Mehr als Plagiate? VroniPlag erhebt schwere Vorwürfe gegen Djir-Sarai

Erreicht es auch bei Bijan Djir-Sarai schnell die Funddichte anderer Plagiatsfälle, so muss sich VroniPlag in diesem seinem jüngsten Fall doch mit einem neuen Phänomen auseinandersetzen. Die Neuß-Grevenbroicher Zeitung aus Djir-Sarais Wahlkreis berichtete über VroniPlags Angaben:

„Djir-Sarai habe auf einer Seite seiner Arbeit einen Text wörtlich aus einer Publikation übernommen und ihn einem anonymen Interview-Partner (‚Nummer 8‘) in den Mund gelegt.“[1]

Neue Qualität der Vorwürfe

VroniPlag präsentiert diesen Sachverhalt unter „Herausragende Fundstellen“ und schreibt, die Zitate „wurden diesem Interviewpartner somit in den Mund gelegt“.[2] Dem entsprechend heißt es bei den Fundstellen jeweils: „Der Verfasser fingiert hier also eine Interview-Äußerung.“[3][4]

Das ist ein schwerwiegender Vorwurf. Denn anders als Plagiate, die im Idealfall eine Wiederholung von etwas Wahrem sind (wonach die Wissenschaft strebt), ist die Fälschung von Forschungsdaten nicht der Versuch, Wahres als Eigenleistung darzustellen, sondern Falsches als Wahres darzustellen. Daher ist es wissenschaftlich noch verwerflicher – strafrechtlich hingegen vermutlich gar nicht zu belangen. Selbst wenn es nur eine einzige kleine Stelle gäbe, an der man einem Delinquenten die absichtliche Manipulation von Daten nachweisen könnte, würde der Wert seiner Dissertationsschrift schlagartig auf Null sinken – ganz ohne Plagiatsvorwürfe.

Bei Djir-Sarais Doktorarbeit geht es sogar um mehrere Stellen:  Zusätzlich zur Erfindung von Interviewaussagen auf Seite 159 und 172 wirft VroniPlag dem FDP-Politiker vor, auf den Seiten 60-63 Zahlen von 2002-2004 als Zahlen von 2006 ausgegeben zu haben.[2] Doch sind diese Vorwürfe der Datenmanipulation beweisbar?

Daten: fortgeschrieben, verschleiert, falsch?

Zu Seite 63 heißt es, Djir-Sarai habe aus einem Text vom August 2005 plagiiert. Das ist höchstwahrscheinlich richtig, wie die Gegenüberstellung zeigt. (Womöglich schreiben PVC-Verbände auch gerne von sich selbst ab, aber das ist hier irrelevant.) VroniPlag ordnet den Abschnitt als „Verschleierung“ ein, da ein Beleg (AgPU 2006a) angegeben wird, der Text aber identisch mit einer anderen Quelle ist. Das Plagiat ist also gut abgesichert. Doch VroniPlag merkt an:

„In der angegebenen Quelle Nachhaltigkeitsbericht 2006 (AgPU 2006a) findet sich der Sachverhalt nicht. Man kann in einem aktuellen Jahr auch nicht die Zahlen für dasselbe Kalenderjahr veröffentlichen. Tatsächlich übernimmt der Autor Text aus einer Image-Broschüre der AgPU aus dem Jahr 2005. Die Jahreszahl 2002 wird durch 2006 ersetzt.“[5]

Doch im Nachhaltigkeitsbericht 2006 (AgPU 2006a) stehen die hauptsächlichen Aussagen: „Insgesamt erwirtschafteten die etwa 100.000 Beschäftigten 14 Milliarden Euro Umsatz“ (S. 4), belegt inhaltlich Djir-Sarais Formulierung:

„Im Jahr 2006 erwirtschafteten in Deutschland die PVC-Hersteller und Verarbeiter 14 Milliarden Euro Umsatz. Rund 100.000 Beschäftigte finden in der PVC-Branche Arbeit.“ (S. 63)

Die entspricht zwar recht genau (Textdifferenz rot hervorgehoben) der „PVC Produktinformation Nr. 1“ von 2005, in der es heißt:

„Im Jahr 2002 erwirtschafteten die deutschen PVC-Hersteller und Verarbeiter rund 14 Milliarden Euro. Rund 100.000 Beschäftigte finden in der PVC-Branche Arbeit.“ (S. 3)

