Ist VroniPlag eine Tyrannis?

Erblödete sich Dr. Georgios Chatzimarkakis, Westerwelles Dummheit von der „spätrömischen Dekadenz“ noch zu übertreffen, indem er behauptete, die Plagiatssuche bei VroniPlag entspreche der Tyrannis, „ganz im altgriechischen Sinn: Hier werden Politiker bestimmter Couleur willkürlich gejagt“?[1]

Erneut erlaubt sich Chatzimarkakis unhaltbare Ausfälligkeiten unter Verweis auf Griechenland, diesmal das antike. Seine Invektiven gegen das moderne Griechenland hatten den VroniPlagger KayH erst auf Chatzimarkakis‘ Dissertation aufmerksam gemacht.[1] Sehr ärgerlich ist dabei, dass Journalisten in solchen Fällen völlig darauf verzichten, über das nachzudenken, was Polikiker von sich geben. Hauptsache es klingt blumig und provokativ.

Tyrannenmord als letzter Ausweg

Selbst beim kurzen Nachdenken, was „Tyrannis“ eigentlich bedeutet, hätte jedem auffallen können, dass Chatzimarkakis‘ Äußerung ebenso substanzlos ist wie seine Doktorarbeit: Tyrannis ist die Bezeichnung einer als illegitim bewertete Herrschaftsform, in der ein Alleinherrscher die Macht in Händen hält. Kennzeichnend ist dabei, dass er die Macht durch Gewalt erlangt hat, sie mit Willkürakten und Brutalität verteidigt, und schließlich gewaltsam gestürzt wird („Tyrannenmord“).

Wenn Chatzimarkakis das Konzept des legitimen Tyrannenmordes bekannt ist, dann lässt sich auch nachvollziehen, welchen – womöglich unbewussten – Wünschen der Vergleich von VroniPlag und Tyrannis entspringt: Jeder Deutsche ist laut Grundgesetz, Artikel 20, Absatz 4, berechtigt, einen Tyrannen gewaltsam zu beseitigen, „wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“[2] Ein solcher unausgesprochener Wunsch ist ja sogar verständlich, da die sorgfältige Arbeit der „Tyrannen“ nun droht, (nicht nur) Chatzimarkakis glänzende Karriere zu zerstören. Angesichts des aufscheinenden Gewaltpotentials dürften sich die VroniPlagger glücklich schätzen, anonym zu sein.

Jeder Schüler weiß doch, wenn man ihn fragt, was ein Tyrann ist, dass es ein gewalttätiger Alleinherrscher ist und dass man das heute eher Diktator nennt. Nun fragt sich, wo Chatzimarkakis die Gewalt ausgemacht haben will, wen er in der absoluten Machtposition vermeint, und welches die bestimmte Couleur von Politikern sein soll, die angeblich „willkürlich gejagt“ würden?

Historische Vergleiche – Demokratie und Ochlokratie

Vielleicht sollte man FDP-Politikern Schulungen im rhetorischen Einsatz historischer Gleichsetzungen anbieten. Da könnte man ihnen dann erklären, dass Tyrannis-Vergleiche eine abgeschwächte Variante des Hitlervergleichs sind. Müller-Vogg fände das, auf VroniPlag angewandt, bestimmt angemessen.[3] Vielleicht sollte man den FDP-Lautsprechern aber auch erläutern, dass eine anonyme Masse, die gemeinschaftlich ihre politischen Angelegenheiten regelt, besser als Demokratie, „ganz im altgriechischen Sinn“, zu bezeichnen wäre. Ja, genau, das ist so wie in „Freie Demokratische Partei“. Ob Chatzimarkakis davon schon mal gehört hat?

Freilich ist das Bild, das die FDPlagiatoren von ihrem gefährlichsten Gegner, der Öffentlichkeit, evozieren wollen, ein anderes: Der antike Historiker Polybios hat einen umfassenden Staatsformenvergleich angestellt und dabei die Tyrannis als bösartige Form der Monarchie definiert. Die bösartige Form der Demokratie nannte er Ochlokratie, zu deutsch Pöbelherrschaft. Dieses Zerfallsprodukt einer korrumpierten Demokratie ist dadurch gekennzeichnet, dass die Herrscher, die anonymen Massen, nicht mehr das Gemeinwohl anstreben, wie in der Demokratie, sondern nun ausschließlich ihrem Eigennutz frönen, in der Politik nur ihre Privatinteressen durchzusetzen versuchen und dabei Habgier und Skrupellosigkeit an den Tag legen.

