der Fall auch nicht hinreichend erledigt war. Daher sah sich nicht nur Dekanin Weber-Wulff zu einer Erklärung genötigt, sondern heute auch die HTW-Hochschulleitung zu einem Statement veranlasst. Spätestens durch die Veröffentlichung einer Chronologie des HTW-Plagiatsfalls hat Simeon seine Forderung nach öffentlicher Behandlung erfolgreich durchgesetzt.

Entscheidungsgründe für eine Rüge

Nachdem Weber-Wulff als Begründung dafür, dass der plagiierende Professor mit einer Rüge davongekommen ist, eine Gleichbehandlung von Studenten und Professoren angeboten hatte, nannte die Hochschulleitung heute einen besseren Grund. Dass die einfache Gleichheit von Studenten und Professoren einer verbreiteten Gerechtigkeits-Intuition widerspricht, zeigt nicht zuletzt der aktuelle Stand einer Erbloggtes-Umfrage. Die HTW erklärte also nun:

„Im Mittelpunkt steht der Vorwurf eines HTW-Absolventen, sein Hochschullehrer habe Auszüge aus seiner Diplomarbeit in einem Buch und einer Zeitschrift verwendet, ohne dies in Form einer Quellenangabe kenntlich zu machen. […] Dabei liegt ein minderschwerer Fall vor, da der Hochschullehrer keine Ideen des Absolventen im eigentlichen Sinn ohne Quellenangabe gestohlen habe, sondern lediglich Zusammenfassungen seiner eigenen Lehrveranstaltungen.“[3]

Diese Darstellung lässt vermuten, dass der Student zwar als Urheber des Textes identifiziert wurde, aber nicht der zugrundeliegenden Ideen. Diese stammten demnach in wesentlichen Teilen vom Professor, der daher so etwas wie ein Miturheber des plagiierten Textes sei. Etwa so dürfte die Kommission für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs (FNK) der HTW ihre Entscheidung begründet haben.

Gerechtigkeit einer Hochschulkommission

So (oder anders) zu entscheiden, dazu ist die FNK zweifellos berechtigt. Durch Einhaltung des vorgeschriebenen Verfahrensweges hat die HTW ihr Vorgehen rechtlich abgesichert. Durch die anonymisierte – aber öffentliche – Darstellung des Verfahrens hat die HTW heute die Initiative ergriffen, um nicht den Vorwurf auf sich sitzen zu lassen, sie verheimliche, dass es im eigenen Haus wissenschaftliches Fehlverhalten gebe. Das ist sicherlich ein richtiger Schritt.

Angesichts des horrenden Skandalisierungspotentials von Plagiaten dieser Tage weiß man auch nicht, ob man es einem Täter – oder selbst einem Plagiatsopfer – wünschen sollte, dass sein Name öffentlich gemacht wird. Die Öffentlichkeit ist in solchen Dingen sicher nicht die absolut gerechte Richterin, besonders in der Wissenschaft, in der Ansehen und guter Ruf die entscheidenden Währungen sind.

Würde das Opfer eine öffentliche Behandlung seines Falles wünschen, könnte es selbst damit an die Öffentlichkeit gehen. Kein Datenschutz, der vor allem den Täter schützt, wie Simeon meinte, könnte es daran hindern, selbst Strafanzeige wegen einer Urheberrechtsverletzung zu erstatten. Denn rechtlich scheint der Diplomand allein Urheber des plagiierten Textes zu sein. Fremde Ideen sind zwar wissenschaftsethisch geschützt, rechtlich aber nur in Form von Patenten und ähnlichem.[4]

Ein Gerichtsverfahren würde daher womöglich zu anderen Ergebnissen gelangen als die FNK der HTW (zu der Weber-Wulff übrigens nicht gehörte). Hinzu kommt, dass vor Gericht ein Richter über einen Professor urteilt, in der FNK hingegen eine Professorenmehrheit.[5] Deren Interessenlage garantiert keineswegs, dass die FNK sie zu einem unparteiischen Urteil kommt: Die Hochschätzung der professoralen Lehrveranstaltung und die Geringbewertung der davon inspirierten studentischen Texterschaffung mag ein Bias einer Professorenmehrheit sein, ein anderer ist der Wunsch, nicht an einer Skandal-Hochschule zu lehren.

Hochschulpolitische Konsequenzen

Dies führt zu einer ganz bestimmten hochschulpolitischen Forderung: Gerechtigkeit in der Behandlung von Studenten, Doktoranden, Mitarbeitern und Professoren, die Plagiate begehen oder sonstwie gegen die Hochschul-Satzungen und die wissenschaftliche Redlichkeit verstoßen, gibt es nur, wenn nicht die einen, die Professoren, die „Bestimmer“ sind. Und das gilt nicht nur für die Zusammensetzung von Kommissionen zur Entscheidung von Einzelfällen, sondern vor allem für die Gremien, die die Regeln machen, nach denen entschieden wird. Anfang der 1970er Jahre kannte man diese Forderung unter der Bezeichnung Drittelparität. Doch diese Idee der Reformuniversität konnte sich in der konservativen Universitätslandschaft nicht durchsetzen – letztlich waren es die Professoren, die ihre Vorrechte behielten.[6]

Professoren sind daher auch nicht völlig unschuldig am Fehlverhalten von Studenten und Doktoranden. Die Plagiatsforschungen von Debora Weber-Wulff weisen da in die richtige Richtung. Schärfer formuliert hat seine Erfahrungen mit plagiierenden Studenten jüngst der bekannte streitbare Historiker Götz Aly, der „ein erhebliches, zum Teil wohl habituelles Desinteresse staatlich besoldeter Hochschullehrer am Lernerfolg ihrer Studenten“[7] diagnostizierte.

