Uwe Brinkmann rettet sein Amt, Chatzimarkakis sogar seinen Doktor, oder nicht?

Er strebte sieben Jahre lang einen Doktortitel an. Nachdem sein Promotionsbetrug enthüllt ist, möchte Uwe Brinkmann, SPD, die missliche Angelegenheit möglichst rasch und geräuschlos bereinigen. Aber die Medien sind auf ihn aufmerksam geworden. Und nachdem es zwischenzeitlich massenmediale Tendenzen gab, auf eine identifizierende Berichterstattung über Brinkmann zu verzichten,[1] ist diese Option inzwischen nichtig.[2][3][4]

Verwirrung oder absichtliche Realitätsverzerrung?

Manche haben es freilich immer noch nicht mitbekommen, etwa der Publizist mit Meinung zu allem, Hugo Müller-Vogg. Der kann „PlagiPedi Wiki“ noch nicht richtig schreiben, erlaubt sich aber ungute Gefühle über Online-Anonymität, munkelt von dunklen Hintermännern und geheimen Finanziers. Das sind probate Mittel für die Springer-Presse; auch Hugenberg hätte seine wahre Freude daran gehabt. Aber der Cicero? Das „Magazin für politische Kultur“?[5]

Ahnungslos behauptet Müller-Vogg dort aneinandergereihte Unwahrheiten wie diese: „Tatsache ist: Bisher wurden nur Promotionsarbeiten von schwarz-gelben Politikern untersucht.“ Ist er nur schlecht informiert, oder ist das Absicht? „Wie naiv muss man eigentlich sein, um da an Zufälle zu glauben?“ fragt Müller-Vogg und erklärt die „Plagiats-Jäger“ (in sehr eigenständiger Bindestrich-Schreibweise) zu Nazi-Blockwarten, nur schlimmer, da anonym. (Auch vom „SED-Staat“ vermeint er den Begriff „Blockwart“ zu kennen als Synonym für Schnüffler und Zuträger. Da irrt er, wie so oft.)[5]

Doch über Müller-Voggs Missverständnisse lohnt sich das Aufregen nicht. Aufregen muss man sich eher über Zeitungen, die einen seriösen Anspruch vor sich her tragen, und dann am Parteibuch scheitern: Manuel Bewarder von Welt online kennt den Fall Brinkmann.[6] Und er hat mit VroniPlag-Aktivisten gesprochen. Persönlich, so scheint es. Trotz solchen Rechercheaufwandes fällt er jedoch immer noch auf billige PR-Parolen herein, weil sie von irgendwoher aus den Untiefen der „Union“ kommen. Bewarder bezeichnet es als „Kritik von wissenschaftlicher Seite“, wenn der Krisen-PR-Berater Wolfgang Stock, CDU, Dampf ablässt und unsinnige Nebelkerzen zündet:

„‚Wer ist das, der ohne seine Methoden offenzulegen, solche Urteile fällt?‘ Man könne nicht nachvollziehen, welche Qualifikation die Mitglieder haben, um etwa Zitationen zu bewerten. Außerdem sei nicht transparent offengelegt, wie die Gruppe methodisch arbeite. Für Stock ist klar: ‚Nur so könnte auch die Arbeitsweise von VroniPlag mit akademischer Offenheit kritisch überprüft werden.'“[6]

Wissenschaft, das ignoriert Stock, bedeutet Überprüfbarkeit unabhängig von Personen. Diese Überprüfbarkeit wird durch methodisches Vorgehen sichergestellt. Und die Plagiats-Wikis GuttenPlag und VroniPlag sind genau dadurch so bekannt, angesehen und erfolgreich geworden, dass sie streng eine offen erklärte, nachvollziehbare und überprüfbare Methodik befolgen. Warum sonst sollten Promotionsausschüsse ihre Berichte bestätigen und höchstrangige Experten wie der Sprecher des DFG-Gremiums „Ombudsman für die Wissenschaft“, Wolfgang Löwer, staunend ihre Qualität loben?[7]

Wiki-Watch arbeitet hart an der Rettung aller bürgerlich-konservativen Plagiatoren, zumindest vor dem PR-Gau

Doch Tatsachen interessieren Stock und seine Kollegen von der PR-Firma „Convincet GmbH“ naturgemäß wenig, wenn es darum geht, für echte oder imaginierte Klienten zu trommeln. Bereits im Februar erregte das von Stock & Co. betriebene Internetportal Wiki-Watch einige Aufmerksamkeit, weil Wikipedia-Administratoren darauf aufmerksam geworden waren, dass anscheinend Wiki-Watch zurechenbare Benutzerkonten Manipulationen im Sinne von Pharmakonzernen an Wikipedia-Artikeln vorgenommen hatten. Dies und einige interessante personelle Details berichtete auch Erbloggtes damals.

