Depublizieren der Tagesschau-App: BDZV will Nutzer zum Zurücklehnen zwingen

Erinnerte sich noch jemand an die vielen verschwundenen Berichte, die seit dem 1. September 2010 dem „Depublizieren“ zum Opfer gefallen sind? Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten waren auf Druck der Zeitungsverlage gezwungen worden, all ihren Internetveröffentlichungen Verfallsdaten zuzuordnen, nach denen sie nicht mehr abrufbar sein dürfen. Nun holt der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) zum nächsten Schlag gegen das öffentlich-rechtliche Internetangebot aus: Acht Zeitungsverlage verklagen ARD und NDR wegen der Tagesschau-App, mit der die Nachrichten aus der renommierten Fernsehredaktion auf Smartphones empfangen werden können.[1]

Und weil es eben die Besitzer einiger der wichtigsten deutschen Zeitungen sind, dürfte die gedruckte öffentliche Meinung alles andere als neutral werden. Die Interessen des Nutzers, des Publikums, des Lesers interessieren die Verleger naturgemäß überhaupt nicht. Daher verbiegen sie die Realität, wie DWDL.de-Chefredakteur Thomas Lückerath kommentiert: Staatsfinanzierte Presse empört sich über ARD. App-Klage: Verleger suchen Rettung in Verlogenheit. Das unabhängige Internet der Blogger, Twitter- und Facebook-Nutzer steht ziemlich geschlossen hinter dieser Interpretation und verachtet die Unfähigkeit der Verleger, im Internet selbst wirtschaftlich erfolgreiche Angebote zu entwickeln. Das zeigt ein Vergleich der Rivva-Auswertungen für die BDZV-Pressemitteilung und Lückeraths deutlichen Kommentar.

Vermutlich liegt sowohl die Unfähigkeit der Verleger als auch ihr schlechter Ruf im Internet daran, dass ihre Branche von alten Männern dominiert wird, die das Internet nur aus Erzählungen kennen. Die Perspektive der Nutzer von Internetangeboten geht dem BDZV systematisch ab, was einiges auch über ihre Weltsicht in Sachen Presse aussagt. Ihr Kunde, so denken sie, wolle sich entspannt Zurücklehnen und Internetnutzen. So stellen sie sich wohl auch den Zeitungsleser in Lean-Back-Haltung vor, vor allem den Abonnenten, dessen größtes Problem mit der Zeitung darin bestehe, wie er seinen Hund dazu bringe, sie ihm an den Frühstückstisch zu tragen.

Erfahrene Internetnutzer hingegen sind das Vorwärtslehnen (Lean-Forward-Haltung) gewöhnt und werden darauf nicht verzichten wollen. Selbst wenn der BDZV bis vor das Bundesverfassungsgericht zieht.[2]

Für eine Weltsicht, die das ignoriert, finden die Verleger aber immer wieder Zustimmung, vor allem bei gleichermaßen analogen Rundfunk-Politikern. Man stelle sich nur Kurt Beck – und zum Vergleich Helmut Kohl – bei der Benutzung des Internets vor und frage sich, wie sich die Kompetenzen der beiden unterscheiden. Gar nicht, ist zu befürchten. Aber Kohl ist ein rheinland-pfälzischer Rentner, und Beck ist der Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, und das seit 1994. Heute ist er maßgeblich an den Weichenstellungen zur Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen im Internet beteiligt.

„Es ist zum Verzweifeln“, sagt Linus Neumann.[3] Oder wie wäre es statt der Alternative Zurücklehnen oder Vorwärtslehnen zur Abwechselung mal mit dem Auflehnen?

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2 Antworten zu “Depublizieren der Tagesschau-App: BDZV will Nutzer zum Zurücklehnen zwingen

  1. Schweizer Medienforscher haben eine wissenschaftliche Analyse der dortigen Regionalzeitungen publiziert. Die Befunde sind auch in Deutschland spürbar und delegitimieren die BDZV-Haltung:

    „Immer weniger Einnahmen sind an eine journalistische Leistung geknüpft. Immer weniger Medieninhalte sind an eine journalistische Leistung geknüpft. Damit verlieren die traditionellen Medien an Bedeutung, und zwar sowohl als Informationslieferanten wie auch als Instanzen der Orientierung. Die journalistische Kernkompetenz der Medien wird so dauerhaft unterhöhlt und öffnet einer PR-geleiteten, durch Partikularinteressen geprägten Berichterstattung die Tore.“[1]

    Vergleiche das hier beschriebene Vorgehen der Convincet-PR.

  2. Pingback: Bloggeburtstag, Öffentlichkeit, Freiheit statt Angst | Erbloggtes

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