In seiner einsichtsvollen Kolumne in der linksliberalen Berliner Zeitung beschrieb er „Meine kleinen Guttenbergs“ (I, II, III) und suchte nach systemischen Gründen, warum Studenten plagiieren. Dabei ging er mit seinen verbeamteten Kollegen hart ins Gericht und forderte:

„Es ist an der Zeit, dieses verantwortungslose Nichtstun, das hinter dem hochtrabenden Begriff ‚Hochschulautonomie‘ versteckt wird und sich in ineffizienter Selbstverwaltungsfolklore auslebt, zu beenden. Auf diesem Treibsand bauen Betrüger wie Guttenberg.“[7]

Professoren Nichtstun vorzuwerfen, ist von Aly gewohnt provokativ. Doch richtig ist zumindest, dass es nicht zu den für Macht, Anerkennung und Berufszufriedenheit entscheidenden Aufgaben von Hochschullehrern gehört, Studenten gut auszubilden. Wenn sie es dennoch tun, dann aus Überzeugung – aber das System macht es ihnen nicht leicht.

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9 Antworten zu “Konsequenzen eines Professoren-Plagiats

  1. Pingback: Plagiatsvertuschung an der HTW Berlin | Erbloggtes

  2. Morgen berichtet die Berliner Zeitung über den HTW-Plagiatsfall.[1] Bereits gestern berichtete der Tagesspiegel.[2] Und übermorgen kommt der HTW-Präsident in Simeons Kurs „Kommunikationssoziologie“ – bzw. er besetzt den Kursraum zur Kurszeit[3]:

    „Wer Fragen hat und Aufklärung in dem Plagiats-Fall sucht, erhält in der kommenden Woche die Gelegenheit: Der Präsident unserer Hochschule, Herr Prof. Dr. Heine, steht Ihnen am Donnerstag (26.05.) um 11.30 Uhr in WH C 340 zur Verfügung.“[4]

    Das (und seine Verbreitung durch den Studiengangssprecher Professor Hase über Facebook) kann man durchaus so deuten, dass die Aufregung unter Simeons Studierenden hochgekocht ist. „Der Fall liegt nicht im Fachbereich 4,“ teilte Professor Hase weiter mit.

  3. Update: Professor Hase teilt mit, dass Prof. Simeon „durch seinen Rechtsanwalt eine Diskussion […] mit dem Präsidenten Prof. Heine“ verweigere. Daher „wird Prof. Heine zu den Vorwürfen in einem anderen Raum Stellung beziehen und diskutieren. Dazu wird Prof. Heine am geplanten Tag Donnerstag, 26.05 zur gleichen Zeit 11.30 Uhr allerdings im Raum WH C 335 sprechen.“[5] Man darf gespannt sein, vor allem, ob es wieder YouTube-Videos gibt.

  4. Pingback: HTW-Präsident trägt Studierendenden seine Position vor: Alles Super! | Erbloggtes

  5. Götz Aly hat dem Deutschlandradio Kultur heute ein sehr hörenswertes Interview gegeben.[1]

  6. Pingback: Drittelparität und Plagiatsbekämpfung: alter Wein, neue Gründe | Erbloggtes

  7. Götz Alys Kolumne „Meine kleinen Guttenbergs“ geht weiter mit Teil IV. Aly zeigt auch, wie Zitieren richtig geht: 1. Eine zitierwürdige Quelle finden, zum Beispiel Erbloggtes; 2. Anführungszeichen setzen; 3. Quelle angeben. Gar nicht so schwer – das darf man auch von Politikern verlangen.

    Leider, leider – aber das ist womöglich der Schlussredaktion der Zeitung zuzurechnen – macht Aly den Fehler, innerhalb von Anführungszeichen Worte zu verändern. Erbloggtes findet seine Thesen nämlich „provokativ“, Aly schreibt aber „Provokant“. Das ist inhaltlich zwar kein Unterschied, schreibt Bastian Sick, aber Zitat ist Zitat. Da kann man als Historiker gar nicht genau genug sein. Aber Aly ist eben auch ein Provokateur.

  8. Pingback: Öffentlichkeit und Informationskontrolle im Post-Papier-Zeitalter | Erbloggtes

  9. Pingback: Wechselnde Medienaufmerksamkeit in 20 Fällen von Plagiatsverdacht | Erbloggtes

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