Nun könnte, so darf man annehmen, „Convincet“ es darauf abgesehen haben, sich im Wachstumsmarkt der Plagiats-Krisen-PR günstig zu positionieren. Denn was Wiki-Watch seinen Kunden schon damals für Wikipedia anbot, gilt heute gleichermaßen für Plagiats-Wikis:

„Ärgern Sie über einen Artikel über sich selbst oder eine Institution, für die Sie Verantwortung tragen? Längst haben PR-Strategen, Cyber-Warriors und Lobbyisten Wikipedia entdeckt. Positiv gefärbte PR zu verbreiten, ist das Eine. Noch größer ist die Verlockung, einen Konkurrenten in Wikipedia zu diskreditieren. Oft merken das Betroffene nicht – oder viel zu spät.“[8]

Auch wenn die PR-Leute den Satzbau immer noch nicht beherrschen, wie im ersten zitierten Satz, arbeitet Wiki-Watch doch fleißig vor sich hin, behauptet so allerlei, was Plagiatoren-Lobbyisten gut in den Kram passt, über Plagiats-Wikis, versucht seine PR-Arbeit sogar in VroniPlag direkt einzubringen. Wenn das scheitert, weil die VroniPlagger nicht so dumm sind, wie die Plagiatoren sie gerne hätten, dann muss ein echter Wiki-Watcher vorgehen wie bei Wikipedia: Kritik löschen, aus dem Staub machen, und anderswo weiter Propaganda betreiben. Diese jüngeren Entwicklungen mit Links zu belegen würde der Tätigkeit von Wiki-Watch zuviel der Ehre angedeihen lassen. Nur so viel: Wiki-Watch-Kompagnon Weberling hat für seine Klienten schon einmal ausgearbeitet, was seiner Meinung nach ein Plagiat ist und was nicht.[9]

Verschiedene Plagiatoren, verschiedene Strategien

Für die Dienstleistungen von PR-Managern und Rechtsanwälten haben sich durch die Tätigkeit der Plagiats-Wikis neue Tätigkeitsfelder eröffnet. Und nachdem Guttenberg und Koch-Mehrin eine unterschiedliche, aber gleichsam schauerlich schlecht beratene Strategie verfolgt haben,[10] ist es auch in diesem neuen Wirtschaftszweig höchste Zeit für eine Professionalisierung. Ob Uwe Brinkmann schon ein gutes Berater-Team hat, ist unbekannt; ob er sich die Dienste der CDU-nahen „Convincet GmbH“ leisten kann und möchte, ebenfalls. Jedenfalls war er schnellentschlossen[11] und hat damit sogar die VroniPlagger milde gestimmt.[12]

Aber der mediengewandte Jorgo Chatzimarkakis, FDP, der könnte es rausreißen, wenn er heute, am 20. Juni 2011, in Begleitung eines Anwalts an der Uni Bonn sein Verteidigungsplädoyer hält.[13] Auf ihm ruht die Hoffnung aller Plagiatoren des Landes, und der ganzen FDP. Daher hat er sich gut auf die Anhörung vorbereitet. Seine Strategie lautet:

„Er rechnet vor, dass seine Dissertation 45 Prozent fremdes Gedankengut enthalte: 44 Prozent seien aber korrekt belegt, nur ein Prozent nicht.“[13]

Ohne Worte

Ohne Worte

Heute will auch das FDP-Präsidium zusammentreten, wo „zum ersten Mal überhaupt über die Vorgänge gesprochen werden soll, vor allem über Silvana Koch-Mehrin.“[13] Dass die Partei mit dem Rücken zur Wand steht, ist schwer zu bestreiten, wenn man ihre Handlungsoptionen und deren voraussichtliche Folgen bedenkt. Von der Belastung Koch-Mehrin ist sie noch nicht befreit; Jorgo Chatzimarkakis und Bijan Djir-Sarai sorgen für zusätzliche Spannung für die Partei. Und dann ist da ja auch noch Prof. Dr. Margarita Mathiopoulos, FDP, eine schillernde Figur und ein ganz besonders gelagerter Fall. Da hilft auch keine Realitätsverdrehung durch Wiki-Watch mehr – was die FDP jetzt braucht ist eine allgemeine Plagiats-Amnestie. Dann kann sich Leistung endlich wieder lohnen!

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15 Antworten zu “Uwe Brinkmann rettet sein Amt, Chatzimarkakis sogar seinen Doktor, oder nicht?

  1. Ja, der Hugo Müller-Vogg, wie wir ihn kennen! Allein die Annahme, dass die Aufdecker, deren Kernteam vorwiegend aus Leuten mit akademischem Hintergrund besteht, Betrüger in den von ihnen präferierten Parteien eher dulden würden als im gegnerischen Lager, verrät m.E. mehr über das moralische System dieses Schmierenjournalisten, als über die Wertehaltung der Aufdecker!

  2. Ein interessanter Artikel, danke dafür. Wenn ich die Zeit finde, werde ich das bei mir auch noch einbinden…

    Allerdings muss ich gestehen, dass mir vom ganzen Lug und Betrug langsam schlecht wird und ich allmählich lieber andere Sachen bloggen will….