Doch dass der Nachhaltigkeitsbericht 2006 dieselben Zahlen nennt wie die „PVC Produktinformation Nr. 1“ für 2002 kann man Djir-Sarai nicht als Datenfälschung anlasten. Man kann es zwar als dumm bezeichnen, so ungenaue Zahlen aus so unwissenschaftlichen Quellen zu entnehmen und nicht zu beachten, wann und wie diese Daten erhoben wurden und ob sie sich überhaupt auf 2006 beziehen. Ebenfalls dumm (oder: wissenschaftlich ungenügend) kann man nennen, dass diese Zahlenangaben zwar für eine Lobby-Veröffentlichung relevant sein mögen, in der Argumentation dieser Dissertation aber völlig überflüssig sind. Sie zu fälschen ergibt also keinen Sinn. Ihre einzige Funktion ist: Füllstoff. Und als solcher wurden die Angaben ja – wie VroniPlag wohl richtig vermutet – aus Veröffentlichungen der PVC-Industrie kopiert.

Interviews: erfunden, umformuliert, beweisbar?

Aber außer der Fälschung verdächtigten Zahlenangaben ging es ja auch um erfundene Interviewinhalte. Hier stellt sich die Frage, warum Djir-Sarai Interviews dadurch aufpeppen sollte, dass er informative Aussagen aus anderen Quellen hineinschneidet. Dafür gibt es zwei mögliche Motive: Erstens könnte eines der Interviews, nämlich „Nummer 8“, vollständig erfunden sein. Das ist ein übler Vorwurf, der über Plagiate insofern hinaus geht, als selbst Guttenberg sowas vermutlich nicht getan hätte. Die Wahrscheinlichkeit ist zudem nicht sehr hoch. Zweitens könnte das Interview in diesen Punkten unergiebig gewesen sein; der Doktorand aber noch solide Aussagen benötigt haben, die seine eigene Argumentation stützen. Warum er diese Aussagen nicht aus ihren Originalquellen entnommen (und diese angegeben) haben sollte, sondern zum Interview hinzu erfunden, bleibt dabei aber fragwürdig.

Vielleicht ist das ja alles zu sehr aus der Perspektive eines ehrlich nach Erkenntnis und wissenschaftlicher Beweisführung strebenden Doktoranden gedacht. Aber: Woher will VroniPlag wissen, dass der Interviewpartner – ein „Leiter Umweltfragen“ in seinem Betrieb – nicht (im Rahmen der bei Interviews üblichen Rede-zu-Schrift-Formulierungsänderungen) etwas gesagt hat, was so ähnlich klang wie das kurz zuvor veröffentlichte Fazit von „PVC heute“ (S. 43)? Es ist nicht auszuschließen, dass in dem Interview solche Sätze gefallen sind; oder dass Djir-Sarai durch „redaktionelle Änderungen“ das Interview entsprechend angepasst hat. Es geht dabei etwa um die nicht sehr lange und nicht sehr spezifische Textstelle:

„Der meist angewendete Weichmacher war lange Zeit DEHP, bis der Verdacht der Fortpflanzungsschädigung und die darauf aufbauende Kennzeichnungspflicht zum verstärkten Einsatz von Alternativen geführt haben.“ (S. 172)

Djir-Sarai wäre es nicht vorzuwerfen, wenn sein Interviewpartner diesen Satz gesagt haben sollte. Und da er – nach eigenen Angaben – die Interviews aufgezeichnet hat, könnte er auch beweisen, dass es so war – wenn es so war.

Risiko unbewiesener Thesen für VroniPlag

Der für VroniPlag entscheidende Punkt ist, dass das Plagiatswiki hier den Bereich verlässt, in dem es alles beweisen kann, was zu seinen übersichtlichen Plagiats-Barcodes zusammengenommen wird. Kann Djir-Sarai eine überzeugende Interview-Aufzeichnung vorlegen, dann sind damit mehrere Funde von VroniPlag als falsch-positiv charakterisiert – mit unabsehbaren Folgen. Kann er keine Interview-Aufzeichnung vorlegen, dann ist seine Doktorarbeit ohnehin verloren – darum ist er gut beraten, der Uni Köln schnellstmöglich zugänglich zu machen, was ihn entlastet und die Ergebnisse von VroniPlag in Zweifel zieht.