Das ist es, was Chatzimarkakis und seine Parteifreunde, die nun die ehrenamtlichen, um wissenschaftliche Maßstäbe bemühten Plagiatssucher angreifen, eigentlich über die Plagiatswikis mitteilen wollen. Das Paradoxe an dieser propagandistischen Darstellung von VroniPlag ist aber, dass die der Ochlokratie zugeschriebenen Eigenschaften sich ziemlich genau mit den verbliebenen Kernbestandteilen des FDP-Parteiprogramms decken.

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6 Antworten zu “Ist VroniPlag eine Tyrannis?

  1. Karl Eduard

    Ist das nicht so? Also Leute schliessen sich zu einem virtuellen Mob zusammen, um Verbrecher zu enttarnen. Was soll das sonst sein, wenn wildfremde Leute sich berufen fühlen, in der Vergangenheit anderer Leute herumzustochern. Woanders wird sich über den Überwachungsstaat aufgeregt aber der hat wenigstens noch Datenschutzbeauftragte. Wer kontrolliert eigentlich die Meute? Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Oder waren es Absichten?

  2. Das rhetorische Interesse der FDP für antike Geschichte ist in der Tat bemerkenswert.
    Das könnte man mal weiterspinnen.

    Ist der derzeitige 4 Parteien Einheitsbrei die moderne Form der Tetrarchie?

    Ist die Herrschaft der Finanzindustrie, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung einer Schein-Republik, vergleichbar mit dem Prinzipat des Augustus?

    Mehr als genug Stoff für eine Doktorarbeit

    Herr Chatzimarkakis sollte an seiner Stelle mal froh sein, dass die „Jagd“ auf Politiker einer „bestimmten Couleur“ schön transparent und demokratisch im Netz vor sich geht. Man möchte fast sagen: Noch.

  3. sebastianAnna Nym

    Ein sehr schoener Artikel!

  4. Vielen Dank für die kontroversen Kommentare. Sie zeigen sehr schön das Meinungsspektrum. Leider konnte ich den Ausführungen von Karl Eduard nicht entnehmen, was er meint. Ist er der Ansicht, die Bundesrepublik sei eine Ochlokratie? Die Akademiker von VroniPlag seinen der Pöbel? Oder ein Tyrann? Und wo er jeweils die Begründungen für seine Ansichten hernimmt…

    Von Lappen darf man sich dagegen noch erhoffen, dass er ein Programm für FDP-Schulungen im rhetorischen Einsatz historischer Gleichsetzungen ausarbeitet. Die Thesen sind zwar altertumskundlich gewagt, aber sie müssen ja auch das Interesse ihrer Anwender finden. 😉
    Weitere Themenvorschläge: Sind die Gracchischen Reformen für die Entstehung des Populismus verantwortlich? – Ist die Christenverfolgung die Ursache für die Entstehung des Fundamentalismus? – Bricht ein neuer Seevölkersturm über uns herein, wenn Hollands Deiche bersten?

  5. @KarlEduard:
    „Was soll das sonst sein, wenn wildfremde Leute sich berufen fühlen, in der Vergangenheit anderer Leute herumzustochern.“

    Es stochert doch niemand in der Vergangenheit rum? Erst recht nicht in der privaten.
    Es wird in öffentlich publizierten Arbeiten „herumgestochert“. Demzufolge ist es auch völlig egal, ob das ein „Wildfremder“ oder sonst wer tut. Mit dem Einverständnis zur Publikation hat der Autor ja sein Einverständnis gegeben, sein Werk „Wildfremden“ zugänglich zu machen.

    @Erbloggtes: Das freut mich, dass Du mir eine beratende Position innerhalb der FDP zutraust 😉 Nach Beendigung meiner Tätigkeit winkt evtl. ein Posten in irgendeinem gut bezahlten Aufsichtsrat. Verlockend.

  6. Also ich versteh den @Karl Eduard auch nicht… wenn er Dr. Karl Eduard heißen würde, könnte ich meinen, er hätte Angst um seinen eigenen Dr. Titel.. aber so… hmm…

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