  3. Frank Überall

    Wieso meinen Sie, dass U. Brinkmann keine Probleme bekommt? Schließlich hatte er nach § 70 Abs. 2 Hochschulgesetz HH in Verbindung mit § 7 Abs. 3 der Promotionsordnung von 1998 (http://www.verwaltung.uni-hamburg.de/vp-1/3/34/intern/posto/promo_rechtswissenschaft.pdf) eine eidesstattliche Versicherung (!) abzugeben, die möglicherweise falsch war. Falsche eidesstattliche Versicherungen sind nach dem Strafgesetzbuch alles andere als harmlos…

  4. Pingback: Ist VroniPlag eine Tyrannis? | Erbloggtes

  5. Die weitere Entwicklung in diesem Fall ist schwer abzusehen, da Brinkmann eine andere Strategie verfolgt als seine Vorgänger. Hermann Horstkotte hat recht intensiv zu dem Fall recherchiert und in der FR ein Szenario geschildert, wie Brinkmann schadlos davonkommen könnte. Das läuft auf den Satz zu: „Bei einem Verzicht bleibt die Frage des Plagiats ungeklärt. Wenn kein direkt Geschädigter Anzeige erstattet, liegt dem Staatsanwalt auch kein Anfangsverdacht vor.“ Das gilt womöglich auch für eine mögliche falsche eidesstattliche Versicherung.

  6. wikipedianer

    Zur Arbeit von Wiki-Watch in der Wikipedia gibt es übrigens auch was ganz aktuelles:
    http://steproe.wordpress.com/2011/06/20/steuerfinanzierte-wikipedia-beeinflussung/

  7. Danke, habe dort gleich kommentiert!

  8. Pingback: Stuttgart-21-Stresstest und kein Ende | Erbloggtes

  9. Pingback: Who watches Wiki-Watch? | Erbloggtes

  10. Pingback: Plagiator Nummer 2: Veronica Saß legt Widerspruch gegen Doktor-Entzug ein | Erbloggtes

  11. Wollte nur kurz sagen, dass ich bei Herrn Stock sicherlich nicht auf plumpe PR reingefallen bin. Die Kritik, die er mir gegenüber äußerte und die im Text landete, ist eben eine, die viele gegenüber den Plags haben. Diese aber nicht zu nennen, würde einem Journalismus, der viele Seiten präsentieren will, damit sich die Menschen da draußen eine Meinung bilden können, nicht entsprechen. Die Vroniplag-Leute haben ja anschließend auch auf die Kritik reagiert.
    Beste Grüße, M. Bewarder

  12. Hallo Herr Bewarder!
    Stocks „Kritik“ ist völlig substanzlos. Wenn Sie unkritisch widergeben, was Stock Ihnen diktiert, dann ist das – Sie verzeihen hoffentlich die deutliche Ausdrucksweise – kein Journalismus, sondern PR-Weiterverbreitung. Ihrem Motto steht das diametral gegenüber: „Mehr als Stenographieren. Journalismus eben.“

    Meiner Ansicht nach sollte Journalismus nicht irgendwelche Meinungen präsentieren, nur um viele Seiten zu Wort kommen zu lassen. Das ist Stammtisch-Stil, oder besser: Diskurs-Simulation. Besser wäre es, fundierte Meinungen wiederzugeben, und wichtige Seiten zu Wort kommen zu lassen. Letzteres kann man bei Stock nur dann als gegeben ansehen, wenn er für eine Parteilinie stünde, die repräsentiert werden soll. Ich hoffe, dass die CDU nicht so eine blöde Parteilinie hat.

    Um das nochmal explizit zu machen: Den wissenschaftlichen Anspruch, den Stock großtönend erhebt, kann er überhaupt nicht einlösen, in keiner Hinsicht. Das geht aus Erbloggtes-Berichten (hier, hier) hervor, und wird in der Medienberichterstattung der letzten Tage nochmal sehr, sehr deutlich. Inzwischen hat ja auch der Lehrstuhlinhaber, der mit Wiki-Watch belastet ist, die erste Distanzierung erkennen lassen und bekundet, dass er von nichts gewusst habe.

    Hat Die Welt eigentlich schon über den Wiki-Watch-Skandal berichtet? Wenn Sie das aufarbeiten wollen, unterstütze ich Sie gern, z.B. mit Links und Insider-Informationen.
    Beste Grüße!

  13. Danke für die Hinweise! Wie gesagt: Die von Stock vorgebrachten Punkte vertreten viele und diese vorzubringen wenn es erstmals bei uns um die Plags geht, finde ich wichtig. Da sind wir offenbar unterschiedlicher Meinung.

  14. Pingback: Wissenschaftliches Arbeiten 1980 – Wissenschaftsdekonstruktion 2013 | Erbloggtes

  15. Pingback: 400 Mal Erbloggtes: Gefragte Themen | Erbloggtes

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