Die Aufzeichnung ganz zu veröffentlichen, um das Vertrauen, das Plagiatswikis durch die prinzipielle Überprüfbarkeit ihrer Aussagen bisher genießen, zu erschüttern, könnte sogar eine offensive PR-Strategie sein für einen Politiker, der sich bisher darauf beschränkt, auf seiner Homepage mitzuteilen:

„Ich habe Kenntnis, dass die Universität Köln meine Doktorarbeit überprüft. Ich gehe davon aus, dass die Universität mich in das Verfahren einbezieht. Daher sehen Sie es mir bitte nach, dass ich derzeit keinen Anlass für eine weitergehende Stellungnahme sehe.“[6]

Mit spekulativen Aussagen über Inhalte von Quellen und Abläufe bei der Erstellung von Djir-Sarais Dissertation tut sich VroniPlag jedenfalls keinen Gefallen. Der VroniPlagger „Hindemith“ hat schon Recht, wenn er sagt:

„Als ob das Plagiat an sich irgendwie weniger schlimm wäre, wenn es von einem politischen Extremisten, Versager, Denunzianten oder sexuell frustrierten Wichtigtuer gefunden worden wäre.“[7]

Aber unbewiesene Sachverhalte mag man Plagiatswikis dann vielleicht doch nicht einfach glauben, solange noch andere Erklärungen möglich sind.

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3 Antworten zu “Mehr als Plagiate? VroniPlag erhebt schwere Vorwürfe gegen Djir-Sarai

  1. Guten Tag,
    bezüglich https://erbloggtes.wordpress.com/2011/06/05/mehr-als-plagiate-vroniplag-erhebt-schwere-vorwurfe-gegen-djir-sarai/ bin ich der Auffassung, dass Sie Ihre Anmerkungen zum „Vorwurf“ der Datenverlegung revidieren müssen. Die Quelle AGPU 2006a bezieht sich bezüglich der Umsatz- und Beschäftigungszahlen eindeutig auf 2005. Die Erläuterung, wie die Statistik zusammengestellt wird, steht in PVCplus 2005 für die Zahlen zum Jahr 2002. Weitere Informationen unter http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Diskussion:Bds/Herausragende_Fundstellen Diskussion.

  2. Das Plagiat ist unbestritten. Aber die Verteidigungsstrategie von Djir-Sarai gegen den Vorwurf der Datenfälschung muss lauten: Ach, ich dachte in AgPU 2006a stehen Daten für 2006. Dass das gar nicht geht, habe ich wohl in der Eile übersehen, oder ich habe mich bei der Jahresangabe vertippt. Einen bewussten Versuch der Täuschung habe ich zu keinem Zeitpunkt – und ich betone: zu keinem Zeitpunkt – beabsichtigt.

    Mit dem Jahresbezug hat Djir-Sarai es wohl ohnehin nicht allzu genau genommen: Auf S. 62 beginnt er ebenfalls mit „Im Jahr 2006“, spricht dann sogar von „heute“ und belegt das mit „(PVCplus 2005: 4)“.

    Der Punkt ist: VroniPlag kann nicht wissen, wie jemand genau vorgegangen ist, wo genau er (wenn es mehrere Möglichkeiten gibt) etwas abgeschrieben hat, ob es weitere, unbekannte Quellen gibt, und vor allem: was sich jemand dabei gedacht hat.

    Daher sind die gegenwärtigen Ausführungen auf Bds/Herausragende Fundstellen deutlich differenzierter als zuvor. Auch der Vorwurf, Interviews fingiert zu haben, ist zugunsten des Hinweises auf auffällige Übereinstimmung (bei der sich jeder denken mag, was er will) abgeschwächt. Das spricht für eine gute Qualitätskontrolle, die keine Angriffspunkte bieten will.

    Aber der Kommentar zu Bds/063 behauptet immer noch, in der angegebenen Quelle „findet sich der Sachverhalt nicht“. Doch, die Daten 14 Milliarden Euro & 100.000 Beschäftigte finden sich dort. Allerdings nicht die Erläuterung zum Umfang der Statistik wurde. Die findet sich tatsächlich (nur?) in PVCplus 2005.

    Schönen Gruß

  3. Pingback: Einfach nur Bijan Djir-Sarai, ohne Doktor | Erbloggtes

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